Antifaschismus in Frankreich : Eine Stadt kämpft um ihren Ruf

Nr. 23 –

In Lyon stirbt Anfang Jahr ein junger Rechtsextremist nach einer Schlägerei mit Antifaschist:innen. Was bedeutet das für jene, die sich gegen die extreme Rechte engagieren?

versprayte Hauswand beim Tatort in der Rue Victor Lagrange
Der Tatort: An dieser Ecke in der Rue Victor Lagrange kam es zum fatalen Zusammenstoss.

Von aussen wirkt das Büro der Gewerkschaft Solidaires wie ausgestorben. «Diese Tür muss SYSTEMATISCH, ZU JEDER STUNDE geschlossen sein, selbst wenn viele Leute im Departementsbüro sind», warnt ein Zettel am Eingang. Cédric Valentin nimmt die Warnung ernst. «Vorsichtsmassnahmen», sagt der junge Mann, der Ende April durch die Räumlichkeiten nahe des Hauptbahnhofs von Lyon führt. Er bleibt vor einem zertrümmerten Fenster stehen. Oranges Klebeband hält die Scheibe zusammen. «Das war der zweite Angriff», sagt Valentin, «Mitte März.» Der erste sei einen Monat davor erfolgt.

Valentin heisst eigentlich anders, seinen richtigen Namen will er nicht gedruckt wissen, auch das aus Vorsicht. Dass seine Gewerkschaft solche Massnahmen ergreifen muss, liegt an ihrem antifaschistischen Engagement. Und an einem Ereignis, das Anfang Jahr ganz Frankreich erschütterte.

Am 12. Februar wird in Lyon, unweit der Hochschule Sciences Po, der 23-jährige Quentin Deranque brutal zusammengeschlagen. Videos zeigen den jungen Mann am Boden liegend, während mehrere Personen auf ihn einprügeln. Zwei Tage später stirbt Deranque im Spital an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas. Schnell wird klar: Der Student bewegte sich in Kreisen der radikalen Rechten und war vor Ort, um einen Aufmarsch von Rechtsnationalist:innen zu sichern. Seine Angreifer stammen allem Anschein nach aus dem antifaschistischen Milieu. Später zeigen andere Videos, dass der Szene eine Schlägerei zwischen Rechtsextremen und Antifaschisten vorausging.

Aufregung erfasst das Land.

Lyon gerät ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Von einer «Stadt der Extremen» ist die Rede, von Frankreichs «Hauptstadt politischer Gewalt», in der sich rechts- und linksextreme Gruppen regelmässig brutale Auseinandersetzungen liefern. Von einer Linken, die sich radikalisiert, zu Gewalt anstachelt, zuschlägt. «Die Ultralinke hat getötet, das ist unbestreitbar», sagt Frankreichs Justizminister.

Wie konnte es so weit kommen?

Was geschehen ist, sei ein Drama, sagt Cédric Valentin im Gewerkschaftsbüro von Solidaires. Für Deranques Familie. Aber auch für das gesamte antifaschistische Lager in Lyon. «Natürlich fragt sich jetzt jeder: Wer sind denn diese Antifaschist:innen? Was sind das für Methoden?» Er fürchtet auch Vergeltungsschläge. Seine Gewerkschaft war schon öfter das Ziel rechtsextremer Angriffe. Dass die jüngsten Attacken mit Deranques Tod zusammenhängen, ist für ihn sicher. Denn eine Rechtsextremistin hatte Solidaires in einem Interview mit dem Vorfall in Verbindung gebracht – «wobei unsere Gewerkschaft mit der Schlägerei nichts zu tun hatte».

Traurig und enttäuscht sei er gewesen, als er von Deranques Tod erfahren habe, sagt Valentin. Aber nicht überrascht. «Wir warnen seit Jahren davor, dass so etwas in Lyon passieren wird.» Befürchtet habe er eher einen Toten «in unserem Lager», sagt er dann.

Am 17. Februar hält die französische Nationalversammlung eine Schweigeminute für Quentin Deranque ab.

Portraitfoto von Marie Allenou
«Zwanzig Jahre lang rollte eine regelrechte Welle rechtsextremer Gewalt über Lyon hinweg», sagt Journalistin Marie Allenou.

