Aufwachsen in Gaza : Traumatisches Ende der Kindheit

Nr. 23 –

Die Eltern tot, die Schule zerstört: Kinder und Jugendliche suchen unter Trümmern nach einer Zukunft. Die WOZ hat drei von ihnen begleitet.

Tuka Abu al-Chair steht vor einem zerstörten Haus mit verstreuten Möbeln
Tuka Abu al-Chair war fünfzehn, als israelische Soldaten sie verschleppten. Heute ist sie achtzehn, will die Schule in Gaza beenden und Pflegefachfrau werden. Amjed Tantesh

Mohammad Abu Mohsens Schulweg in Gaza-Stadt beginnt neben einer leeren Artilleriegranate. So gross wie sein Arm steht sie am Eingang des Hauses an der Wand. Um 9 Uhr nimmt der Zwölfjährige seinen Schulthek, auf den ein Fussball gedruckt ist. Grossonkel Rami Abu Mohsen begleitet ihn hinaus. Vor dem Gebäude führt eine Piste, die einmal eine Strasse war, vorbei an dicht gedrängten Zelten zwischen Trümmerbergen und Ruinen. Der 43-Jährige legt seinem Grossneffen beim Gehen den Arm um die Schulter.

Seit rund fünf Monaten besucht Mohammad wieder die Schule. Anfangs noch im Rollstuhl. Seit Ärzte ihm die Metallplatten aus dem Oberschenkel entfernt haben, kann er wieder gehen. Auf seinem Gesicht und seinen Armen aber hat sich der Krieg eingegraben: Viele kleine Flecken, die auf den ersten Blick wie Sommersprossen aussehen, sind Narben eines israelischen Luftangriffs.

«Wir hatten schon gepackt, es war am 21. September 2025», sagt Mohammad. Israel hatte das Stadtgebiet zum wiederholten Mal zum Kampfgebiet erklärt. Die Familie wollte am nächsten Morgen nach al-Mawasi im Süden des Gazastreifens fliehen. Der galt zwar bereits als hoffnungslos überfüllt, doch in den zwei Jahren seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 war die israelische Armee im Anschluss an solche Ankündigungen oft ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung in den betroffenen Gebieten vorgerückt.

Weil sein Vater Aschraf Abu Mohsen, ein Arzt im nahen Al-Schifa-Spital, seine Patient:innen nicht im Stich lassen wollte, habe sich ihre Flucht verzögert, sagt Mohammad. Als die Bombe ins Familienhaus eingeschlagen habe, habe er im fünften Stock geschlafen. «Ich bin unter Trümmern aufgewacht und habe geschrien, bis ich ohnmächtig wurde.» Als er im Spital wieder zu sich kam, waren sein Vater, seine Mutter und seine beiden kleinen Schwestern tot. Hilfsorganisationen verwenden die Abkürzung WCNSF – wounded child, no surviving family. Erst drei Tage später findet sein Grossonkel den Jungen im Nasser-Krankenhaus in Chan Junis in Südgaza. «Er konnte nichts sehen, sein Gesicht war verbrannt, Arm und Bein gebrochen, aber er hat meine Stimme erkannt und mich umarmt», erzählt Rami Abu Mohsen.

Mohammad Abu Mohsen hält einen Fussball in den Händen
«Ich bin unter Trümmern aufgewacht und habe geschrien, bis ich ohnmächtig wurde.» Mohammad Abu Mohsen hat bei einem Angriff Eltern und Geschwister verloren, heute lebt er bei seinem Grossonkel.

Ständige Albträume

Knapp zwanzig Minuten zu Fuss sind es bis zur Schule. Mohammad legt wegen seiner Verletzung Pausen ein. «Ich gehe zweimal die Woche zur Physiotherapie, mein Bein wird besser, aber ich kann es noch immer nicht wie vorher bewegen», sagt er. Vor der Schule warten seine Mitschüler in einer Reihe vor einem Zaun aus Wellblech. Dahinter stehen zehn behelfsmässig aus Holz gebaute Klassenzimmer und ein Büro. Im Hof verdeckt Kunstrasen den staubigen Boden.

