Flüssiggasboom : Von wegen temporär
Riesige Investitionen in die Infrastruktur werden Europa für Jahrzehnte ans Gas binden.
Für einen guten Blick auf die Baustelle des Flüssiggasterminals von Stade muss man einen matschigen Pfad am Ufer der Elbe bis zu einem kleinen Leuchtturm entlanglaufen, hinter dem das Gelände weiträumig abgesperrt ist. «Von hier aus hat man den besten Blick auf die Eine-Milliarde-Euro-Baustelle», sagt Martin Lüdders, der in der Nähe aufgewachsen ist.
Der Blick fällt auf einen kürzlich mit Stahlpfeilern abgesteckten neuen Hafen, an dem in rund drei Jahren Flüssiggastanker anlegen sollen. Dahinter sind acht Kräne zu sehen, mit denen derzeit zwei sechzig Meter hohe Tanks mit je achtzig Metern Durchmesser hochgezogen werden. In diesen soll das von den Tankern angelieferte Flüssiggas, auch «liquefied natural gas» (LNG) genannt, gelagert werden.
Die Schweizer Private-Equity-Firma Partners Group ist die treibende Kraft hinter dem Bau. Sie hält eine Mehrheit am Hanseatic Energy Hub, dem Unternehmen, das das Terminal baut und dereinst betreiben wird. Die Partners Group wird von den drei Schweizer Milliardären Alfred Gantner, Marcel Erni und Urs Wietlisbach dominiert, die mit ihrer Kompass-Initiative die Bilateralen III zwischen der Schweiz und der EU torpedieren wollen. Die Gelder, die das Unternehmen aus Baar im Kanton Zug hier investiert, stammen von Pensionskassen und anderen institutionellen Anlegern.
Globales Geschäftsmodell
Stade, rund fünfzig Kilometer nördlich von Hamburg gelegen, ist ein europäisches Epizentrum des globalen Gasbooms. Obwohl sich die Staatengemeinschaft 2015 mit dem Pariser Klimaabkommen darauf geeinigt hatte, bis 2050 den klimaschädlichen Treibhausgasausstoss auf netto null zu senken, werden derzeit weltweit neue Gasinfrastrukturen aufgebaut. Im Zentrum steht dabei das Geschäftsmodell, Gas zu verflüssigen, um es so weltweit verschiffen zu können. Dazu werden in den Exportländern – allen voran den USA – Terminals gebaut, in denen das durch Fracking gewonnene und via Pipeline angelieferte Erdgas mit grossem Energieaufwand und unter hohem CO₂-Ausstoss auf minus 162 Grad heruntergekühlt und damit verflüssigt wird. Dann wird dieses LNG auf Tanker geladen und abtransportiert.
Am Zielort angekommen, benötigen die Tanker für die Entladung ihrer Fracht wiederum spezielle Importterminals, in denen das LNG regasifiziert wird, bevor es über eine Pipeline abtransportiert wird. Abnehmer sollen unter anderem Stromkonzerne sein, die derzeit laut dem Global Energy Monitor weltweit über 1400 neue Gaskraftwerke planen oder bereits bauen – obwohl die Klimabilanz von LNG oft genauso schlecht wie die von Kohle ist, wenn das Gas mit Fracking gewonnen wurde. Denn dabei entweicht nicht selten klimaschädliches Methan in die Atmosphäre.
Es war die russische Vollinvasion in der Ukraine 2022, die den LNG-Boom in Europa ins Rollen gebracht hat. Damals realisierte die EU, wie stark sie sich von russischem Gas abhängig gemacht hatte. Tatsächlich lagen Pläne für Projekte wie jenes in Stade zwar schon lange in der Schublade, doch erst durch die Panik vor einer «Energiekrise» durften Private mit grosszügiger staatlicher Hilfe ihre Baupläne forcieren. In Deutschland hat die Regierung zudem drei Terminalschiffe gechartert, die nun vor der Nordseeküste LNG-Tanker abfertigen können.
Der ortskundige Martin Lüdders engagiert sich bei der Klimabewegung Fridays for Future. Seine Eltern betreiben in der Nähe von Stade eine Obstplantage. Immer wieder seien sie in den letzten Jahren von Dürren betroffen gewesen, sagt er. Die Klimakrise zeige sich bereits sehr deutlich. «Dennoch habe auch ich nach dem Beginn der russischen Invasion gedacht, im Notfall brauche es halt so ein LNG-Terminal», sagt er. Zusammen mit anderen Umweltaktivist:innen sei er vom Hanseatic Energy Hub zum Gespräch eingeladen worden, bei dem man ihnen «Honig um den Mund geschmiert» habe. Dank des Terminals könnten in Zukunft CO₂-freie Energieträger importiert werden, etwa «grüner Ammoniak» aus Wasserstoff, habe es geheissen. Als dann aber bekannt wurde, dass das Terminal erst 2029 fertiggestellt werde, war für Lüdders klar: «Das ist keine Brückenlösung, sondern eine fossile Infrastruktur, die uns für Jahrzehnte von Gas abhängig macht.»