Radikale Akademiker

Marie Allenou ist wütend. Die Journalistin sitzt in einem kleinen Büro des lokalen Onlinemediums «Rue89Lyon». Nach Deranques Tod wurde Allenou, blonde Haare, helles T-Shirt, dunkle Jeans, von vielen Vertreter:innen anderer Medien kontaktiert. «Immer wieder wurde ich gefragt: Warum diese Radikalisierung auf beiden Seiten? Warum diese Gewalt?»

Was passiert sei, sei fürchterlich, sagt Allenou, das wolle sie nicht verharmlosen. «Und ja, es gab in Lyon in den letzten Jahren Dutzende gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremen und Antifaschist:innen», fährt sie fort. «Aber das ist in keiner Weise repräsentativ dafür, was diese Stadt seit Jahren erleben muss.»

Allenou hat sich auf Rechtsextremismus spezialisiert. «Das liegt in der DNA unseres Mediums» – das Recherchen zur extremen Rechten viel Platz einräumt. Und es habe viel mit der Situation der Stadt zu tun: «Rechtsextreme Gruppen aller möglichen Tendenzen haben sich hier entwickelt und festgesetzt», sagt sie. «Gut zwanzig Jahre lang rollte eine regelrechte Welle der Gewalt über Lyon hinweg.»

Sie erzählt von Angriffen auf eine Buchhandlung, auf eine Konferenz zum Thema Palästina, von Extremist:innen, die zu vierzigst in den Strassen Lyons auftauchen, mit Baseballschlägern bewaffnet Läden, Bars und Passant:innen attackieren, etwa aufgrund von deren Hautfarbe. Davon, dass die Pride jahrelang nicht durch gewisse Stadtteile ziehen durfte, weil die Sicherheit der Teilnehmer:innen nicht gewährleistet werden konnte. Dass Antifaschist:innen sich heute den Rechtsradikalen entgegenstellten, rühre von dieser Entwicklung her, sagt Allenou, «und von der jahrelangen Untätigkeit der Behörden», die wenig gegen die rechtsextremen Gruppen unternommen hätten.

Der Zentrist Gérard Collomb, von 2001 bis 2017 und von 2018 bis 2020 Bürgermeister Lyons, habe es abgelehnt, die rechtsextreme Gewalt deutlich zu benennen, aus Angst, dem Ruf der Stadt zu schaden. Eine vergangenen Herbst von «Rue89Lyon» veröffentlichte Recherche zeigt: Von 102 rechtsextremen Gewaltakten, die in Lyon zwischen 2010 und 2025 verzeichnet wurden, blieben siebzig Prozent ungestraft – teils weil die Betroffenen keine Anzeige erstattet hätten, teils weil die oft überlastete und nicht ausreichend geschulte Polizei rechtsextreme Vergehen nicht als solche anerkenne.

Steintreppe zwischen Häusern in der Montée du Change
«Befreit»: Der Boxclub der Rechten an der Montée du Change ist verschwunden.

Die Präsenz rechtsextremer Gruppen hat in Lyon eine lange Geschichte. War die Stadt während des Zweiten Weltkriegs eine der wichtigsten für den Widerstand gegen die Deutsche Besatzung, etablierten sich hier in den siebziger Jahren bekannte Verfechter rechtsextremer Theorien. An der Universität Lyon III lehrten bis in die nuller Jahre prominente Mitglieder von Jean-Marie Le Pens Front National, wie Bruno Gollnisch, der den Holocaust relativierte. Auch der Theorienzirkel Grece rund um den Vordenker der Neuen Rechten Alain de Benoist hielt in Lyon Sitzungen ab. Hinzu kommt die starke katholische Prägung der Stadt, die sich manche Gruppen zu eigen machen, und die Nähe gewisser Pfarrer zum royalistischen Milieu. Auch Einflüsse neofaschistischer Gruppen aus Italien spielen eine Rolle.

Am 17. und 18. Februar nimmt die Polizei im Zusammenhang mit Quentin Deranques Tod elf Personen fest, später noch zwei weitere. Gegen neun werden Strafverfahren eröffnet. Unter ihnen sind mehrere Mitglieder der antifaschistischen Gruppe Jeune Garde.

