Essay : Das ist erst der Anfang

Nr. 23 –

Gastautorin Andrea Rea Arežina hatte sich geschworen, sich nicht zur Abstimmung über die «10-Millionen-Schweiz» zu äussern. Aber ob sie will oder nicht: Ihre Familiengeschichte hängt da mit drin.

Illustration von Christina Baeriswyl: eine idyllische Landschaft mit einer Hütte, Kühen auf einer Weide und Bergen, der Himmel besteht aus einer Backstein-Mauer
Christina Baeriswyl

Liebe Mama

Erinnerst du dich an das Buch von Melinda Nadj Abonji, das ich dir mal geschenkt habe, «Tauben fliegen auf»? Es geht um eine Familie, die zu Hause ist. Ihr Zuhause ist die Schweiz. Aber es ist ein schwieriges Zuhause. Von Heimat nicht zu reden.

Ich sehe dich mit dem Buch im Flur stehen. Im Haus riecht es nach Tannenzweigen und Heizkörper. Die Kälte sitze dir in den Knochen, sagst du im Winter und verziehst dabei das Gesicht. Doch jetzt, während du auf dem Buchrücken liest. Leuchtet kurz etwas in dir auf. Als hätte dich jemand daran erinnert, dass man die Zeit auch lesend verbringen kann.

Ich fragte mich in diesem Moment, ob du aus der Zeit fällst. Zurück in deine Gymnasiumszeit, in dein Bett, in dem du liest, liest, liest, liest. Und nicht aufstehen willst. Grossmutter hatte mir das erzählt, als sie mich für den Kindergarten geweckt hatte und ich nicht aufstehen mochte. Du warst da noch nicht hier.

Vor ein paar Jahren, in einem Schreibseminar, schlug die Lehrerin zu Beginn der Stunde eine Schreibübung vor. Sie lehnte sich an ihren Schreibtisch, knackte ihre Finger und erklärte, dass sie uns einen Satz geben werde und wir drauflosschreiben sollen. Der Satz lautete: «Welcher Satz macht dich im Innersten aus, und wer wärst du ohne diesen Satz?» Und ich schrieb: «Heute bin ich keine Ausländerin mehr.» Ich war überrascht von diesem Satz. Starrte in mein schwarzes Notizheft ohne Linien und dachte: Ich bin in Zürich geboren. Seit dem Kindergarten wohne ich in der Schweiz. Bei meinem ausgesprochenen Namen stecken die Menschen mich nach Graubünden oder Italien, und wenn sie mit ihren Augen in mir rumstochern, nachdem ich gesagt habe, dass du, Mama, nicht von hier kommst, geben sie sich Mühe und haben Mühe. Sie sagen: «Du siehst überhaupt nicht aus wie ein Jugo.»

Fiel der Satz im Schreibseminar, weil, seit ich mich erinnern kann, eine Partei in diesem Land versucht, uns, die Menschen, auseinanderzutreiben? Unsere Wut und Angst nimmt und sie auf andere Menschen projiziert: die Asylsuchenden, Flüchtlinge, Expats und schlechten Ausländer? Uns einredet, dass an den vollen Zügen, teuren Mieten, dem Stau auf der Autobahn, ja auch an den schmelzenden Gletschern die Eingewanderten schuld seien? Für manche mag sich das im ersten Moment richtig anfühlen, ich kann das nachvollziehen. Die Probleme löst es nicht.

Die Journalistin Gilda Sahebi nennt das Werkzeug dieser Partei den «polarisierenden Dreiklang»: Spalten – Schuldige konstruieren – sich als Retter präsentieren. Nun will diese Partei uns wieder «retten», mit der sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative. Weich eingepackt hat sie die Sätze für die Verfassungsänderung, die uns vom Rest der Welt abspalten soll. Die Wohnbevölkerung der Schweiz soll auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden.

Vor sechs Jahren hiess ihre Rettungsaktion «Begrenzungs-», vier Jahre zuvor «Durchsetzungs-», zwei Jahre davor «Masseneinwanderungs-», wiederum vier Jahre zuvor «Ausschaffungsinitiative», und ihre allererste Volksinitiative hätte uns vor «illegaler Einwanderung» retten sollen. Das war im Jahr 1996, als Menschen vo dunne, wie wir es nennen, in die Schweiz flohen: vor Granatenangriffen wie denen auf dem Marktplatz von Sarajevo. Die Stadt wurde für 1425 Tage von bosnisch-serbischen Truppen belagert.

Ein paar Tage nachdem Sarajevo befreit worden war, besuchten wir Grossmutter in ihrer Wohnung am Fuss des Üetlibergs. Auf dem Couchtisch stapelten sich die Schweizer Tageszeitungen und deutschen Magazine. Ich sah den «Spiegel» und erinnerte mich, wie der früher auf Grossmutters Knien lag. Ich erkannte das Magazin am Geruch. Es stank, doch Grossmutter vergrub ihr Gesicht darin, als ich von ihrer Wohnung in den Kindergarten schlurfte.

