Literatur : «Manchmal ist es einfach nur albern»
Sie studiert Akten, probiert Zaubersprüche aus und kocht alte Rezepte nach: Die dänische Erfolgsautorin Olga Ravn über die Recherchen zu ihrem grossartigen Roman «Wachskind».
WOZ: Olga Ravn, Sie haben sich viele Jahre mit Hexen befasst, fürs Radio, in Kunstausstellungen, Performances und einem Theaterstück. War ein Roman zum Thema das fehlende Puzzleteil?
Olga Ravn: Ich war mir eigentlich sicher, nie Literatur über Hexen zu schreiben. Ich dachte, ich könne keinen historischen Roman schreiben, weil ich mir nicht anmassen kann, aus der Perspektive von Menschen zu erzählen, die vor 400 Jahren gelebt haben. Sich in ihre Gedankenwelt versetzen zu wollen, ist doch eigentlich skandalös, oder?
WOZ: Warum haben Sie es trotzdem gemacht?
Olga Ravn: Entscheidend war, eine Form zu finden, die dieses Erzählen möglich macht. «Wachskind» ist eigentlich ein Roman, der in unserer Zeit spielt, in dem ein Objekt sich erinnert. Dadurch wurde es für mich plötzlich möglich, über diese Dinge zu schreiben.
WOZ: Dieses Objekt ist das «Wachskind», eine aus Bienenwachs geformte Puppe, wie sie um 1600 weit verbreitet war. Man hat sie damals mit echten Zähnen oder Haaren versehen. Was hat es mit dieser sprechenden Puppe auf sich?
Olga Ravn: Ich wurde beauftragt, ein Theaterstück zu schreiben, und der Wunsch des Regisseurs war, dass die als Hexen angeklagten Frauen selbst sprechen. Das ist in den Quellen sehr schwer zu finden, ich war umgeben von den Stimmen von Henkern, Bürgermeistern oder Anwälten. Auf der Suche nach einer Stimme stiess ich auf den Fall von Christenze Kruckow. In ihren Akten tauchte ein Wachskind auf, das sie vermutlich selber aus Bienenwachs hergestellt hatte und das für sie als eine Art magisches Objekt fungierte, um Einfluss auf andere Menschen zu nehmen, aber auch als Kinderersatz. Als ich begann, die Stimme dieser Puppe auszuprobieren, indem ich aus ihrer Perspektive ein paar Seiten schrieb, merkte ich sofort: Das ist eine Erzählinstanz, keine Theaterfigur.
WOZ: Wieso?
Olga Ravn: Sie spricht zu viel. So einen Monolog kann man auf der Bühne nicht halten. Also schrieb ich den Roman parallel, fast heimlich, während wir das Stück gemacht haben. Ich verstand, dass dieses sprechende Objekt eine Art Portal zwischen Gegenwart und historischer Realität sein kann. Ich kann die Keller besuchen, in denen die Frauen eingesperrt waren, vielleicht sogar wissen, was sie gegessen haben. Dennoch besteht diese Kluft zwischen Wissen und Verstehen: Wir können vormodernes Leben nicht verstehen, wir können es uns lediglich vorstellen. Und diesen Akt des Vorstellens wollte ich sichtbar machen mit einer Erzählstimme, die mit dieser Welt vertraut ist, sie gleichzeitig aber nicht ganz versteht. Das Wachskind sehnt sich nach den Menschen, ist fasziniert von ihnen – und begreift trotzdem oft nicht, warum sie etwas tun.
WOZ: Dennoch beruht Ihr Akt des Vorstellens auf einer Vielzahl von Akten, die Sie studiert haben. Auch Ihre Hauptfigur Christenze Kruckow geht auf eine historische Person aus dem 17. Jahrhundert zurück. Was hat Sie an ihr besonders interessiert?
Olga Ravn: Sie war die einzige Adlige in Dänemark, die jemals als Hexe hingerichtet wurde. Ihre adlige Herkunft bewahrte sie zwar vor dem Scheiterhaufen, nicht aber vor der Hinrichtung. Christenzes Fall hat in Dänemark schon damals viel Aufsehen erregt, weshalb ihre Geschichte vergleichsweise ausführlich dokumentiert ist. In den Gerichtsakten wurde sogar eine Handvoll ihrer Briefe gefunden. Für meinen Roman habe ich Christenze auch dazu benutzt, um durch sie die Geschichten anderer verurteilter Frauen zu erzählen, die in den Archiven kaum vorkommen, weil sie aus unteren Schichten kamen.