Es ist Anfang April, als sich Raphaël Arnault zu Wort meldet. Ein Moment, auf den in Frankreich viele gewartet haben. Sechs Wochen hat der 31-Jährige geschwiegen, jetzt sitzt er in gestreiftem Hemd und braunem Gilet für ein Interview vor der Kamera. Arnault gehört zu jenen, die 2018 in Lyon die Jeune Garde antifasciste gegründet haben, jahrelang war er das Gesicht der Gruppe. Heute sitzt er als Abgeordneter für die Linkspartei La France insoumise in der Nationalversammlung. Die Verbindung zu seinen früheren Mitstreiter:innen ist weiter eng. Gegen einen – mittlerweile entlassenen – parlamentarischen Mitarbeiter sowie einen ehemaligen Praktikanten Arnaults wird wegen Deranques Tod ermittelt. Im Interview spricht Arnault von seiner Bestürzung, der Instrumentalisierung des Falls durch die Rechte und der rechtsextremen Gewalt in Lyon. Bei Fragen dazu, wie sich die Jeune Garde zum Einsatz von Gewalt positioniert, holt er aus, spricht von der Geschichte des Antifaschismus, bleibt vage.

Kirche als Teil des Problems

Als die Jeune Garde 2018 entstand, war ihr Vorhaben klar: die extreme Rechte in Lyon zurückzudrängen. Dabei unterschied sie sich von anderen antifaschistischen Gruppen in Frankreich. Manche Mitglieder bekannten sich öffentlich zu ihrem Engagement, zeigten sich unvermummt auf Demonstrationen, gaben Fernsehinterviews. «Die Jeune Garde wollte den Antifaschismus erneuern, ihn für die breitere Bevölkerung attraktiv machen», sagt der Journalist Sébastien Bourdon, der 2023 ein Buch über Frankreichs antifaschistische Bewegungen publizierte. Dafür suche sie auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, anderen Aktivist:innen und selbst politischen Parteien.

Unter jenen, die sich in Lyon gegen die extreme Rechte zur Wehr setzen, verliert heute kaum jemand ein schlechtes Wort über die Jeune Garde. Nützlich sei die Gruppe gewesen, sie habe Schwung in Demonstrationen gebracht, diese vor rechtsextremen Angriffen geschützt und zur Entstehung einer breiten antifaschistischen Front beigetragen. Doch ausserhalb des eigenen Lagers war ihr Vorgehen umstritten. Im Sommer 2025 liess die französische Regierung sie wegen gewalttätiger Handlungen verbieten.

Am 21. Februar marschieren 3200 Personen zum Gedenken an Quentin Deranque durch Lyon. Darunter Abtreibungsgegner:innen, Antisemit:innen, Neonazis. Rassistische und homophobe Parolen sind zu hören, mindestens zwei Personen zeigen Nazigrüsse. Deranques Familie, die sich nicht am Marsch beteiligt, verurteilt «die politische Instrumentalisierung aufs Schärfste».

Prächtig erhebt sich die Kirche Saint-Georges am Ufer der Saône über die Altstadt. Darin haben sich rund zwanzig Menschen zum morgendlichen Gottesdienst versammelt. Zwei Frauen kommen zu spät, machen ein Kreuzzeichen und lassen sich rasch auf einer Bank nieder. Der Priester hat sie nicht bemerkt, er dreht den Anwesenden den Rücken zu. So hält er seine Messe auf Latein. «Tridentinischer Ritus» wird die erzkonservative Form des Gottesdiensts genannt, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren üblich war und hier immer noch zelebriert wird. Die Kirche Saint- Georges ist aber nicht nur Treffpunkt für streng traditionelle Katholik:innen. Auch von Mitgliedern rechtsextremer Gruppen wird sie gerne besucht. Quentin Deranque kam hier regelmässig zur Messe.

Für Philippe Carry ist die Rolle der Kirche Teil eines Problems, gegen das er seit Jahren kämpft: die Präsenz der extremen Rechten in Lyons Altstadt. Carry ist Uhrmacher und Restaurator für Denkmäler im Altstadtviertel Saint-Paul. Sein Geschäft gleicht einem Antiquitätenladen, aus jedem Winkel ertönt ein Ticken, Uhren aller Formen und Grössen zieren Wände und Regale. Er habe sein ganzes Leben in der Altstadt verbracht, sagt Carry und lächelt breit, «so wie schon meine Grosseltern und Urgrosseltern». Er schwärmt von der Diversität, dem «architektonischen und historischen Reichtum». Geschichte ist Carry wichtig. Umso schmerzhafter war es für ihn, als Rechtsradikale vor sechzehn Jahren begannen, diese Geschichte für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Portraitfoto von Philippe Carry
Uhrmacher Philippe Carry organisierte ein Festival, um der Präsenz der Rechtsextremen in der Altstadt etwas entgegenzusetzen.