Betrieben wird die Schule vom Bildungsministerium, das der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah untersteht. De facto aber hat auch nach zweieinhalb Jahren brutaler israelischer Kriegsführung und mehr als 70 000 Toten weiterhin die Hamas das Sagen in Gaza. Zumindest auf jenen vierzig Prozent des Küstenstreifens, die nicht von Israels Armee kontrolliert werden.

Unterrichtet wird Englisch, Arabisch, Wissenschaft und Mathematik von 10 bis 13 Uhr. Für Mohammad ein kostbares Stück Alltag. Laut Unicef haben rund 700 000 Kinder zwischen vier und siebzehn in Gaza in den letzten drei Jahren keine Schule mehr besucht. Vier von fünf Schulen wurden demnach von israelischen Angriffen direkt getroffen. 93 Prozent müssen grundlegend renoviert oder neu aufgebaut werden. Viele werden zudem bis heute als Notunterkünfte genutzt.

Zweimal meldet sich Mohammad im Unterricht und liest englische Worte von Kärtchen ab. Er sei clever, sagt seine Englischlehrerin, aber ruhiger als seine Mitschüler. «Ich habe oft Albträume von der Nacht, als das Haus über mir zusammengebrochen ist», sagt Mohammad auf dem Heimweg. Er hoffe immer, seine Eltern im Traum zu sehen.

«Meine Frau und ich lassen ihn zwischen uns schlafen», sagt sein Grossonkel. Das helfe ein wenig gegen die Angst. Er selbst sei mehrmals zu Beratungsstellen gegangen, um zu lernen, wie er den Jungen unterstützen könne. «Er ist stark, geht gerne zur Schule und spielt Fussball mit den Nachbarn. Aber es ist für ihn nicht einfach, wenn mich meine Tochter vor seinen Augen umarmt.»

In den Rücken geschossen

Gut zehn Kilometer weiter südlich versucht Arafat Abu Maschajech, der Leiter der psychiatrischen Abteilung des Al-Aksa-Märtyrer-Krankenhauses in Chan Junis, Kindern nach traumatischen Kriegserfahrungen zu helfen. «Aber es fehlt an Personal, und es gibt kaum noch Einrichtungen für psychische Gesundheit für die Vielzahl der Fälle», sagt er.

Weitverbreitete Symptome bei Minderjährigen in Gaza seien sozialer Rückzug, Bettnässen, Stottern, ständiges Weinen oder Gereiztheit. Hinzu kämen Albträume und extreme Anhänglichkeit. Das ständige Surren von israelischen Drohnen löse bei manchen Panik aus.

Laut der WHO und dem lokalen Gesundheitsministerium fehlen derzeit aufgrund der israelischen Blockade 46 Prozent der unentbehrlichen Arzneimittel. Auch psychiatrische Medikamente seien knapp, sagt Abu Maschajech. «Wir müssen oft Medikamente während der Behandlungszeit wechseln, worauf viele nicht gut reagieren.»

Psychiater Arafat Abu Maschajech zeigt dem elfjährigen Ahmed Fayid ein Kinderbuch
«Angesichts des kollektiven Traumas müssten wir ganz neue Ansätze entwickeln», sagt der Psychiater Arafat Abu Maschajech, der den elfjährigen Ahmed Fayid betreut.

Einer seiner Patienten ist Ahmed Fayid aus al-Bureidsch. Der Elfjährige liegt auf einem Bett der Station. Über seinen Bauch zieht sich eine grosse Narbe. Bei einer Notoperation mussten Ärzte einen Grossteil seines Darms entfernen, nachdem er in der Nähe der sogenannten Gelben Linie, hinter der sich die israelischen Truppen nach dem Waffenstillstand positioniert haben, angeschossen worden war. Er hat sichtbar Gewicht verloren, sein linkes Bein kann er nicht mehr bewegen.

