Gastbeitrag : Menschen sind keine Hühner
Die SVP verspricht Nachhaltigkeit, doch ihre Initiative würde das Gegenteil bewirken, schreibt der Klimaexperte und Geflügelhalter Marcel Hänggi.
Mitte Mai nahm Christoph Mäder, Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, in einem Interview im «Blick» gegen die «10 Millionen»-Initiative der SVP Stellung. Auf die Frage, wie er der Wohnungsnot begegnen würde, forderte er mehr Hochhäuser. Die SVP postete darauf eine Karikatur auf Social Media, die Mäder auf einem mehrstöckigen und überfüllten Hühnerstall zeigt, wo er goldene Eier erntet. Überschrift: «Wirtschaftsboss empfiehlt: Ihr Schweizer müsst halt ins Hochhaus umziehen!»
Der Post liess mich an meine echten Hühner denken. Und als Hühnerhalter weiss ich: Mehr Hühner machen mehr Dreck. Das ist auch die Logik hinter der «Nachhaltigkeitsinitiative», wie die «10 Millionen»-Vorlage auch heisst: Wer weniger Dreck will, muss die Bevölkerungszahl reduzieren. Das nennt die SVP «nachhaltige Bevölkerungsentwicklung», und falls die Initiative am 14. Juni angenommen wird, wird dieser Begriff amtlich: Er stünde dann in der Verfassung.
Verfassungsrechtlicher Schaden
Zur Argumentation der SVP gibt es eine wirtschaftsliberale Gegenerzählung: Mehr Hühner legen mehr Eier – und Eier sind Wohlstand, also wollen wir sie! Das ist die Position, die Christoph Mäder vertritt. Sie kann sich auf Empirie stützen: etwa auf die jüngst vom Staatssekretariat für Migration publizierte Studie, der zufolge eine Begrenzung der Bevölkerung auf zehn Millionen «das Umlageergebnis der AHV um mehrere Milliarden Franken pro Jahr verschlechtern» würde.
Beide Hühnererzählungen, nennen wir sie die Dreck- und die Eiererzählung, sind plausibel – und beide sind problematisch. Die Eiererzählung ist die Erzählung vom immerwährenden Wachstum. Dass wir Zuwanderung brauchen, um die Sozialsysteme zu sichern, ist wohl richtig – aber die Sozialsysteme nachhaltig auszugestalten, hiesse, sie vom Zwang des ständigen Wachstums unabhängig zu machen.
Wenn aber die Eiererzählung nicht nachhaltig ist, bedeutet das noch lange nicht, dass die entgegengesetzte Dreckerzählung es wäre. Zwar ist das Bevölkerungswachstum tatsächlich ein Treiber von Umweltbelastungen. Aber die Bevölkerungsgrösse sagt über die Umweltbelastung wenig aus: Wenige (reiche) Menschen mit umweltbelastendem Lebensstil schädigen die Umwelt mehr als viele Menschen, die rücksichtsvoll leben. Bei zahlreichen Umweltindikatoren, etwa beim Verkehr, ist das Wachstum pro Kopf grösser als das Wachstum der Zahl der Köpfe.
Der CO₂-Ausstoss muss schnellstmöglich auf null fallen – ist das erreicht, wird die Bevölkerungsgrösse irrelevant, denn null insgesamt ist auch null pro Kopf. Egal wie viele Köpfe es gibt. Die Vergiftung unserer Böden und Gewässer mit hochgiftigen Chemikalien wiederum liegt daran, dass diese Stoffe zugelassen sind – nicht an der Bevölkerungsgrösse. Nachhaltigkeit braucht Grenzen, aber wer die Umwelt schonen will, muss nicht die Zahl der Menschen begrenzen, sondern deren umweltbelastende Tätigkeiten. Das wollte zum Beispiel die Umweltverantwortungs-Initiative. Sie erreichte im Februar 2025 an der Urne nur dreissig Prozent Zustimmung.
Der Denkfehler beider Erzählungen liegt darin, dass Menschen keine Hühner sind. Es wurde nie beobachtet, dass ein Huhn zehn- oder hundertmal so viel Futter frisst wie ein anderes, zehn- oder hundertmal so viel Platz beansprucht und zehn- oder hundertmal so viel Dreck macht. Hingegen verursacht das reichste Prozent der Menschen laut Zahlen von Oxfam so viele Treibhausgasemissionen wie die ärmeren zwei Drittel der Menschheit.
Gemeinsam ist beiden Erzählungen denn auch ihr Egoismus: Wir wollen weniger Dreck – hier bei uns; wir wollen mehr Eier – hier für uns. Und manch ein:e Befürworter:in der «10 Millionen»-Initiative schafft es, die gegensätzlichen Logiken zu vereinen. Exemplarisch für sie steht der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler: Seine Tiefsteuerpolitik lockt Unternehmen und Reiche in den Kanton, die den Boden- und Immobilienmarkt tatsächlich so sehr anheizen, dass Einheimische keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Gleichzeitig befürwortet Tännler die «10 Millionen»-Initiative, «weil es so nicht weitergehen kann».