Tritte von beiden Seiten

Ab 2010 setzten sich mehrere rechtsextreme Gruppen in Lyons Altstadt fest, eröffneten Lokale, patrouillierten in den Strassen und attackierten jene, deren Erscheinungsbild ihnen nicht passte. «Sie beanspruchten das Viertel für sich», sagt Carry. Das Vieux Lyon mit seinen verwinkelten Gassen, historischen Bauten und Kirchen wurde für die Rechtsextremist:innen zum Symbol der christlichen, weissen Zivilisation, die sie zu «verteidigen» vorgaben. «Dabei macht gerade die Öffnung zur Welt dieses Viertel aus. Über Jahrhunderte haben zahlreiche Kulturen das Vieux Lyon geprägt, kaum ein Gebäude hier wurde von Französ:innen erbaut», sagt Carry.

In der Nähe seines Geschäfts eröffnete eine rechtsextreme Gruppe 2010 das Lokal La Traboule und unmittelbar daneben den Boxsaal L’Agogé. Wenn er auf dem Heimweg daran vorbeikam, sah er oft junge Männer auf der Strasse stehen. «Die Arme vor der Brust verschränkt, starrten sie mich herausfordernd an.» Mit der Zeit wurde es Carry zu viel: die Angriffe auf Passant:innen am helllichten Tag, die hasserfüllten Sprüche und Aufkleber an Gebäuden, Tourist:innen, die ausblieben, Familien, die wegzogen. «Der Ruf des Vieux Lyon war zerstört», sagt er. Immer öfter wandte er sich an die Presse – und geriet selbst ins Visier der Extremist:innen. Im September 2017 zertrümmerten Angreifer nachts sein Schaufenster. Carry hatte keine Zweifel daran, wer dahintersteckte. Doch er gab nicht auf, schloss sich mit anderen Anwohner:innen zusammen, organisierte Gesprächsrunden und ein jährliches Festival, um sein Viertel zurückzugewinnen. 2024 musste auch das das letzte Lokal der Rechtsextremisten in der Altstadt schliessen. Dass es dazu kam, sagt er, sei wesentlich dem antifaschistischen Milieu zu verdanken.

Am 12. März deckt das Investigativmedium «Mediapart» Quentin Deranques Onlineaktivitäten auf: Unter Pseudonymen hatte der Student Tausende negationistische, rassistische, antisemitische, islamo- und homophobe Posts verfasst. Das Bild eines frommen Katholiken, das Deranques Freunde nach dessen Tod gezeichnet hatten, bekommt Risse.

Bald nach ihrer Entstehung gründete die Jeune Garde mit Gewerkschaften, Vereinen und Parteien das Bündnis Fermons les locaux fascistes. Bis heute organisiert es Foren und Ateliers, dokumentiert die Aktivitäten und Angriffe von Rechtsextremist:innen und setzt sich für die Schliessung ihrer Lokale ein. Das soll den Gruppen, die zwar immer wieder von der Regierung verboten werden, sich aber jeweils unter anderem Namen neu formieren, die Organisation erschweren. Als 2020 in Lyon die Grünen die Stadtregierung übernehmen, den Kampf gegen rechtsextreme Gewalt zur Priorität machen und mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, zeigen sich Erfolge.

Spricht man Mitglieder des Bündnisses heute auf den Tod Deranques an, fallen Sätze wie: «Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte.» Oder: «Das war nicht die Jeune Garde, wie ich sie kannte.» Doch lässt sich das wirklich so kategorisch sagen?

Den Einsatz von Gewalt hat die Jeune Garde nie abgelehnt. «Wie im antifaschistischen Milieu üblich, ging es in ihrer Vor- und Darstellung zwar immer um Selbstverteidigung», sagt der Experte Sébastien Bourdon. Darum etwa, rechtsextreme Angreifer bei Demonstrationen zurückzudrängen, die Teilnehmer:innen und sich selbst zu schützen. Er betont auch den Unterschied zur extremen Rechten, die Gewalt – anders als die Linke – als Teil ihres Gesellschaftsprojekts sieht. Wo aber hat die Jeune Garde die Grenze gezogen? Und wo überschritten?

