Philosophie : Hitlers Hände
Das Dritte Reich war ihm nicht faschistisch genug: Ein neues Buch beleuchtet die Debatten um Martin Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus.
Eine faschistische Gesinnung schliesst philosophische Wirkmächtigkeit nicht aus. Bei kaum einer historischen Figur zeigt sich das so krass wie bei Martin Heidegger: Der überzeugte Parteigänger der NSDAP und Hitler-Fan zählt zugleich zu den einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Als sein Kollege Karl Jaspers Anfang 1933 meinte, der Diktator sei allein schon wegen mangelnder Bildung zum Regieren ungeeignet, erwiderte Heidegger, dass Bildung unerheblich sei – Hitler habe schliesslich «ganz wunderbare Hände».
Diese politischen Neigungen veranlassten den US-Philosophen Richard Rorty einmal zur Bemerkung, dass «einer der originellsten Denker des Jahrhunderts zufällig einen ausgesprochen üblen Charakter» gehabt habe. Damit aber, so Oliver Jahraus in einem neuen Buch zu Heidegger, habe es sich Rorty sehr einfach gemacht: Hier werde das politische Engagement kurzerhand von der Philosophie abgelöst. Solche Versuche, Heideggers denkerisches Erbe zu retten, weist der Literaturwissenschaftler jedenfalls dezidiert zurück.
Parteigänger bis zuletzt
Jahraus’ Monografie beleuchtet primär die Debatten, die nach 1945 über den Philosophen geführt wurden, es geht viel um die Rezeptionsgeschichte. Eine Auseinandersetzung mit den Konzepten des Fundamentalontologen findet also vermittelt über die Sekundärliteratur statt – was einen mitunter unbefriedigt zurücklässt, weil man immer wieder vergeblich darauf wartet, dass der Autor endlich selbst dem politischen Gehalt bestimmter Begriffe nachspürt. Dafür bietet das Buch aber einen zugänglichen Überblick über jahrzehntelange Diskussionen um Heideggers faschistische Gesinnung, an denen sich Leute wie Hannah Arendt oder Jürgen Habermas beteiligten.
Heidegger war im Mai 1933 in die NSDAP eingetreten und blieb bis Kriegsende Mitglied. Sympathien für die Hitler-Bewegung entwickelte er schon früher: 1931 schenkte er seinem älteren Bruder ein Exemplar von «Mein Kampf». Ein genuin politischer Kopf war er aber nicht, eher ein «zeitungslesender Kleinbürger», wie der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik einmal schrieb. Schärfer das Urteil des Philosophen Thomas Meyer, für den Heidegger «das jämmerliche Bild eines Durchschnittsvolksgenossen» abgab.
Ebenfalls 1933 wurde Heidegger Rektor der Universität Freiburg – und wollte in diesem Amt dezidiert am Umbau Deutschlands mitwirken. Bereits 1934 trat er ernüchtert wieder zurück: In seinem «Ultranationalsozialismus» war ihm, wie Jahraus aus der Forschung zur Rektoratszeit kondensiert, das Hitler-Regime nicht faschistisch genug. In diesem hatte Heidegger zunächst eine Bewegung identifizieren wollen, die «das Zeitalter der Metaphysik» beenden und «ein neues, nicht auf das Subjekt, sondern auf das Volk gegründetes (ein völkisches) Denken» einläuten würde.
Durch und durch Antisemit
Unterm Strich ein naiver Geistesmensch also, der sich in verkopfte Projektionen verrannt hatte? So eine Deutung ist spätestens durch die «Schwarzen Hefte» unmöglich geworden: Die 2014 veröffentlichten Notiz- und Denktagebücher belegen eindrücklich den Antisemitismus des Philosophen. Seither finden sich, wie Jahraus nachzeichnet, auch kaum noch apologetische Stimmen in der Debatte. Besonders interessant sind die Versuche, den Zusammenhang zwischen diesem Antisemitismus und der Philosophie Heideggers zu erklären. Peter Trawny etwa, Herausgeber der «Schwarzen Hefte», attestierte ihm einen «seinsgeschichtlichen» Antisemitismus, der die Juden und Jüdinnen für die Fehlentwicklung der gesamten abendländischen Philosophie verantwortlich macht.
Eine verwandte Überlegung findet sich übrigens beim ebenfalls wirkmächtigen Rechtstheoretiker Carl Schmitt, für den Spinoza – «der erste liberale Jude» – eine Schlüsselrolle bei der Demontage des modernen Souveränitätskonzepts einnahm. Diese Fälle zeigen, dass Faschismus sehr wohl mit subtiler Begriffsarbeit kompatibel ist (worüber gerade beim von Jahraus allzu rasch beiseitegeschobenen Theodor W. Adorno viel zu lernen ist). Es ist eine nach wie vor aktuelle Lehre aus der Geistesgeschichte. ●
▶ Oliver Jahraus: «Verstrickte Philosophie. Heidegger und der Nationalsozialismus». Reclam Verlag. Ditzingen 2026. 239 Seiten.