«Ich war am 30. März mit einem Freund auf dem Heimweg, als wir einen Soldaten auf einem Panzer stehen sahen», erinnert sich Ahmed, dessen Familie nahe der Linie lebt. Sein Freund sei sofort davongerannt, er selbst habe einen Moment gezögert. Als er sich abgewendet habe, habe ihn eine Kugel in den Rücken getroffen. Erst auf mehrfache Nachfragen der WOZ teilte die israelische Armee mit, sie habe keine Kenntnis der in diesem Artikel beschriebenen Vorfälle.

Die Soldaten haben ihre Stellungen nach der Waffenruhe vergangenen Oktober grob mit gelben Betonquadern markiert. Immer wieder verschieben sie diese weiter in Richtung der noch bewohnten Gebiete. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu will laut Medienberichten die Kontrolle auf siebzig Prozent des Gazastreifens ausweiten. Die Bevölkerungsdichte auf dem Rest würde damit auf rund 20 000 Menschen pro Quadratkilometer wachsen, etwa fünfmal so hoch wie in Berlin.

Die Infrastruktur ist weitgehend zerstört. Regen lässt Abwasser in Zeltsiedlungen fliessen. Schutz vor der Hitze gibt es kaum. Zwar sieht der «Friedensplan» von US-Präsident Donald Trump eine neue technokratische Verwaltung für Gaza vor, Israel blockiert jedoch deren Einreise. Wiederaufbau findet kaum statt. Die Hamas verweigert ihre Entwaffnung, Israel macht keine Anstalten, die Armee zurückzuziehen. Der Krieg gegen den Iran und die Kämpfe zwischen Israel und der proiranischen Hisbollah im Libanon lassen die humanitäre Katastrophe in Gaza in Vergessenheit geraten.

Nach der Visite schliesst Abu Maschajech die Tür zu Ahmeds Zimmer. «Ehrlich gesagt ist die Arbeit, die wir machen, oft unzureichend, vor allem mit Blick auf die Langzeitfolgen», sagt er resigniert. Vielen Kindern gehe es nach einigen Wochen in Behandlung zwar besser. Doch es bräuchte eine weitreichende Ausweitung der psychosozialen Unterstützung. «Angesichts des kollektiven Traumas müssten wir ganz neue Ansätze entwickeln.» Gereiztheit und Aggression hätten nach Jahren ohne Sicherheit in der gesamten Bevölkerung zugenommen. Die Waffenruhe seit Oktober verdient den Namen kaum: Seit ihrem Beginn wurden bei israelischen Luftangriffen und entlang der Gelben Linie fast tausend Menschen getötet.

Tuka Abu al-Chair giest eine kleine Palme
«Wir haben geschrien: ‹Hier sind Kinder und Frauen!› Sie haben trotzdem das Feuer eröffnet.» Tuka Abu al-Chair, damals fünfzehn, wurde festgenommen und gefoltert.

55 Tage Horror

Andere Kinder werden nicht durch Bomben oder Kugeln verletzt. Tuka Abu al-Chair ist gerade achtzehn Jahre alt geworden. Sie war fünfzehn, als israelische Soldaten sie mit ihrer Schwester und ihrer Grossmutter aus ihrem Zuhause in al-Seitun, einem Viertel von Gaza-Stadt, verschleppten. «Es war das Ende meiner Kindheit», sagt die junge Frau im grünen Pullover heute. Sie sitzt im Wohnzimmer eines Hauses, das die Familie im westlichen al-Seitun gemietet hat. Eine Wand fehlt, die Decke wirkt, als könne sie jeden Augenblick einbrechen. Das alte Haus der Familie liegt unerreichbar östlich hinter der Gelben Linie.

Anfang Dezember 2023 nahm die israelische Armee die Nachbarschaft ein. Fünf Tage habe sie sich mit achtzehn Menschen in einem engen Flur im Haus versteckt, während draussen geschossen worden sei, sagt Tuka. «Als Soldaten die Tür aufrissen, schrien wir: ‹Hier sind Kinder und Frauen!› Sie haben trotzdem das Feuer eröffnet.» Ihr dementer Grossvater sei in den Kopf und die Brust getroffen worden.

