Film : Fremd geblieben in Polen

Nr. 23 –

Filmstill aus «Letters from Wolf Street»: eine Person filmt mit einer Super8-Kamera aus dem Fenster
Ein ganzes Welttheater in Warschau: «Letters from Wolf Street» von Arjun Talwar.

Warum gerade Polen? So fragt, mit etwas zu breitem Grinsen, der Hauswart vor der Kamera, während er den Hof wischt. Warum nicht woanders? Und später, eher rhetorisch, die chinesische Kollegin von der Filmschule, die als Tonfrau aushilft: «Fuck, warum sind wir hier?»

Eigentlich habe er Mathematiker werden wollen, sagt der indische Regisseur Arjun Talwar in seinem dokumentarischen Essayfilm «Letters from Wolf Street». Doch sein bester Freund in Delhi weckte in ihm den Traum vom Künstlerleben in Europa – und liess ihn dann in Polen allein damit. Nach dem Filmstudium in Łódź ist Talwar geblieben, «Letters from Wolf Street» ist nun der zweite Film mit seiner Schweizer Partnerin, der Editorin Bigna Tomschin, die hier auch als Ko-Autorin zeichnet.

Buchstäblich vor seiner Haustür in Warschau entfaltet der Filmemacher beiläufig ein ganzes Welttheater: vom Tanzkurs bis zur Gay Pride, vom syrischen Nachbarn bis zum anarchistischen Schuhmacher, von der Therapeutin mit ihrem strengen Röntgenblick bis zum Pöstler, der die Strasse kennt wie seine Westentasche. Am Marsch zum Unabhängigkeitstag mischt sich der Regisseur, zusammen mit seiner chinesischen Tonfrau, unter die unheimlichen Patrioten und hält sich, so befremdet wie halbherzig, an einer geliehenen polnischen Flagge fest.

Der Rassismus bleibt dabei ein ständiger Begleiter, in allen Schattierungen von scheissfreundlich bis gewalttätig. Da ist der alte Pole in einer Beiz, der dem indischen Gast seinen Respekt zollt – um Menschen anderer Herkunft im nächsten Atemzug umso krasser herabzusetzen. Von einem brutalen Übergriff durch Skinheads zeigt der Film nur ein Beweisfoto: der Regisseur beim Arzt, mit einem dicken Pflaster über dem Auge.

Vom Schubidu auf der Tonspur lasse man sich nicht täuschen: Im Herzen dieses heiteren Films wohnt eine tiefe Trauer. Und dass er «einer von uns» sei, dass er zur Familie gehöre: Das hört der Inder in Polen erst dann zum ersten Mal, als er auf der Strasse einen Angehörigen der Rom:nja anspricht, der wegen der Gay Pride den Bus verpasst hat. Es ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. ●

▶ «Letters from Wolf Street» im Kino Xenix in Zürich, jeweils So, 7./14./21./28. Juni 2026, um 12 Uhr.