Politische Theorie : Anarchismus jenseits von Lifestyle
Von der Bronx bis nach Rojava: Die soziale Ökologie des aktivistischen Denkers Murray Bookchin wirkt bis heute nach.
Menschen als Ursache für die ökologischen Probleme. CC BY-SA 4.0
Es mag nicht der allerprominenteste Name sein: Murray Bookchin (1921–2006) ist heute vor allem als Ökoanarchist bekannt, als Pionier der radikalen Ökologie und als Verfechter des basisdemokratischen Modells des libertären Munizipalismus oder Kommunalismus. Mit diesem beeinflusste er den Anführer der kurdischen Arbeiterpartei, Abdullah Öcalan, und hatte Einfluss auf den demokratischen Konföderalismus der selbstverwalteten kurdischen Region in Nord- und Ostsyrien. Bookchin war aber auch einer der ersten Linken, die sich – bereits in den fünfziger Jahren – mit ökologischen Fragen beschäftigten. Der Titel seines ersten Buches lautete «Lebensgefährliche ‹Lebensmittel›. Sind unsere Nahrungsmittel noch Lebensmittel?».
Ab den Sechzigern intervenierte er in der modernen Umweltbewegung, die damals im Entstehen war, massgeblich geprägt von Rachel Carsons Buch «Der stumme Frühling» (1962). Bookchin kritisierte, dass diese die Ursachen der Umweltverschmutzung einseitig in technologischen Entwicklungen oder steigenden Bevölkerungszahlen sehe, ohne Klassenverhältnisse zu berücksichtigen. Demgegenüber stellte er den Zusammenhang von Gesellschaftlichem und Ökologie ins Zentrum seiner Analyse – daher auch der Name «soziale Ökologie», unter dem seine Theorie firmiert. Vor allem insistierte er darauf, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise auf dem Prinzip «Wachse oder weiche» beruhe und dass bürgerlichem Denken die Naturbeherrschung eingeschrieben sei.
Debatten im Park
Bookchins Werke waren zwar seit den fünfziger Jahren gelegentlich auf Deutsch erschienen, meist jedoch in libertären Kleinverlagen mit geringer Resonanz. Der Unrast-Verlag bemüht sich nun, das zu ändern. Im März 2025 ist dort die erste vollständige Übersetzung von Bookchins Hauptwerk «Die Ökologie der Freiheit» (1982) erschienen. Jetzt doppelt der Verlag mit «Murray Bookchin und die soziale Ökologie» nach, einer Biografie des Genfer Historikers Vincent Gerber, die bereits 2013 auf Französisch erschien. Gerber zeichnet darin Bookchins intellektuellen und politischen Weg nach.
Murray Bookchin war ein Kind der US-Arbeiter:innenbewegung. Er wurde 1921 in New York geboren, seine Mutter war in der radikalen syndikalistischen Bewegung der Industrial Workers of the World aktiv. Der junge Murray wurde Mitglied der Young Pioneers und der Young Communist League, der Nachwuchsorganisationen der Kommunistischen Partei. Er wurde Verkäufer einer kommunistischen Zeitung in der Bronx. Von den Diskussionen, die er dabei im Crotona Park führte, sollte er ein Leben lang schwärmen – inhaltlich dürfte der ältere Bookchin diese jedoch kritisch gesehen haben. So zeigt Gerber, wie sich der Gewerkschafter, der zeitweise in einer Eisengiesserei und einer Autofabrik arbeitete, vom marxistischen Kommunismus und von den Organisationen der Arbeiter:innenbewegung und ihren Milieus distanzierte. Die unselige Politik der Sowjetunion im Spanischen Bürgerkrieg wurde dabei zum entscheidenden Anstoss.
Lösung im Lokalen
Die Ablehnung des Kapitalismus blieb jedoch für Bookchin zentral. Hier zeigt sich, dass sein «politischer Rucksack der eines sozialistischen Aktivisten» war, wie Gerber es formuliert. Dem revolutionären Denken einer Linken, die aufgrund der Enttäuschung durch den real existierenden Sozialismus orientierungslos geworden war, habe Bookchin eine Alternative anbieten wollen. Neben der Ablehnung des Kapitalismus sah Bookchin diese auch in der Ablehnung aller sozialen Hierarchien und von Herrschaft als solcher. Die Herrschaft von Menschen über Menschen sei die Ursache für die ökologischen Probleme.
Dementsprechend setzte er sich für die Abschaffung von Hierarchien im Allgemeinen ein. Der Staatsapparat müsse zurückgebaut, die Macht auf überschaubare lokale Ebenen zurückverlagert werden. Es müssten lokale Versammlungen organisiert werden, die damit begännen, rechenschaftspflichtige und abrufbare Delegierte zu wählen. Diese bildeten wiederum mit Delegierten anderer Gemeinden eine Konföderation. Das sind, grob zusammengefasst, die Prinzipien des libertären Munizipalismus.
Dieser wurde, auch das beschreibt Gerber, in anarchistischen Kreisen nicht mit Begeisterung aufgenommen. Der Grund lag weniger in den Ideen an sich, sondern in der Art und Weise, wie Bookchin sie öffentlich vertrat. In der Rolle des Kritikers und scharfen Polemikers lief er zur Hochform auf. War er von einer Idee überzeugt, vertrat er sie mit Verve und geizte nicht mit scharfen Formulierungen. So distanzierte er sich später vom Anarchismus, dessen zeitgenössische Ausprägungen er als «Lifestyle-Anarchismus» kritisierte.
Fest steht jedoch, dass Bookchin schon früh Probleme wie etwa das der Verstädterung behandelte, die erst später zu grossen Krisen wurden. Dass seine Ideen in Rojava praktisch erprobt werden, zeigt, wie relevant sein Werk geblieben ist. ●
▶ Vincent Gerber: «Murray Bookchin und die soziale Ökologie. Eine intellektuelle Biografie». Aus dem Französischen von Marc Schaffner. Unrast Verlag. Münster 2026. 180 Seiten.
▶ Murray Bookchin: «Die Ökologie der Freiheit». Übersetzt von Karl-Ludwig Schibel und Maurice Schuhmann. Unrast Verlag. Münster 2025. 544 Seiten.