Kommentar : Der Pontifex ganz weltlich

Nr. 22 –

Geht es um KI, ist auch eine kirchliche Intervention hochwillkommen, glaubt Raphael Albisser.

Dass dies so mal wieder in der WOZ stehen muss: Der Papst hat recht. Am Pfingstmontag präsentierte Leo XIV. in Rom seine erste Enzyklika, gewissermassen das Antrittslehrschreiben – und als Thema hat er sich dabei das Feld der künstlichen Intelligenz ausgesucht, das er mittlerweile als eines seiner Kernanliegen bearbeitet.

Natürlich: Im 120-seitigen Schriftstück mangelt es beileibe nicht an himmlischen Verweisen. Aber um ein allfälliges Konkurrenzdenken zwischen spirituellen und digitalen Gottheiten geht es darin nicht: Es sind ganz nüchterne und irdische Probleme, die der Papst benennt. Im Zentrum steht dabei jenes, dass «private, oft transnationale Akteure» über riesige «technologische Macht» verfügten, die sich kaum aufs Gemeinwohl der Menschen ausrichten lasse.

Damit setzt der Papst einen wichtigen Kontrapunkt in einer marktgetriebenen Dynamik, die üblicherweise vor allem Mitgefangene kennt. Investor:innen, die den KI-Hype nicht an sich vorbeiziehen lassen können. Unternehmen, die keinesfalls die technologische Transformation verschlafen wollen. Angestellte, die unter Anwendungsdruck geraten: Bloss nicht abgehängt werden, bloss nicht im Abseits landen. Ähnlich agieren Gemeinden und ganze Staaten: Wer im Standortwettbewerb keine grossen Investitionen in Datenzentren und KI-Förderprogramme tätigt, muss fürchten, eines Tages für verpasste Chancen und wirtschaftlichen Niedergang abgestraft zu werden.

Geht es um die Regulierung von KI, ist deshalb jede vernünftige Stimme hochwillkommen. Denn mit der technologischen Entwicklung schreitet nicht nur die Machtkonzentration bei einem kleinen Milliardärskreis voran – sondern etwa auch eine Verantwortungsdiffusion im Bereich der automatisierten Kriegsführung: Wer entscheidet über Leben und Tod, wenn Waffensysteme das auch selber tun können? «Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz», lautet der Untertitel der Enzyklika von Leo XIV. In den Raketen- und Drohnenkriegen unserer Zeit lässt sich das durchaus auch wörtlich verstehen. ●