Edgar Morin (1921–2026) : Hundert Jahre Fragen

Nr. 23 –

Portraitfoto von Edgar Morin
Mit planetarer Ausrichtung: Der Philosoph und Soziologe Edgar Morin. Joel Saget, Keystone

«Wir müssen weitersuchen», sagte Edgar Morin in einem Gespräch im Jahr 2000. Geboren wurde er 1921 in Paris als Edgar Nahoum. Für die Herkunft seiner Eltern verwendete er den Begriff «maranisch»: aus Spanien vertriebene jüdische Familien, die sich rund ums Mittelmeer zwischen aufgezwungenen und gewählten Religionen bewegten. Immer noch einen Fuss woanders zu haben, schien ihm fruchtbar. Atheistisch aufgewachsen, entwickelte er als Jugendlicher einen starken Internationalismus. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in der Résistance und trat der Kommunistischen Partei bei. Sein Deckname «Morin» wurde sein Nachname.

1951 schloss ihn die KP aus. Einschneidend waren die stalinistischen Schauprozesse in Ungarn, die sogenannten Rajk-Prozesse. Dass sich Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung aus Parteitreue aus dem Exil zurück nach Budapest begaben, um sich dort der mörderischen Säuberungskampagne zu unterwerfen, löste bei Morin eine tiefe Selbstbefragung aus. Er stellte sie im Buch «Auto­­­critique» (1959) dar.

Wie hatte er sich selbst jahrelang täuschen können? Diese Frage trieb ein soziologisches und philosophisches Lebenswerk an, das aus über sechzig Publikationen besteht. Dazu gehört das sechsbändige Werk «Methode», eine transdisziplinäre Erforschung dessen, was Morin «komplexes Denken» nennt. Seine Zuversicht, dass sich die Verstrickung in Simplifizierungen und Selbsttäuschungen aller Art überwinden lasse, war mit einem anhaltenden politischen Engagement verbunden, zum Beispiel für die Unabhängigkeit Algeriens oder für ein solidarisches Europa.

Dass Morin das Jahr 1969 als Gast an einem multidisziplinären Institut in Kalifornien verbrachte und grosse Resonanz in Lateinamerika fand, stärkte seine planetare Ausrichtung. Seit den siebziger Jahren gewannen ökologische Fragen an Bedeutung. Was er die «Polykrise» des jungen 21. Jahrhunderts nannte, schien seine Lebenskräfte noch anzukurbeln. Edgar Morin äusserte sich weiterhin kontrovers. Am 29. Mai ist er 104-jährig gestorben. ●