Vertiefen und verdichten
Die 39-jährige Olga Ravn ist die international derzeit erfolgreichste dänische Autorin. Jedes ihrer Bücher ist das Ergebnis einer radikalen Vertiefung und verbindet poetische Verdichtung mit spekulativen oder dokumentarischen Verfahren. Von bislang vier Romanen sind drei auf Deutsch erschienen, alle im März-Verlag: «Die Angestellten» (2022), «Meine Arbeit» (2024) und «Wachskind» (2025).
Letzterer ist eine mythisch aufgeladene Auseinandersetzung mit den Hexenverfolgungen des 17. Jahrhunderts in Dänemark und Norwegen. Im Zentrum stehen vier Frauen, die der Hexerei beschuldigt werden, erzählt wird die Geschichte von einer aus Bienenwachs geformten Puppe. Dieser nichtmenschliche Blick, die an folkloristische Quellen angelegte Sprache und Ravns feministische Herangehensweise machen «Wachskind» zu einem faszinierenden Roman zwischen historischer Fabulation und literarischem Fiebertraum.
WOZ: Christenze Kruckow wurde als Hexe verdächtigt, weil ihre Herrin Anne Bille die 15. Totgeburt erlitt.
Olga Ravn: Diese benötigte wohl einen Sündenbock für die tragischen Verluste. Ich habe kurz darüber nachgedacht, diese Zahl im Roman nach unten zu korrigieren, weil sie mir so surreal vorkam – aber sie stand tatsächlich so in den Quellen! Und weil Christenze unverheiratet und arm war, trotz Adelstitel, hatte sie niemanden, der sich für sie einsetzen konnte. Sie hätte einen Mann dafür gebraucht. Was mich bei diesem Fall wirklich stutzen liess, war ein Brief, in dem Christenze an Anne Bille schreibt: «Du erinnerst dich, was der Arzt sagte. Du weisst, warum das passiert, ich werde den Grund hier nicht nennen.» Diese Andeutungen haben meine Fantasie angekurbelt: Was geschieht hier? Was ist das für eine Verbindung zwischen diesen beiden Frauen?
WOZ: Besonders aufgefallen ist mir Ihre Fabulierlust in den Szenen, wo Christenze mit ihren Freundinnen über Männer, Begehren oder Mutterschaft redet, während sie Wolle kardieren oder Heringe putzen.
Olga Ravn: Das Fabulieren ihrer Zusammenkünfte hat mir am meisten Spass bereitet. Der Text sollte sich so intuitiv bewegen wie ein Gespräch mit Freundinnen. In den Quellen habe ich viele Beobachtungen gelesen wie: «Ich sah die Frauen unten am Fluss Magie betreiben.» Ständig wurden diese vermeintlichen Beweise gesammelt, um zu belegen, dass Hexerei am Werk sei. Als ich das las, habe ich mich immerzu gefragt: Was tun die Frauen hier wirklich? Sie haben sich wahrscheinlich einfach getroffen, zum Reden, zum Partymachen.
WOZ: Weibliche Nähe wurde zum Risiko. Was geschah mit diesen Beziehungen und Räumen im Zuge der Hexenverfolgung?
Olga Ravn: Die neuere Forschung zeigt, dass es oft reiner Zufall war, wer als Hexe angeklagt wurde. Unter Folter nannten Angeklagte meist Frauen aus ihrer unmittelbaren Umgebung – schlicht jene, die sie kannten. Gerade das macht diese Dynamik so perfide: Verdacht breitete sich entlang sozialer Nähe aus und zersetzte weibliche Gemeinschaften von innen. Man sieht in den Aussagen ausserdem, dass zunächst häufig Verstorbene genannt wurden – vermutlich als Versuch, einander zu schützen und die Kette der Anschuldigungen zu unterbrechen.
WOZ: Nur leise angedeutet erzählen Sie von einer lesbischen Beziehung zu einer Frau namens Maren. Gab es dazu Spuren in den Quellen?
Olga Ravn: Ich denke, Sexualität war damals anders. Was wir heute als homosexuelle oder queere Liebe bezeichnen würden, sind keine Kategorien, die so existiert haben. Somit war auch Heterosexualität keine Kategorie, sondern lediglich eine andere Art, intim zu sein. Ich finde es wichtig, nicht einfach zu sagen: «Sie waren lesbisch», wie das in vielen historischen Darstellungen festgeschrieben wird. Ich wollte zeigen, dass man das anders lesen kann: als eine Art des absoluten Verbundenseins. In den Quellen erhalten ist die Zeugenaussage von Marens Tochter, die beschreibt, wie Christenze gelegentlich bei ihrer Mutter im Bett lag. Sie war völlig ahnungslos, was für Konsequenzen ihr Geständnis für ihre Mutter haben würde. Das zu lesen, war herzzerreissend – und als Autorin dachte ich natürlich: Grossartig.
