Armeniens Zukunft : Im Zeichen des Herzens

Nr. 23 –

Zwischen Russland, Europa und dem schwierigen Frieden mit Aserbaidschan steht Armenien vor einer Richtungswahl. In Gjumri zeigt sich, wie tief gespalten das Land ist.

Nikol Paschinjan an einer Wahlveranstaltung in Gjumri
Neuanfang mit dem bisherigen Premier: Nikol Paschinjan an einer Wahlveranstaltung in Gjumri.

Vor der Bahnhofshalle von Gjumri gibt sich Nikol Paschinjan noch einmal volksnah. Zahlreiche Anwohner:innen drängen sich um Armeniens Premierminister. Eltern schieben ihre Kinder durch die Reihen nach vorn. Eine ältere Frau reckt den Kopf, um über die Schultern der Menschen vor ihr zu sehen. «Ich bin so aufgeregt, ich zittere», stammelt sie. Sie alle wollen ein Foto mit dem Mann, über dessen politischen Kurs Armenien bei der Parlamentswahl am 7. Juni abstimmt.

Paschinjan lächelt geduldig in die Handykameras und formt mit beiden Händen ein Herz – das Symbol seines Wahlkampfs. Gut laufe es, sagt er gegenüber der WOZ. Seine Partei Zivilvertrag liegt in den Umfragen derzeit vorne. Doch von seinem Image als Underdog der «Samtenen Revolution» von 2018 ist wenig geblieben. Damals zog Paschinjan als Hoffnungsträger zu Fuss durchs Land und führte eine Protestbewegung gegen Korruption und gegen autoritäre Eliten an die Macht.

Heute gehört der 51-Jährige zum Establishment und trägt den Ballast einer Nation mit sich, die den zweiten Bergkarabachkrieg 2020 gegen Aserbaidschan verlor und 2023 den endgültigen Verlust des umkämpften Gebiets hinnehmen musste. Mehr als 100 000 Karabach-Armenier:innen flohen damals. Nicht wenige im Land geben Paschinjan daran zumindest eine Mitschuld und kritisieren seine Haltung gegenüber den Betroffenen als zu distanziert.

Unter dem Motto «Echtes Armenien» wirbt Paschinjan indes für einen Neuanfang. Er will die Beziehungen zur Türkei und zu Aserbaidschan normalisieren und Armenien stärker an Europa und die USA heranführen. Seine Anhänger:innen sehen darin einen Weg in die Zukunft. Seine politischen Gegner:innen hingegen, deren Lager von mehreren russlandnahen Oligarchen geprägt ist, werfen ihm vor, nationale Interessen preiszugeben. Die Wahl ist deshalb im polarisierten Armenien auch ein Referendum darüber, welchen Platz der kleine Staat im Südkaukasus künftig in der Welt einnehmen soll.

Entfremdung von Moskau

In Gjumri, Armeniens zweitgrösster Stadt mit 115 000 Einwohner:innen, lässt sich dieser Konflikt besonders gut beobachten. Nur wenige Kilometer entfernt verläuft die Grenze zur Türkei, wo 1915, zu Zeiten des Osmanischen Reichs, der Völkermord an den Armenier:innen begann. In den Bahnhof mit seiner monumentalen Eingangshalle fuhren bis Anfang der neunziger Jahre noch Züge aus dem türkischen Kars ein. Mit der Schliessung der türkisch-armenischen Grenze 1993 während des ersten Bergkarabachkriegs wurde diese Verbindung gekappt. Heute verkehren von hier nur noch Züge nach Jerewan und Georgien. Infolge der Annäherung zwischen Armenien und der Türkei wurde zuletzt intensiver über eine Wiedereröffnung der Bahnstrecke Kars–Gjumri gesprochen.

Ebenso sichtbar ist in Gjumri der russische Einfluss. Das Schienennetz wird, wie im Rest des Landes, von einer Tochterfirma der russischen Staatsbahn betrieben; zum Stadtbild gehören russisch-orthodoxe Kirchen und ein russisches Kulturzentrum. Zudem erstreckt sich im Norden Gjumris zwischen Plattenbauten und Brachland die grösste russische Militärbasis des Landes. Sie sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen, besonders 2015, als ein russischer Soldat das Feuer auf eine armenische Familie eröffnete und sieben Menschen ums Leben kamen. Der Fall löste landesweite Proteste aus; seither wächst das Misstrauen vieler Armenier:innen gegenüber der russischen Präsenz im Land.

Anhängerinnen von Nikol Paschinjan formen mit den Händen ein Herz
Auf dem Weg ins «echte» Armenien: Anhängerinnen von Nikol Paschinjan.

Die eigentliche Entfremdung von Moskau setzte aber erst Jahre später ein. «Früher waren wir eine prorussische Familie», sagt Tigranuhi Hakobjan. Die Unternehmerin betreibt in der Innenstadt die inklusive Bäckerei Aregak, in der Menschen mit Behinderung arbeiten. Hakobjan selbst ist unweit der russischen Militärbasis aufgewachsen. Ihre Kindheit, erzählt sie, sei von russischer Sprache und Literatur geprägt gewesen. Umso grösser sei heute die Enttäuschung. «Seit 2023 fühlen wir uns von Russland betrogen.»