Was ist aber dran am Nachhaltigkeitsversprechen der «Nachhaltigkeitsinitiative»? Wenn auch die Bevölkerungsgrösse ein schlechter Indikator ist: Vermindert die Initiative nicht immerhin einen Treiber von Umweltzerstörungen, setzt sie nicht immerhin ein Zeichen gegen die unnachhaltige Immer-mehr-Eier-Logik? Und der Initiativtext verlangt doch eine Bevölkerungspolitik «insbesondere zum Schutz der Umwelt und im Interesse der dauerhaften Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen». Klingt das nicht gut?
Nein: nicht, wenn man den Text ganz liest und den Kontext beachtet, in den er zu stehen käme. Die SVP-Initiative würde den Nachhaltigkeitsbegriff, wie er heute verfassungsrechtlich gilt, beschädigen.
Nichts Neues in Sachen Nachhaltigkeit
Die Nachhaltigkeit ist in der Bundesverfassung nämlich sehr gut verankert. Die «nachhaltige Entwicklung» und die «langfristige Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen» sind Zwecke der Eidgenossenschaft. Artikel 73 und 74 der Verfassung tragen die Titel «Nachhaltigkeit» respektive «Umweltschutz». Artikel 73 definiert Nachhaltigkeit sehr umfassend und ist, in den Worten der Lausanner Verfassungsrechtlerin Anne-Christine Favre, ein «Superprinzip» unserer Verfassung: Alles Handeln von Bund und Kantonen muss nachhaltig sein. Artikel 74 wurde 1971 mit 92,7 Prozent Ja-Stimmen angenommen – das beste Abstimmungsergebnis seit Einführung des Frauenstimmrechts. Er definiert Umweltschutz ebenfalls umfassend.
Die politische Praxis der Schweiz ist weit davon entfernt, nachhaltig zu sein. Aber das liegt nicht an der Verfassung, sondern daran, dass sie nicht respektiert wird.
Statt zu fordern, die Verfassung endlich ernst zu nehmen, will die «10 Millionen»-Initiative nun aber zwischen den Nachhaltigkeits- und den Umweltschutzartikel den neuen Artikel 73a schieben, der ein sehr enges Nachhaltigkeitsverständnis reflektiert. In Sachen Nachhaltigkeit brächte sie nichts Neues: Weil die Nachhaltigkeit sowieso für jedes Handeln von Bund und Kantonen Gebot ist, ist das Neue am Artikel einzig, dass er eine Grundlage für eine Bevölkerungspolitik überhaupt schafft – nicht, dass diese «nachhaltig» sein soll.
Malthus’ Erb:innen
Was eine «nachhaltige Bevölkerungsentwicklung» sein soll, definiert Artikel 73a mit einer nackten Zahl: maximal zehn Millionen ständige Einwohner:innen. Alles zur Frage, wie eine solche Entwicklung angestrebt werden muss, steht in den Übergangsbestimmungen – und da spielen Umwelt und Nachhaltigkeit keine Rolle mehr. Die Massnahmen zielen zuerst auf Asylbewerber:innen und Familienangehörige in der Schweiz lebender Ausländer:innen – keine Gruppen mit besonders hohem ökologischem Fussabdruck.
Das Argument, es gebe zu viele Menschen (oder: zu viele bei uns), hat in der Umweltdebatte eine lange Tradition und diente stets dazu, davon abzulenken, was Menschen von Hühnern unterscheidet: von der extrem ungleichen Verteilung zwischen Arm und Reich. Das ist so, seit Thomas Malthus das Überbevölkerungsargument 1798 in seinem «Essay on the Principle of Population» erfand: Malthus wehrte sich gegen eine Sozialpolitik, die Armen mehr Unterstützung zugestand, als es zum nackten Überleben braucht. Arme waren für ihn Bevölkerungsüberschuss.
Eine solche Haltung ist nicht nur nicht nachhaltig, sie ist das Gegenteil davon. Laut der Definition der Uno, die auch im Schweizer Recht gilt, ist Nachhaltigkeit gerade nicht egoistisch: Sie bezeichnet «eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen». Mit den Bedürfnissen sind – das wird selten zitiert – «insbesondere die grundlegenden Bedürfnisse der Armen der Welt» gemeint.
Nachhaltigkeit kann also gar nicht sinnvoll gedacht werden ohne eine dritte Erzählung: eine, die Fragen sozialer Verteilung mitdenkt. Und es ist ja nicht so, dass die SVP-Initiative dies nicht täte, einfach im umgekehrten Sinn. Es geht der Initiative im Kern durchaus um die Verteilfrage: darum, an einem – gemessen an den ökologischen Grenzen des Planeten – viel zu hohen Ressourcenverbrauch festhalten und nichts mit anderen teilen zu wollen. ●
Der frühere WOZ-Wissenschaftsredaktor Marcel Hänggi hat in seinem Buch «Weil es Recht ist» (Rotpunktverlag, 2024) die Bundesverfassung aus ökologischer Perspektive analysiert. Hänggi arbeitet bei der Schweizerischen Energie-Stiftung als Leiter des Fachbereichs Energienutzung & Klima. Er äussert hier seine persönliche Meinung.