Die Soldaten hätten Tukas Vater und die übrigen Männer festgenommen. Sie wurde mit verbundenen Augen gefesselt. «Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt, unter mir in den Boden geschossen und gefragt, ob ich etwas über bewaffnete Kämpfer wisse.» Sie sei zusammengebrochen und habe geweint. Später habe ein Soldat sie in den Keller gebracht und sie für zwei Stunden zu entführten israelischen Geiseln und bewaffneten palästinensischen Gruppen befragt. «Als ich nichts gesagt habe, hat er gedroht, mich zu vergewaltigen.»

Am nächsten Morgen, dem 9. Dezember, nachdem man sie von ihrer Grossmutter und der Schwester getrennt und ihr Telefon und Schmuck abgenommen habe, sei sie auf einem Lastwagen nach Jerusalem gebracht worden. Dort habe sie mehrere Stunden in der Kälte ausharren müssen, bevor man sie ins nahe gelegene Anatot-Gefangenenlager im israelisch besetzten Westjordanland gebracht habe. «Es war dreckig und voller Insekten dort, und das Licht wurde niemals ausgeschaltet.» Ein Bericht mehrerer israelischer NGOs wie ACRI und Hamoked von Dezember 2024 beschreibt ähnliche Zustände: «Die Haftbedingungen im Anatot-Camp sind illegal und kommen Folter gleich.»

Laut Tuka folgte eine Odyssee durch ein weiteres Gefängnis bei Haifa und das berüchtigte Gefangenenlager Sde Teiman in der Negevwüste. Schläge, Schlafentzug und kaum Nahrung, so beschreibt sie den Alltag dort.

Die Armee hat Sde Teiman nach wiederholten Foltervorwürfen geschlossen. Nach dem 7. Oktober wurden dort zeitweise bis zu 4000 Palästinenser festgehalten, viele ohne offizielle Anklage. Auch israelische Soldaten haben gegenüber mehreren Medien Vorwürfe erhoben. Mehrere Reservisten missbrauchten mutmasslich gar einen Insassen vor laufenden Überwachungskameras. Das Verfahren gegen sie wurde jedoch im März wegen «Verfahrensschwierigkeiten» eingestellt. Laut einem Bericht der israelischen NGO Physicians for Human Rights vom Dezember starben seit dem 7. Oktober 2023 mindestens 94 palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen.

In Sde Teiman wurden weibliche Gefangene laut Tuka gezwungen, über Stunden zu knien, ohne sich bewegen oder miteinander sprechen zu dürfen. Aus dem benachbarten Trakt der männlichen Gefangenen habe sie Schreie gehört. «Mein erster Gedanke war stets: Vielleicht ist es mein Vater oder mein Bruder.»

Nach 55 Tagen wurde das Mädchen zusammen mit ihrer Grossmutter und ihrer Schwester über den Grenzübergang Kerem Schalom freigelassen. «Die Aussicht, meine Mutter wiederzusehen, hat mir im Gefängnis Kraft gegeben, aber dann musste ich ohne sie zurückkehren.» Ein Jahr lang blieb es zu gefährlich, aus Südgaza zum Rest der Familie im Norden zu gelangen. Tuka und ihre Schwester schlugen sich mit der Grossmutter durch. «Wir mussten uns bei Ausgabestellen um Essen und Wasser bemühen, niemand von uns hatte Geld.»

Heute ist die Familie wieder vereint. Tuka steht im Hof des neuen Zuhauses und kümmert sich um ihre kleinen Geschwister und eine Bananenstaude, die dort zwischen Trümmern wächst. Dass ihre älteren Geschwister ihr Studium aufgeben mussten, weil ihr Vater ohne Arbeit die Gebühren nicht mehr bezahlen kann, macht ihr Sorgen. Die Arbeitslosigkeit liegt Schätzungen zufolge bei achtzig Prozent. Trotzdem lädt sie sich in einem nahe gelegenen Café Studienmaterial und Lernvideos herunter, liest und lernt, wenn sie Zeit findet. Ihren eigenen Traum, erst die Schule zu beenden und dann Pflegerin zu werden, will sie nicht aufgeben. ●