Heute frage ich mich, wie sich das für Grossmutter angefühlt hat, über das Sarajevo der neunziger Jahre zu lesen, das sie von früher kannte. Als Grossvater und sie im Spital Schulter an Schulter standen und arbeiteten, nach Feierabend durch die baščaršija, die Altstadt, nach Hause spazierten.


Am 1. Dezember 1996, kein Jahr später, sassen Grossmutter, du und ich vor ihrem Fernseher hier. Der Zipfel der gehäkelten Tischdecke hing in der Bildfläche. Doch Grossmutter drehte nur den Ton auf. Das Abstimmungsresultat der Initiative «gegen illegale Einwanderung» wurde verkündet, das erzählst du mir am vergangenen Sonntag in deinem Garten, als unsere Augen die frisierten Gärten der Nachbarhäuser nach dem Specht absuchen, der auf etwas pocht, aber sicher keinen Baumstamm. Das klirrende Geräusch raubt uns die Gedanken. Mit dem Handy in der Hand sage ich, dass die allererste Initiative dieser Partei mit 53,7 Prozent abgelehnt wurde. Ich rechne nach, wie alt ich da war; 1. Klasse Realschule. Doch du erzählst, wie Grossmutter an diesem Tag auf den Bildschirm starrte. Du habest zu ihr gesagt: «Mama, aber sie haben verloren.» Und Grossmutter: «Das ist erst der Anfang.»

Ein makabres Sprichwort, das ich mit Grossmutter verbinde, geht so: Znam te puško kad si pištolj bila – Kanone, ich kenne dich, seit du eine Pistole warst.

Nichts ist so laut leise wie die Angst.

Eine Partei begann früh hier, die vagen Gefühle wie die Angst, die in uns allen schläft, aufzuwecken. Sie zu instrumentalisieren und zu prophezeien, dass die Schweiz erst sicher sei, wenn keiner mehr reinkomme. Man versucht, dieser Angstmacherei mit rationalen Argumenten zu begegnen, und scheitert, während diese Partei die Angst in Hass umbaut. Der Ausländerhass ist hier zur öffentlichen Meinung geworden und hat ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugt.

Für mich fühlen sich die Initiativen dieser Partei nicht nach institutioneller Politik an, die es nur zu analysieren gilt. Einzuordnen in Polykrise, in Verteilungskonflikte zwischen oben und unten, die in ein Innen und Aussen umgedeutet werden. Ob ich will oder nicht, meine Familiengeschichte hängt da mit drin, und wenn in den vergangenen dreissig Jahren, alle zwei bis sechs Jahre, vor aller Augen verhandelt wird, wer dazugehört und wer nicht, macht das müde und raubt Zeit.

Grossmutter erwachte auch hier, als über die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach abgestimmt wurde. Sie stand an diesem Tag auf. Setzte ihr rotes Béret auf und tuckerte im Zug nach Sarnen. Setzte die älteren Menschen im Bett auf. Wusch ihnen den Schlaf aus dem Gesicht. Mass Blutdruck und Puls. Stand auch an ihrem Bett, als sie das letzte Mal ausatmeten. Grossmutter kam hierher, als nach Pflegekräften gerufen wurde, oder um es mit Max Frisch zu sagen: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.»

Mama, dein Exemplar von «Tauben fliegen auf» thronte lange auf deinem Brotkasten. Ein Kugelschreiber diente dir als Lesezeichen. Ich habe bei jedem Besuch nachgeschaut, auf welcher Seite du steckst. Irgendwann war das Buch weg. Ich glaube, du hast es nicht zu Ende gelesen. Nicht weil es dich nicht gepackt hätte. Dafür hast du zu oft aus dem Buch zitiert. Ich glaube, die egzistencija, wie du sie nennst, raubte deine Zeit.

Im Kindergarten zog ich den grossen Holzklötzen Babykleider an, ich dachte, sie frieren. Du hast an deinem allerersten Arbeitsort in einer psychiatrischen Klinik Menschen zugehört. Hast nicht durch sie durchgeblättert, du hast mit ihnen in ihnen gelesen, was sie belastet.

Grossmutter wärmte abends die Fleischtortellini aus der Dose auf, die mochte ich am liebsten, ihre Kochkünste weniger. Du schafftest es nicht jeden Abend zurück in unsere Blockwohnung und schliefst in der kleinen Stadt im Schwesternhaus.

Doch du hast hier nicht nur in der Klinik gearbeitet. Ich sehe dich zu Hause am Telefon, eines mit Schnurkabel. Du telefoniertest mit Einwohnerkontrolle, Krankenkasse, Migrations- und Steueramt, und am Anfang des Telefonats reisst du deinen Nachnamen auseinander. Du sagst:«B wie Berta, A wie Alpha, H wie Hans, T wie Theodor …». Danach: «Sprechen Sie ruhig schneller», und irgendwann: «Bitte wiederholen Sie sich nicht. Ich habe Sie schon beim ersten Mal verstanden.» Und einmal muss einer dich gefragt haben, ob du lesen könnest, da hast du deine ruhige Stimme aufgedreht, die hundert Dezibel durchbrochen und gesagt: «Nur weil Sie meinen Nachnamen nicht aussprechen können, heisst das noch lange nicht, dass ich blöd bin.» Auch das deine Zeit hier.