Mit der erneuten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat sich der LNG-Boom weiter beschleunigt. Trump ist ein Verfechter fossiler Energie und hat seinen Wahlkampf von der entsprechenden Industrie mitfinanzieren lassen. Unmittelbar nach seiner Vereidigung hat er sämtliche Beschränkungen der fossilen Industrie, die ihr durch die Regierung von Joe Biden auferlegt worden waren, aufgehoben. Zudem will er den Bau von 43 Windkraftprojekten vor den Küsten stoppen und hat den Bauherren teils hohe Entschädigungen dafür angeboten – allerdings mit der Auflage, dass sie das Geld in fossile Projekte stecken müssen.
Das LNG-Terminal Stade ist derweil in Deutschland keineswegs das einzige geplante Importterminal. Auch in Brunsbüttel, rund vierzig Kilometer nordwärts auf der anderen Seite der Elbe, ist eines in Bau. Der Umweltaktivist Christian Völker, der neben Martin Lüdders beim Leuchtturm steht, spricht von einer «Industrialisierung mit Gewalt». Hier in der Nähe sei einst schon ein Schwerölkraftwerk mit einem 220 Meter hohen Schlot gestanden, das man inzwischen abgerissen habe. Immer noch sichtbar ist auch die Reaktorhülle eines Atomkraftwerks, das 2003 stillgelegt wurde. Die beiden grossen Unternehmen vor Ort, ein Chemiepark des globalen Konzerns Dow Chemical sowie ein Aluminiumoxidwerk, sind auf billige Energie angewiesen.
Doch das Gas, das künftig mit LNG-Tankern nach Stade transportiert wird, ist längst nicht nur für den lokalen Gebrauch bestimmt. Derzeit wird an einer Pipeline mit der Bezeichnung ETL 182 gebaut, die dereinst das angelieferte Gas von Stade und Brunsbüttel aus zum internationalen Gasdrehkreuz Achim bei Bremen transportieren soll. Eine zwanzig Meter breite Trasse wird durch das flache Land Niedersachsens gepflügt, in deren Mitte die Röhre mit 1,4 Metern Durchmesser versenkt werden soll. 500 Millionen Euro kostet das Vorhaben.
Lüdders sagt: «Das ganze Geld, das in den Aufbau der LNG-Infrastruktur investiert wird, fehlt beim Ausbau von erneuerbaren Energien.» Statt solche Importterminals zu bauen, solle man Wärmepumpen und dezentrale kommunale Stromnetze fördern. In Stade ist die Opposition gegen das LNG-Terminal allerdings schwach. Viele im Ort sind bei Dow beschäftigt. Die Firma besitzt ebenfalls Anteile am Hanseatic Energy Hub und befeuert ihr betriebseigenes Kraftwerk mit Gas.
Tristesse in Wilhelmshaven
Neben Stade ist Wilhelmshaven ein zweites Epizentrum des LNG-Booms. Hier liegen seit 2022 beziehungsweise 2025 zwei LNG-Terminalschiffe vor Anker. Anders als Stade, das einen gewissen Reichtum ausstrahlt, ist die Stadt an der Nordsee deutlich im Niedergang begriffen, trotz neuer Investitionen des Bundes in den dortigen grössten Marinehafen Deutschlands. «Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Jungen wandern ab, und die Stadt ist mit fast einer halben Milliarde Euro verschuldet», sagt die Umweltaktivistin Stefanie Eilers. Sie führt die WOZ an diesem Tag durch die Stadt.
Noch Ende der siebziger Jahre zählte Wilhelmshaven rund 100 000 Einwohner:innen, heute sind es nur noch 75 000. Wilhelmshaven war einmal Standort der Schreibmaschinenfabrik Olympia mit 20 000 Beschäftigten. In der Innenstadt strahlen die vielen alten Häuser, von denen nicht wenige leer stehen, zwar einen gewissen Charme aus. Und auch die vielen Schafe, die im Umland an den Deichen grasen, geben ein beschauliches Bild ab. Doch im Norden der Stadt steht eine grosse PVC-Fabrik, die kürzlich Insolvenz angemeldet hat. Unweit davon sind die Überreste einer alten Chlor-Alkali-Fabrik zu sehen, die seit zwölf Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Neben einem stillgelegten Kohlekraftwerk dampft ein zweites vor sich hin, das zu einem Drittel der BKW-Gruppe (vormals Bernische Kraftwerke AG) gehört. Hinzu kommt eine Ölraffinerie mit einem ausgedehnten Tanklager. Und dann ist da noch ein neuer Containerhafen, dem ein beliebter Badestrand weichen musste; er hat jetzt aber viel zu wenig Auslastung.
