Best Western : Eine grosse Verdrehung der Tatsachen
Dorothee Elmiger stellt Verbindungen her
Ein Professor habe auf die Stelle hingewiesen, sagte mein Freund, der Drittweltist. George Eliots «Middlemarch», erstes Kapitel: Die Schwestern Dorothea und Celia Brook – «die ja übrigens einen Teil ihrer Bildung in der Schweiz genossen haben» – sitzen vor der Schmuckkassette der verstorbenen Mutter, um die Hinterlassenschaft unter sich aufzuteilen. Celia will die ältere Schwester überreden, immerhin einen Ring und ein Armband für sich zu behalten, aber Dorothea ist widerwillig; weltliche Dinge sollen ihr nichts bedeuten, sie ist idealistisch, will hin zu «einem erhabenen Begriff von Welt», ihr Geld für grosszügige Zwecke ausgeben. «Dorothea zieht sich den Schmuck an und sagt dann ungefähr: ‹Also gut, ich nehme sie. Aber kannst du dir vorstellen, wie elend die Leben der Menschen sind, die diese Dinge finden und bearbeiten und verkaufen?›» Ein flüchtiger Verweis auf das Empire; auf jene, die in die Minen stiegen und wertvolle Minerale zutage förderten, Smaragd, Amethyst, Achat, damit andere sich damit schmücken konnten.
Was sich an dieser Stelle zeige, sagte der Freund, sei nicht Solidarität, die auf Klassenbewusstsein gründe – aber vielleicht eine Art kosmopolitische Tradition. «Die Tradition, im Namen einer supranationalen Sache, einer geschichtlich fortwirkenden Idee zu handeln. Das hängt, glaube ich, auf interessante Weise mit der Frage der Solidarität zusammen.»
Jetzt, da bald abgestimmt wird, denke ich ab und zu an die These des Freundes, man kenne in Europa einen Kosmopolitismus, der in den Vereinigten Staaten fehle. Viele der Erzählungen, die dieses Land, die Schweiz, von sich erzählt, scheinen es darauf angelegt zu haben, Verbindungen zu kappen statt herzustellen. Das Kosmopolitische, so könnte man sagen, wird stets nur in eine Richtung gedacht: Man ist weltläufig, operiert international, überquert die Grenzen beiläufig, uf u dervo, i nes Land, wo sie Sunne hei. Und hey, can you tell me the seven sinking steps? Hingegen will man im Landesinnern die eigentlich Weltläufigen nicht haben – oder höchstens unter der Bedingung, dass sie ihr Wissen, ihre ersten, vielen Sprachen, ihre hiesige Horizonte übersteigenden Erfahrungen ablegen, unsichtbar machen. Ja, von all den falschen Schweizer Geschichten, die ich schon als Kind gelernt habe, haftet wohl kaum eine so tief wie jene, die denen mit vielfältigem Weltbezug ihr Wissen abspricht, die Bezüge kappt. Eine grosse Verdrehung der Tatsachen: Es wüssten jene weniger, die in Wahrheit immer schon mehr wissen, weil sie Welt gesehen haben, weil sie über weite Distanzen telefonieren, mitten im Satz die Sprache wechseln, etwas kennen, was ich nie kennen werde.
Texte helfen, die falschen Geschichten zu korrigieren. Texte, die auf den Bezügen bestehen, sie wiederherstellen. Mina Havas «Für Seka» zum Beispiel. Oder Maryam Aras’ «Dinosaurierkind», ein Essay über das Leben und die politische Arbeit des Vaters, der 1964 aus dem Iran nach Deutschland kommt. Über die iranische Diaspora in Deutschland, das Leben im Kölner Bezirk Mülheim, die eigene Politisierung, über die Ahn:innen. Ein Text, der die «persischen Studenten», die in der Erzählung von den politischen Ereignissen rund um den Schahbesuch am 2. Juni 1967 in Berlin meist nur am Rand figurieren, hinter der Abkürzung hervorholt. Aras stellt ihrem wichtigen Text zwei Zeilen des Dichters SAID voran: «Du kannst dir nicht aussuchen, / wie sehr die Welt dich mitnimmt.» ●
Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.