Jazz : Wer ihm folgt, wird belohnt
Was unterscheidet diesen Trompeter von allen anderen? Miles Davis bleibt auch mit hundert Jahren ein Rätsel.
Er ist so vielen vertraut wie kein anderer Jazzmusiker, deshalb nennen ihn viele beim Vornamen. Einfach «Miles» hiess 1988 auch seine in Sachen Drogen und Rassismus damals unüblich schonungslose, in anderem wie der oft missbräuchlichen Beziehung zu Frauen verschleiernde Autobiografie. Am 26. Mai 1926 wurde er als Miles Davis bei St. Louis geboren, mit gerade mal 65 Jahren ist er im Herbst 1991 als Miles in Santa Monica gestorben.
Besonders bleibt sein gigantisches Werk aus mehreren Gründen. Der erste ist einfach: Niemand hat mehr Hörer:innen ausserhalb der Jazzblase erreicht, ohne deshalb peinliche Kompromisse zu machen. Das Album «Kind of Blue» (1959), der Meilenstein des ersten Quintetts, wie man die fantastische Band nennt, bleibt das meistverkaufte Jazzalbum der Geschichte. Im Alter coverte er Cindy Lauper zart, fast Ton für Ton, und blieb doch ganz bei sich. Wie hat er das geschafft?
Bei Laupers «Time after Time» wirkt die Melodie, als würde Miles einen Standard vom alten Broadway spielen. Auf «Kind of Blue» fast dreissig Jahre früher sind die reduzierten Harmonien trügerisch, denn die Solos erweitern sie gleich wieder. Und weil die Tempi ruhig bleiben, wirkt selbst das komplexe Stück «Blue in Green» zugänglich. Miles hat danach aufregendere Alben gemacht, aber hier sieht man, wie der Jazz etwas sucht, das eher dem impressionistischen Malen auf Leinwand als dem artistischen Hüpfen durch Harmonien entspricht.
Sanfter Gebieter
Über allem schwebt zeitlebens dieser coole Ton, der über Taktgrenzen hinaus Melodien führt, wie es ihm passt. Miles spielt eine sanft gebieterische Trompete, als würde er sagen: Mir ist egal, wie es andere machen, du musst mir nur folgen, um belohnt zu werden. Im Kern dieser Musik steckt so etwas wie BDSM: Aus einer Position der Verletzlichkeit sucht sie die Dominanz und erklärt beides zum Genuss. Als er auf einer späteren Liveaufnahme, dem Album «My Funny Valentine», den Ton besonders lange hält und ihn an der Harmonie zerschellen lässt, schreit ein Konzertbesucher hörbar (im Standard «Stella by Starlight»).
Wie anders, verletzlich und dominant bereits der neunzehnjährige Miles Davis 1945 in New York als Küken der Bebop-Bewegung klang, hört man auf der Nummer «Now’s the Time» mit der Band von Charlie Parker. Manche Themen dieser Session, wie «Ko-Ko», waren zu schwer für Miles, da musste Virtuose Dizzy Gillespie ran. Auf diesem Blues im Midtempo aber kommt er gut mit und zeigt im Solo bereits fast alles von seiner Klasse: eigenwillige, gehaltene Töne, die der Musikstudent aber sinnvoll kombiniert. Der Ton wackelt leicht, man hört das Risiko, aber auch die Muskeln.
Ob im Cool Jazz, im Hard Bop, in der modalen Spielweise ab spätestens «Kind of Blue», mit dem noch besseren zweiten Quintett mit Herbie Hancock und Wayne Shorter in den Sechzigern oder schliesslich in der lange währenden, unterbrochenen, chaotischen und stets elektrischen Zeit seiner letzten zwanzig Jahre ab «In a Silent Way» und seinem noch berühmteren Nachfolger «Bitches Brew»: Egal in welchen Phasen Miles den Jazz immer anders nach vorne brachte, seine Musik handelte stets vom Ton, vom Groove und von den Stimmungen der Intervalle. Sie handelte bei ihm nie allein von der Virtuosität, die im Jazz stets epidemisch war und so viele Nichtjazzer:innen bis heute abschreckt.
Vieles macht ihn zum Rätsel, er gibt auch der Nachwelt noch viel zu tun. War der lebenslang besonders in den USA erfahrene Rassismus, mit dem er sich trotz Reichtum und Ehren nie abgefunden hatte, ein Grund für seine musikalische Rastlosigkeit wie auch für seine Drogenprobleme, die nie richtig aufhörten? Und wie beschreibt man diese Ästhetik, die den Mitmusiker:innen enorme Freiheiten lässt, ohne je wirklich frei zu sein, und hörbar unter der Quasidiktatur des Überchefs steht?
Das Widersprüchliche des Jahrhundertjazzers wird selten angesprochen, auch in der neusten deutschen Biografie von Stefan Hentz nur ein bisschen («Miles Davis. Sound eines Lebens», 2026). Hentz nimmt den Musiker in Schutz vor konservativen Kritikern, die sein Werk begleitet haben, als steckten wir in diesen Debatten noch mittendrin. Das Buch beginnt überraschend mit der von vielen verschmähten Spätphase. Danach liest es sich eher wie eine fleissige Chronik für jene, die sich einen Überblick verschaffen wollen.
Niemandem etwas schuldig
Die konservative Schwarze Kritik an Miles von Leuten wie Wynton Marsalis sollte man im historischen Kontext verstehen. Marsalis gilt vielen als der Virtuositätsspiesser im Anzug, aber die Figur des Schwarzen Zuhälters, an der sich Miles nicht immer nur ironisch abarbeitete, fanden in Zeiten von Crackepidemien in den Schwarzen Stadtteilen halt nicht alle Schwarzen so super wie viele seiner weissen Fans. Und gerade weil er auch selbst gegen Rassismus aufbegehrte, liess der coole Miles sich nichts von Schwarzen Aktivist:innen sagen, die sich immer wieder an weissen Musikern in seinen Bands störten.
Miles Davis – vielleicht müssen wir ihn zum 100. doch wieder mit vollem Namen ehren – blieb niemandem etwas schuldig. Das ist, bei allen dunklen Seiten, eine attraktive Position. Sie ist allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen, sagen Sie das bitte Ihren Kindern, das 20. Jahrhundert ist unwiederbringlich vorbei. Es war eine Karriere vor dem Internet, die nicht um jeden Preis die Nähe der Fans suchte, sondern auch die schroffe Zurückweisung kannte. Und dies fast ein halbes Jahrhundert überlebte. ●