Das LNG-Terminalschiff Höegh Esperanza bei Wilhelmshaven. Thomas Wagner
Die beiden LNG-Terminalschiffe Höegh Esperanza und Excelsior liegen am nördlichen Ende der Stadt. Sie nehmen das LNG von anfahrenden Tankern entgegen, wandeln es um und speisen es in eine Pipeline, die ihre Ankerstellen mit dem Festland verbindet. Als 2022 die «Höegh Esperanza» andockte, schloss der Genfer Rohstoffkonzern Trafigura mit dem staatlichen Energieunternehmen Sefe einen langjährigen Liefervertrag ab. Dazu nahm Trafigura einen Kredit von drei Milliarden Dollar bei einem Bankensyndikat auf; die Exportkreditversicherung Deutschlands sicherte ihn ab.
Hängige Einsprachen
Die Umweltaktivistin Eilers steht am Ufer vor den beiden LNG-Terminals. Inzwischen sind Britta, Gabriela und Marlies dazugekommen, drei Freundinnen, die nur ihre Vornamen in der Zeitung lesen möchten. Zusammen singen sie in einem Chor, der sich manchmal direkt am Ufer vor den schwimmenden Terminals trifft. «Wir singen, um uns stark zu fühlen», sagt eine der Sängerinnen. «Einige haben gute Stimmen, andere krähen einfach mit», sagt eine andere. Und die dritte: «Wir singen für die Kraft der Natur, die immer wieder Leben schenkt und nicht aufgibt.» Sie alle eint ihre Ablehnung der Terminals. «In Australien sind diese Dinger aus Umweltschutzgründen gar nicht zugelassen», sagt Eilers, die ehrenamtlich beim Naturschutzbund Deutschland mitmacht.
Ursprünglich sei der Bevölkerung gesagt worden, die schwimmenden Terminals seien nur für zwei Jahre hier, sagt Eilers. «Viele haben damals gesagt: ‹Na ja, dann beissen wir halt in den sauren Apfel.› Doch jetzt sollen es zwanzig Jahre sein.» Die Schiffe werden mit Diesel betrieben. Bei Ostwind ziehen die Abgase ins angrenzende Dorf Hooksiel. Für die Regasifizierung wird Meerwasser zum Aufwärmen des LNG genutzt. Damit sich keine Lebewesen an den Leitungen festsetzen, wird es mit Chlor versetzt. So gelangen jährlich rund 32 Tonnen Chlor ins Meer. Die Abbauprodukte davon können Krebs auslösen, zu Mutationen bei den Tieren führen und ihre Fortpflanzung beeinträchtigen, warnen Umweltverbände – das Wattenmeer an der Nordseeküste ist besonders artenreich und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.
sich an einem internationalen Netzwerk des Widerstands. Thomas Wagner
In Louisiana sei alles noch viel schlimmer, sagt eine Sängerin. Im südlichen US-Bundesstaat am Golf von Mexiko befinden sich besonders viele LNG-Exportterminals. Bei den Anwohner:innen häufen sich dort Fälle von Asthma und Krebs. Einige Aktivist:innen aus Louisiana waren kürzlich in Wilhelmshaven an einem globalen Treffen der LNG-Gegner:innen. Stefanie Eilers sagt, inzwischen bestehe ein internationales Netzwerk aus 150 Personen, die recherchierten, sich austauschten und den Widerstand organisierten. Insbesondere kämpften sie gegen die Erzählung an, wonach die LNG-Strukturen ja nur zur Überbrückung mit Gas betrieben würden und später für Wasserstoff verwendet werden könnten. Wenig spricht für diese Umnutzung, zumal die teuren Exportterminals einzig für LNG gedacht sind. Weil dadurch das Angebot grösser wird, ist davon auszugehen, dass der LNG-Preis sinken wird, während die Umnutzung von Importterminals und Pipelines hohe Umbaukosten verursachen würde.
«Widerstand ist auch Handarbeit», sagt Eilers. So haben hier kürzlich Aktivist:innen erste Bauarbeiten an einem geplanten LNG-Landterminal stoppen können. Denn auch in Wilhelmshaven soll es längerfristig feste Terminalinstallationen und noch viel höhere LNG-Kapazitäten geben. Dafür muss ein EU-anerkanntes Vogelschutzgebiet umgebaggert werden. Eilers sagt, man habe Mahnwachen veranstaltet und sich notiert, welche Firmen sich an den Bauarbeiten beteiligten. Schliesslich seien die Bagger wieder abgezogen. Noch sind Einsprachen gegen das Projekt hängig.
Wilhelmshaven und Stade sind auch Thema im Klimacamp, das derzeit im westdeutschen Hamm unter dem Motto «Gemeinsam Gas stoppen» stattfindet. Für den kommenden Samstag rufen verschiedene Umwelt- und Klimaorganisationen zu einer grossen Demonstration in Hamm auf, wo mehrere neue Gaskraftwerke gebaut werden sollen. Die Bewegung Ende Gelände plant zudem eine Massenaktion. Gut möglich, dass der Widerstand gegen den LNG-Boom in den nächsten Wochen so richtig in Fahrt kommt. ●