Durch den Monat mit Greis (1) : Was brauchen Sie, um Lieder zu schreiben?
Musiker Grégoire Vuilleumier über seine Versagensängste, Graffiti und Credits fürs Aufräumen.
Ging es mir schlecht, war ich wie gelähmt»: Grégoire Vuilleumier alias Greis.
WOZ: Grégoire Vuilleumier, Ihr Künstlername ist Greis. Wie gehts Ihnen mit dem Älterwerden?
Grégoire Vuilleumier: Ach, ganz gut.
WOZ: Ja?
Grégoire Vuilleumier: Wenn man alte Eltern hat, so wie ich, setzt man sich früh mit dem Älterwerden auseinander. Zudem hatte ich mit achtzehn schon die ersten grauen Haare, deshalb fand ich den Namen auch so passend. Aber eines der tausend Privilegien von Dudes ist natürlich auch, dass das Altern nicht mit einem Stigma behaftet ist.
WOZ: Sie haben also nie damit gehadert?
Grégoire Vuilleumier: Wenn ich könnte, würde ich etwas Geld umverteilen: Als ich jung war, habe ich viele Sachen gemacht, die ich gut konnte, war «on top of things», habe gut verdient. Jetzt bügle ich viel, aber verdiene schlechter. Mit dem Alter hat man aber auch mehr Referenzen, mehr Erfahrung, mehr Krisen durchlebt – man weiss, sie gehen wieder vorbei.
WOZ: Sie sind in Lausanne geboren, zogen früh mit Ihren Eltern nach Bern, wo Sie heute mit Partnerin und Sohn leben. Wie haben Sie als Teenager mit der Musik angefangen?
Grégoire Vuilleumier: Mein Umfeld hat Graffiti gemacht, das war unser Ding. Den Berner Rap in den Neunzigern fanden wir nicht wirklich gut – das können wir doch aus dem Stegreif besser, dachten wir uns. Rappen ist eine niederschwellige Art, Musik zu machen. Man muss keine Noten lesen können; das Schema mit Viervierteltakten, wo am Schluss der Zeile der Rhyme kommt – das ist auf dem Level von Gedichten in der Primarschule. Und das ist gut so. Wir haben dann gemerkt: Das fägt mega. Und wir konnten ein Vakuum nutzen. Mit der Konkurrenzsituation von heute hätten wir vielleicht gar nicht erst angefangen.
WOZ: Was gefiel Ihnen am Hip-Hop?
Grégoire Vuilleumier: Für mich gibt es keine idealere Jugendkultur als eine so partizipative, wie es der Hip-Hop als Underground und Nische war – edgy, rebellisch. Mittlerweile ist er Leitkultur, das fände ich als Teenager völlig uninteressant. Ich denke, alle Jugendkulturen haben einen partizipativen Anteil. Auch beim Tanzen und den Choreografien auf Tiktok geht es um Performance, um Kreativität. Aber das Geschenk, das wir hatten – zu rappen, aufzulegen, zu tanzen, zu malen –, «each one teach one», ganz basisdemokratisch, wow, das war schon grossartig!
WOZ: Sie sagen, Graffiti sei ein «Rumpelstilzli-Ding». Wie meinen Sie das?
Grégoire Vuilleumier: Man kann sich damit ein Alter Ego aufbauen. Es ist eine für Jugendliche naheliegende Möglichkeit zur Affirmation; was Sinn ergibt, wenn man dabei ist herauszufinden, wer man ist. Und die Credits, die mir Graffiti verschaffte, habe ich heute in der Haushalts- und Sorgearbeit nie.
WOZ: Mit der Musik finanzierten Sie sich Ihr Studium – Publizistik, Politologie und Geschichte – in Zürich. Die Geisteswissenschaften merkt man Ihren Liedern an.
Grégoire Vuilleumier: Ja, bei meinem ADHS und meiner Mühe mit Struktur habe ich es dem Studium zu verdanken, dass ich so viel Theorie aufnehmen und verknüpfen konnte. Der Luxus, das Glück, das ich hatte: unglaublich.
WOZ: Galten Sie damit als «Intellelo-Rapper»?
Grégoire Vuilleumier: Schon, ja. Aber nicht unverdient: Ich bin ein Klugscheisser, das ist eine Passion von mir. Das mache ich schon gerne.
WOZ: Was brauchen Sie, um Lieder zu schreiben?
Grégoire Vuilleumier: Das hat sich stark verändert. Ich habe dreissig Jahre lang mit Versagensangst und Imposter-Syndrom gestruggelt. Gelang mir ein guter Song, dachte ich: Dafür bin ich auf der Welt, das will ich! Ging es mir schlecht, war ich wie gelähmt. Dann fand ich alles, was ich schrieb, scheisse. Und das war es auch: Es war redundant und uninspiriert – «das dunkle Loch, der Tunnel, ich bin selbst schuld …»
WOZ: Es muss Ihnen also gut gehen. Haben Sie Zeiten, in denen Sie am liebsten schreiben?
Grégoire Vuilleumier: Den kreativen Prozess zu normalisieren, war lange mein Mantra. Ich wollte mich immer gleich fühlen, ob ich nun nichts oder einen megacoolen Song geschrieben hatte – aber, ohne Scheiss, wer kann das? Jahrelang war ich überzeugt, es ergebe keinen Sinn, mich unter zwei Stunden überhaupt hinzusetzen – wovon ich sicherlich noch eine Stunde prokrastinieren würde.
WOZ: Wie hat sich das verändert?
Ich habe gemerkt: Rap ist meine Inselbegabung. Seit drei, vier Jahren schreibe ich Lieder beim Wäschewaschen, im Tram, auf dem WC oder beim Kochen. Ich habe zwei Jobs plus Haushalts- und Sorgearbeit, ich habe meist nicht mal eine halbe Stunde, also fast keine Schreibzeit. Eigentlich habe ich zwei Inselbegabungen: Ich kann sehr gut Joints rückwärts drehen – was nichts bringt, wenn man nicht mehr kifft –, und ich kann rappen.
WOZ: Ihr allererstes Album, «Eis» (2003), hat den Schweizer Rap geprägt. Wie arbeitete der 25-jährige Greis daran?
Ganz anders: Ich habe jede Woche einen Song geschrieben, und wir haben jede Woche einen aufgenommen. Diese externe Struktur hat mir enorm geholfen. «Eis» und «Zwöi» sind supercoole Werke geworden. Aber überladen as fuck, anstrengend zum Hören. Und Horror zum Performen: In «Global» gibt es keine Pause, am Hals schwillt eine dicke Ader an, man kann nicht atmen, ausser Zirkularatmung – das ist unglaublich anstrengend. ●
Grégoire Vuilleumier (48) legte mit «Global» zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Evian 2003 eine Hymne der Antiglobalisierungsbewegung vor.