Gemeint ist die Rolle der sogenannten russischen Friedenstruppen. Gemäss dem Waffenstillstandsabkommen von 2020 sollten sie die einzige Strassenverbindung zwischen Armenien und der Region Bergkarabach bewachen; sie wurde seit den frühen neunziger Jahren de facto eigenständig verwaltet, gehört völkerrechtlich jedoch zu Aserbaidschan. Als die Route monatelang blockiert wurde und Aserbaidschan Bergkarabach im September 2023 zurückeroberte, warfen viele Armenier:innen Russland Untätigkeit vor. Für Hakobjan und viele andere steht dieser Moment sinnbildlich für den Vertrauensverlust, der das Verhältnis beider Länder nachhaltig verändert hat.

Wichtiger Handelspartner

Ganz ohne Russland kommt Armenien allerdings weiterhin nicht aus. Als Handelspartner bleibt das Land zentral. Um vor der Wahl Druck zu machen, schränkte Moskau zuletzt die Einfuhr von armenischen Produkten wie Blumen, Tomaten und dem bekannten Jermuk-Mineralwasser ein. Auch drohte Russland mit Konsequenzen im Energiesektor und warnte vor einem «ukrainischen Szenario», sollte Paschinjan weiter an seinem EU-Kurs festhalten.

Unternehmerin Hakobjan steht irgendwo zwischen diesen Polen. Ihre Bäckerei wird seit Jahren von der EU unterstützt. Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine gehören viele nach Armenien ausgewanderte Russ:innen zur Kundschaft. Den Blick nach Westen kann Hakobjan nachvollziehen. Die Annäherung an Aserbaidschan sei hingegen verfrüht. Bis 2020 habe sie sich bei Einladungen zu Veranstaltungen im Ausland auch mit Aseris ausgetauscht. Seit den letzten Kriegen könne sie das nicht mehr. «Unsere Wunden sind noch zu frisch», sagt sie.

Im August 2025 verständigten sich Armenien und Aserbaidschan unter Vermittlung der US-Regierung auf ein Friedensabkommen. Ratifiziert ist es bis heute nicht. Auch die damals angekündigte Trump Route for International Peace and Prosperity (Tripp) ist bislang nicht über die Planungsphase hinausgekommen – sie soll eine von Aserbaidschan lange geforderte direkte Verkehrsverbindung zwischen dem aserbaidschanischen Kernland und seiner Exklave Nachitschewan durch Südarmenien und an der Grenze zum Iran schaffen .

Ein grosser Streitpunkt bleibt die armenische Verfassung. Aserbaidschan fordert von Armenien, darin indirekte Bezüge zu Bergkarabach zu streichen. Ob die Partei von Ministerpräsident Nikol Paschinjan nach der Wahl die für eine Änderung notwendige Zweidrittelmehrheit erreichen könnte, ist offen.

Drohnen am Nachthimmel

Noch haben sich viele im Land nicht für eine der insgesamt neunzehn Parteien und Allianzen im Rennen entschieden. Verschiedenen Umfragen zufolge waren zuletzt bis zu zwanzig Prozent der Wähler:innen unentschlossen.

«In dieser Wahl wird viel versprochen. Aber es ist eher eine Wahl des kleineren Übels», sagt Robin Elbakjan. Die 23-Jährige arbeitet am Tresen der Bar Tetra, die sich im Keller eines historischen Gebäudes aus schwarzem Tuffstein befindet. 1988 erschütterte ein schweres Erdbeben die Region und zerstörte grosse Teile der Stadt. Bis heute hat sich Gjumri, das lange als kulturelles Zentrum Armeniens galt, nicht vollständig davon erholt.

Viele von Elbakjans Kindheitsfreund:innen leben inzwischen in Jerewan. Dort gebe es schlicht mehr Jobs. Nach einer Zeit in Frankreich habe sie sich jedoch bewusst entschieden, in Gjumri zu bleiben. In den vergangenen Jahren ist die Kulturszene der Stadt wieder gewachsen. Das «Tetra» ist einer ihrer Treffpunkte, viele Kunstschaffende und Musiker:innen kommen hier vorbei – und auch viele Queers, wie Elbakjan betont. Hauptberuflich arbeitet sie für eine NGO, die sich für die Rechte der LGBTQI+-Community in Armenien einsetzt. «Natürlich macht uns die Möglichkeit eines prorussischen Premiers Angst», sagt sie.

Wenige Gehminuten entfernt beginnt unterdessen Paschinjans Rede in der Innenstadt. Der Platz ist gut gefüllt. Der Premier hält sich mit beiden Händen an den Mikrofonen fest, die am Pult auf der Bühne fixiert sind. Er spricht laut, brüllt fast, während er seine politischen Gegner:innen attackiert – ein Ton, der den Wahlkampf aller Parteien prägt. Zum Abschluss steigen Drohnen über dem Platz auf und formen Figuren am Nachthimmel, darunter ein Herz und die armenische Flagge. Erst danach kehrt in Gjumri wieder Ruhe ein. ●

Mitarbeit: Khachatur Najaryan.