WOZ: Ihr Roman beruht grösstenteils auf Prozessakten, trotzdem ist er atmosphärisch und sinnlich. Wie gelang es Ihnen, aus dem historischen Material einen so lebhaften Roman zu machen?
Olga Ravn: Immerzu von Gerichtsakten umgeben zu sein, in denen über Frauen in der dritten Person und in einer gewaltvollen, misogynen Sprache geschrieben wird, hat mich irgendwann total depressiv gemacht. Ich hatte das Gefühl, für den Roman ein alternatives Archiv zu benötigen, das mich inspiriert. Eines davon habe ich das Archiv der Sinne genannt: Ich verbrachte viel Zeit an Orten, die später zu Schauplätzen im Buch werden sollten – etwa dem Kerker, um wahrzunehmen, wie es dort klingt, riecht, wie das Licht fällt. Ein weiterer war das Folklorearchiv hier in Kopenhagen, wo mich diese anonym verfassten, oft noch mit 400 Jahre alten Fingerabdrücken versehenen Zauberbücher und magischen Manuskripte in ihren Bann zogen. Ich war begeistert, wie selbstverständlich darin die unterschiedlichsten Wissensformen aufeinanderfolgen: Auf ein Rezept für Pistazienkuchen folgt eines für Klebstoff, dann ein Zauberspruch, und auf der nächsten Seite erfährt man, wie man unverwundbar wird.
WOZ: Ist die eigenwillige Kunstsprache in Ihrem Roman von der Sprache inspiriert, die Sie in diesen magischen Schriften vorgefunden haben?
Olga Ravn: Ich wollte, dass der Roman sich mit dieser oft auch spielerischen literarischen Tradition der magischen Schriften auseinandersetzt. Diese Texte – oft sind es Anleitungen und Beschwörungen gegen alltägliches Unheil wie Krankheiten – arbeiten mit Reim, Rhythmus und Metrum, mit Wiederholungen und starker Bildlichkeit. Im Roman habe ich diese Sprache dann der harten, gewaltvollen Sprache der Gerichtsakten gegenübergestellt, zwei völlig unterschiedliche Weisen, sich sprachlich zur Welt zu verhalten.
WOZ: Beim Recherchieren und Schreiben brauchen Sie immer auch Ihren Körper, indem Sie Rituale ausführen, Zaubersprüche ausprobieren, Rezepte nachkochen. Führt Ihr Zugang zu Wissen über die körperliche Erfahrung?
Olga Ravn: Manchmal ist es einfach nur albern. Zum Beispiel, wenn ich ein 400-jähriges Rezept nachkoche und meine Familie genervt ist, weil der dominante Geschmack von Nelken alles übertönt. Die müssen dieses Gewürz früher so sattgehabt haben! Aber manchmal ist es, als würde so etwas wie ein Muskelgedächtnis anspringen, und man versteht etwas, das mit Lesen allein nie möglich gewesen wäre. Ich habe einem Archäologen mal scherzhaft erzählt, dass ich diese magischen Anleitungen manchmal aus Spass ausprobiere. Ihn hat das gar nicht besonders erstaunt: Natürlich müsse man in die Sache hineingehen, Archäologie auch mit dem Körper betreiben.
WOZ: Da ist auch eine gewisse Ironie in der Erzählanlage: Wenn die Figuren keine Hexen sind, wie ist es dann möglich, dass sich das Wachskind etwa an einer Stelle in eine Katze verwandelt und in die Handlung eingreift? Das ist doch Hexerei?
Olga Ravn: Was ist Hexerei überhaupt, und was genau wird eigentlich kriminalisiert? Mir war wichtig, diese Fragen offenzulassen und ein gewisses Unbehagen auszulösen. Zudem wollte ich den Menschen jener Zeit gegenüber loyal bleiben, die Magie nicht in klaren Kategorien von Gut und Böse verstehen. Die Frauen im Roman führen zunächst nur Praktiken fort, die vielen vertraut waren, bis sie ab 1617 plötzlich als Hexerei kriminalisiert wurden. Eine meiner zentralen Fragen in diesem Roman sind die Bedingungen, unter denen Wissen erzeugt wird, welche Formen davon anerkannt oder delegitimiert werden. Würde ich ein Ritual ausführen, bei dem ich einen Vogel töte und dessen Blut trinke, wäre das in vielen kulturellen Kontexten tabu oder sogar illegal. Aber Geflügel darf ohne Weiteres gegessen werden. ●