Am 17. März veröffentlicht «Mediapart» eine Analyse von rund sechzig Videos, die rechtsextreme und antifaschistische Gruppen in den letzten Jahren online gepostet hatten. «Alle zeigen Szenen, bei denen eine Person am Boden von mehreren Leuten geschlagen wird», hält das Medium fest. «Fusstritte gegen den Kopf, die als ‹Penaltys› bezeichnet werden, werden auf beiden Seiten verherrlicht.» Manche der Videos seien mit «La Jeune Garde» unterzeichnet worden.

Angst, dem Feind zu ähneln

Die Sonne sticht vom Himmel an diesem Nachmittag im Stadtteil La Guillotière. Mehrere Männer unterhalten sich vor einem Barbershop. Im Laden für afrikanische Waxstoffe ein paar Häuser weiter drängen sich die Kund:innen. Das multikulturelle Viertel gilt als Hochburg von Lyons linksautonomem Milieu.

Nabila, die eigentlich anders heisst, sitzt in einem Café. Sie trägt Jogginghose und Kapuzensweater, die dunklen Locken hat sie hochgebunden. Auch sie habe Dutzende Schlägereien miterlebt wie jene, die Deranques Tod vorausgingen, sagt die 33-Jährige. Nabila ist Antifaschistin. Sie war nicht bei der Jeune Garde aktiv, sondern in einer anderen Gruppe, die 2022 verboten wurde. Das Verhältnis zur Gewalt sei aber ähnlich gewesen. «Wir wollten keine Verteidigungsmiliz der Linken sein», sagt sie, doch wenn die andere Seite Gewalt anwandte, hätten sie diese auch genutzt.

Zwar habe es Grenzen gegeben, die nicht überschritten werden sollten. Etwa auf jemanden einzutreten, der am Boden liegt. «Aber ich werde nicht lügen», fährt sie fort, «passiert ist das auch bei uns.» Seit Quentin Deranques Tod mache sie sich viele Gedanken. Darüber, wie schnell ein Zusammenstoss ausarten könne, und darüber, den Gegner:innen zu ähnlich zu werden, wenn die Gewalt zur Grundlage des Handelns werde. «Wenn wir nur damit beschäftigt sind, sie zu bekämpfen, konstruieren wir auch keinen eigenen Diskurs.»

Am 30. April lehnt das Oberste Verwaltungsgericht einen Einspruch der Jeune Garde gegen das Verbot der Gruppe ab. Die Ermittlungen zu Quentin Deranques Tod laufen bis heute.

Es ist Abend, als Eric an einem kleinen Park unweit des Hauptbahnhofs eintrifft. Seinen Nachnamen will der Sechzigjährige, den die verstrubbelten Haare, die Shorts und das T-Shirt einer alternativen Rockband deutlich jünger wirken lassen, nicht publiziert wissen. Eric ist Mitglied von Fermons les locaux fascistes. Er spricht von Erfolgen, davon, dass Lyon heute um einiges sicherer sei. Aber auch davon, wie schnell sich das wieder ändern könnte. Deranques Tod habe in der öffentlichen Wahrnehmung alles umgekehrt. «Wir sind jetzt die Bösen.» All die Arbeit der vergangnen Jahre werde nun infrage gestellt. Das Engagement der Aktivist:innen diskreditiert. Unterdessen mache sich bei den Rechtsextremen ein Gefühl von Straffreiheit breit, fürchtet er. «Durch und durch antisemitische Gruppen halten seit Deranques Tod seelenruhig in Lyon ihre Treffen ab.» Die politische Stimmung im Land – laut Umfragen hat der rechtsextreme Rassemblement National gute Chancen, 2027 das nächste Staatsoberhaupt zu stellen – tue ihr Übriges. «Diese Leute organisieren sich. Wenn sie stark genug sind, werden sie auch wieder auf die Strassen gehen.»

Gefragt, was das antifaschistische Lager dem entgegensetzen könne, überlegt Eric kurz. «Den Sturm aussitzen», sagt er dann. Alle Aktivist:innen darin schulen, wie man Demonstrationen sichert – um zu verhindern, dass Situationen eskalieren. Und weitermachen.

Eine andere Möglichkeit gebe es nicht. ●