Kompass-Kongress : Aufstand der Glückseligen
Die Kompass-Initiative will die neuen bilateralen Verträge mit der EU verhindern. Dazu muss die FDP-Basis bearbeitet werden.
«Wir sind der grösste Politanlass 2026», dröhnt die Stimme von Philip Erzinger durch die Halle. Der Geschäftsführer der «Allianz Kompass Europa» versucht, mit der Eröffnungsrede Enthusiasmus auf das Publikum zu übertragen. Doch grosse Begeisterung bricht nicht aus.
1700 Menschen sollen an diesem Abend in «The Hall» nach Dübendorf gekommen sein. Männer jeden Alters in gebügelten Hemden sowie etwas weniger Frauen, meist elegant gekleidet. Sie hören sich von Expert:innen, Politikern und Unternehmer:innen die Argumente gegen das vom Bundesrat ausgehandelte dritte bilaterale Vertragspaket zwischen der Schweiz und der EU (Bilaterale III) an, das voraussichtlich 2027 oder 2028 zur Abstimmung kommt.
Die Kompass-Allianz steht hinter einer Volksinitiative, die am 29. August 2025 eingereicht wurde und verlangt, dass weitreichende Staatsverträge – wie die Bilateralen III – zwingend dem Volks- und Ständemehr unterstellt werden. Damit ist die Initiative auch ein Mittel, um Druck auf die entsprechende Debatte im Parlament auszuüben (siehe WOZ Nr. 20/26). Eine Annahme würde bedeuten, dass etwa die Stimme von jemandem aus Zug zwölfmal mehr Gewicht hätte als die von einer Person aus dem Nachbarkanton Zürich.
«Brand Ambassadors» gesucht
Doch auch wenn immer wieder die Schweizer Volksrechte als einzigartig hervorgehoben werden – über das demokratiepolitisch fragwürdige Ständemehr will heute niemand reden. Auf den Podien herrscht Einigkeit. Erzinger sagt, Ziel sei, die besten Argumente gegen die Verträge zu finden und das Publikum zu «Brand Ambassadors» zu machen. Es soll «salonfähig» werden, wie es die Unternehmerin Sara Hürlimann ausdrückt, «offen und ohne Angst zu sagen: ‹Wir sind gegen diese Verträge.›»
Die Allianz versteht sich gemäss ihrer Website als «strategische Werkstatt», aber auch als «Bewegung». Im Steuerungsausschuss sitzen 21 Männer und 2 Frauen – die meisten unternehmerisch tätig. Viele stammen aus dem Private-Equity- und Bankenbereich sowie aus der Bauzuliefererbranche. Zentrale Figuren sind die drei Milliardäre Alfred Gantner, Urs Wietlisbach und Marcel Erni. Obwohl gerade Unternehmen wie ihre Partners Group von einem Staat leben, der sich möglichst wenig in ihre Geschäfte einmischt, sagt Gantner: Man tue das alles zum Wohle der Schweiz.
Die Kompass-Leute stehen mit ihrem Anliegen in Fundamentalopposition zu Economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft, sowie der Wirtschaftspartei FDP, die den Bilateralen III bereits an einer Delegiertenversammlung mit einer Dreiviertelmehrheit zustimmte und auch gegen ihre Unterstellung unter das Ständemehr ist. Dort überwiegt das Interesse an geregelten Beziehungen mit dem grössten Handelspartner der Schweiz. Auch die SP ist für die Verträge. Sie sieht darin einen «ausgewogenen Kompromiss, der den Lohnschutz garantiert und die Beziehungen zu Europa sichert.
Die SVP lehnt die Bilateralen III als «Unterwerfungsvertrag» ab. Kompass-Gründer Gantner distanziert sich explizit von dieser Formulierung und hält die SVP auf Distanz. Das Zielpublikum der Kompass-Leute sind Freisinnige, die gegen die Bilateralen III mobilisiert werden sollen. So treten in Dübendorf denn auch zwei FDP-Abweichler, die beiden Ständeräte Hans Wicki (Nidwalden) und Severin Brüngger (Schaffhausen), auf.
Nur nichts verändern
Die Kernbotschaft an der Veranstaltung kristallisiert sich klar heraus: Alles soll so bleiben, wie es ist. Kompass spricht die Gewinner an und zielt nicht wie die SVP auf die Frustrierten. Bloss keine neuen Regulierungen aus Brüssel, keine zusätzlichen Familiennachzüge, keine neuen Schutzbestimmungen für Lebensmittel oder die Umwelt, keine Konzernverantwortung im Stil des EU-Lieferkettengesetzes. «Wenn ich ins Ausland schaue, sage ich mir: Gut, bin ich nicht dort», sagt Wicki. «Unser Erfolgsmodell steht auf dem Spiel», behauptet der Historiker Oliver Zimmer; «wir sind eine Ausnahmeerscheinung», der Volkswirtschaftsprofessor Mark Schelker. Ein Aufstand der Glückseligen soll hier angezettelt werden, das Publikum applaudiert brav, manchmal ertönt sogar ein spontanes «Bravo».
Gestört wird die Einigkeit allerdings kurzfristig durch einen kleinen Aufstand der Verzweifelten: Dreizehn Aktivist:innen des klimapolitischen Drop-Kollektivs stürmen die Bühne und richten sich an Gantner, dessen Partners Group dick im Geschäft mit Erdgas und LNG ist (siehe WOZ Nr. 22/26). «Ihr verbrennt den Planeten, ihr grilliert unsere Zukunft», werfen sie ihm vor. Wie auch, dass er als «Oligarch» über die Köpfe der Politik hinweg im Namen der Schweiz mit US-Präsident Donald Trump über Zölle verhandelt.
Nun wird aus dem bisher so zahmen Publikum ein brüllender Mob, den Gantner mit viel Improvisationsgabe im Zaum hält. Am Ende sind alle Aktivist:innen vom Sicherheitspersonal rüde aus dem Saal spediert, und die Zeremonie der Einigkeit kann weitergehen.
Die Veranstaltung endet mit einem launigen Schlusswort von Marcel Erni, der ankündigt, nächstes Jahr 5000 Menschen an eine Kompass-Veranstaltung bringen zu wollen. Die Schweiz sei so super wie ihre Eishockey-Nationalmannschaft, die EU dagegen ein alter, heruntergewirtschafteter Fussballverein. ●