Beim Lesen meiner Texte wurde mir zurückgemeldet, dass ich rumspränge. Dass ich zu schnell hin und her wechsle. Dass nicht klar sei, wo man sich im Text befinde. Ich frage mich: Hängt es damit zusammen, dass ich zurückspringen muss, um nachzuschauen, ob da etwas ist? Und dieses Zurückspringen. Zurückschauen. Nach-vorne-Schauen. Ich muss es aufholen! Und springe wieder. Und die anderen fallen zurück.

Ich schreibe, so glaube ich, um herauszufinden, was ich fühle, was mir fehlt, was ich mir wünsche. Vor dem gesprochenen Wort kommt das Geschriebene. Davor die Erfahrung. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann sagte in ihrer Frankfurter Vorlesung: «Und doch ist ja die Erfahrung die einzige Lehrmeisterin. Wie gering sie auch sein mag – vielleicht wird sie nicht schlechter beraten als ein Wissen, das durch so viele Hände geht, gebraucht und missbraucht oft, das, das sich oft verbraucht und leerläuft, von keiner Erfahrung erfrischt.»


Der Specht in deinem Garten. Ich habe ihn gesichtet. Er hat auf das Ziegeldach des Nachbarhauses gehämmert. Das Tippen des Einsatzplans deiner Firma hat dein Sichtfeld versperrt. Eingehüllt in deinen Wollmantel, denke ich, dass ich mir doch geschworen habe, mich zu dieser Abstimmung nicht zu äussern. Diese rechte Politik hat nicht nur dir und mir so viel Zeit geraubt. Doch diese «Nachhaltigkeitsinitiative» lässt mich nicht los. Sie raubt mir die schönen Gedanken. Was soll ich tun, frage ich dich an diesem Sonntag. Das wisse ich doch, sagst du und schmunzelst.

Gilda Sahebi schreibt in ihrem Buch «Verbinden statt spalten», es liege in jedem einzelnen Menschen, sich zu entscheiden, nicht beim Freund-Feind-Spiel mitzumachen. Dazu gehöre der Wille zur Differenzierung. Erzählungen schlagen Fakten. Aber Erzählungen können falsch sein.

Mit der neusten Initiative dieser Partei, die die Schweiz zum womöglich ersten Land auf der Welt machen will, das seine Bevölkerung begrenzt, werden die Mieten nicht sinken, es wird nicht mehr freie Sitzplätze in der 2. Klasse geben, und die Gletscher werden nicht wachsen. Die Initiative löst keine Probleme. Sie erschafft neue und lässt die Angst weiter anschwellen. Beim Blick auf den Kontostand, auf die Warteschlange, die sich um das Haus der Arztpraxis ziehen könnte, und bei der Frage: Wie viel wird meine AHV noch auf die Waage bringen?

Vielleicht kann ich hier einen Weg nachzeichnen, der von mir in die Vergangenheit führt, schnurgerade durch die Jahre, Generationen und Volksinitiativen der Schweizerischen Volkspartei, weil ich dem folgen muss, was hier die Schweizerische Eidgenossenschaft auf Plakatwände kleistert:

Nicht
bei uns!
Gegen Rassismus und
Antisemitismus

Sie geben sich Mühe, aber sie haben auch Mühe, einmal mehr.

Mama, du fragtest mich einmal, wieso ich in der Vergangenheit wühle. Weil das meine Art ist, zu schreiben, wollte ich dir sagen. Doch du schobst bereits weiter, sagtest, an der Zukunft sollen wir uns orientieren. Aber ich muss erst die Vergangenheit verstehen.

In der Primarschule, beim allerletzten Elterngespräch mit meinem Lehrer, als die Einstufung gelaufen war, hast du in sein Gesicht geblickt und gesagt: «Sie sind ein Rassist.» Danach bist du in deinen grünen VW Sharan gestiegen und nach Hause gefahren, hast die Rechnungs-, Wäsche- und Geschirrberge abgebaut.

Ich kann in der Vergangenheit graben, weil du mir den Weg freigeräumt hast. Ich habe die Zeit, zu lesen, was Audre Lorde einmal schrieb: «Ihr Rassismus wird zu Nebel, der uns trennt.» ●

Andrea Rea Arežina, geboren 1984 in Zürich, hat als Campaignerin und beim Onlinemagazin «Republik» gearbeitet. Sie studiert Literarisches Schreiben in Biel und Leipzig. Ihr Sachbuch «Genauso, nur anders» (gemeinsam mit Salome Müller) ist 2023 bei Kein & Aber erschienen.