Literatur : Der lächerliche Terrorist

Nr. 23 –

Die Eta ist tot – lang lebe die Eta? Der baskische Autor Fernando Aramburu kehrt mit «Fabula» zu seinem Lebensthema zurück.

Darf man sich über Terrorismus lustig machen? Schaut man ins Baskenland, lautet die Antwort: Kaum droht keine akute Gefahr mehr, ist Humor möglich, vielleicht sogar nötig. Jahrzehntelang war der Alltag in der Region im Norden Spaniens geprägt von der Untergrundorganisation Euskadi Ta Askatasuna (Eta, «Baskenland und Freiheit»), die sich während der Franco-Diktatur gegründet hatte. Franco unterstellte das Baskenland seiner zentralistischen Verwaltung, verbot die baskische Sprache und Kultur, liess Oppositionelle exekutieren. Als Reaktion darauf entstand Ende der fünfziger Jahre die Eta, die ein unabhängiges Baskenland forderte – notfalls mit Gewalt.

Selbst wer ihren Zielen und vor allem ihren Methoden nicht zustimmte, schwieg lange Zeit, um nicht selbst ins Visier der Eta zu geraten. Erst als die Untergrundorganisation ab Mitte der Neunziger weniger Anschläge und Morde beging und zusehends auch die Zustimmung in der Bevölkerung schwand, regte sich langsam der öffentliche Widerstand. Dass man den «bleiernen Jahren» davor, als die die Hochphase der Eta bezeichnet wird, mit Humor begegnet, ist nun eine eher neue Entwicklung. Spätestens seit der dauerhaften Waffenruhe im Jahr 2011 – die Selbstauflösung der Gruppierung folgte 2018 – gibt es immer mehr filmische und literarische Auseinandersetzungen mit der Eta, die diesen Zugang wählen.

Bestes Beispiel dafür ist der Film «Ocho apellidos vascos» (2014), in dem sich ein Andalusier in eine Baskin verliebt. Um sie für sich zu gewinnen, gibt der Südspanier vor, ein unabhängigkeitsliebender Baske zu sein, mit allen gängigen Klischees und Vorurteilen, die in Spanien existieren. Ganz Spanien lachte über die liebevollen Karikaturen von «typischen» Bask:innen und Spanier:innen – bis heute ist «8 Namen für die Liebe», wie die Komödie auf Deutsch heisst, einer der erfolgreichsten spanischen Filme.

Schiessen mit Besenstielen

Der 1959 in San Sebastián geborene Schriftsteller Fernando Aramburu hat sich in seinem Werk wiederholt der Eta gewidmet, mit grossem Erfolg. Sein knapp 800 Seiten umfassender Gesellschaftsroman «Patria» (2016) wurde allein auf Spanisch über 1,2 Millionen Mal verkauft, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, in mehr als dreissig Sprachen übersetzt und von HBO als Miniserie verfilmt. Anhand von zwei Familien, die in einem kleinen Dorf in der Region Gipuzkoa wohnen, erzählt Aramburu von der Zerrissenheit der baskischen Gesellschaft: auf der einen Seite Miren, deren Sohn sich der Eta anschliesst, auf der anderen Seite Bittori, deren Ehemann von der Eta ermordet wird, was die einst besten Freundinnen über Nacht zu Feindinnen macht.

Nachdem Aramburu, der seit 1984 in Hannover lebt, die Eta in seinem Werk bisher auf ernste Weise beschrieb, sucht er im jetzt auf Deutsch erschienenen Roman «Fabula» einen frischen Zugang zu seinem Lebensthema. Joseba und Asier sind gerade erst auf einer abgelegenen Hühnerfarm in Südfrankreich untergetaucht, da ereilt sie die Meldung über die Waffenruhe. Kurzerhand beschliessen die jungen Männer, mit ihrem Training auf eigene Faust weiterzumachen und selbst eine Unabhängigkeitsgruppe zu gründen. Dabei geht einiges schief.

Dass er die Eta auf humoristische Weise verhandelt, macht der Roman im ersten Satz gleich deutlich: «Wir riechen nach Hühnerscheisse», beklagen sich Asier und Joseba. Mittellos, einsam, ohne Anweisungen und ohne Ausrüstung begehen die Jungs ihre Tage mit unsinnigen Aktionen – etwa wenn sie mithilfe von Besenstielen Schiessübungen simulieren. Knallhart sind die beiden nicht: Sie scheitern schon daran, einem Huhn zu Übungszwecken den Hals umzudrehen.

Don Quichotte im Baskenland

Weil ihre Gegenwart alles andere als glamourös ist, verbringen sie die meiste Zeit mit Träumereien und Monologen darüber, zu welchen Heldentaten sie sich eines Tages aufschwingen werden. Diese Reden, auch das ein humoristisches Element, sind offensichtlich nachgeplappert, ohne dass die Unabhängigkeitskämpfer in spe deren tiefere Bedeutung verinnerlicht hätten. Das Baskenland werde «immer noch von der Besatzungsmacht gehalten und vom Kapitalismus, der die Arbeiter ausbeutet», schimpft etwa Asier.

Vom französischen Baskenland geht es für die beiden zurück nach Spanien; auf ihrer Abenteuerreise bekommen sie allerdings herzlich wenig auf die Reihe. Dass Joseba und Asier verblendete Tölpel sind, ist von Anfang an klar, und so geht das über knapp 300 Seiten, ohne dass es irgendeinen Bruch, eine Überraschung gäbe. Der aktionistische, herumfantasierende Asier und der dicke, tollpatschige Joseba sind unverkennbar Wiedergänger von Cervantes’ Don Quichotte und Sancho Panza, aber auch dieser intertextuelle Bezug kann den Roman nicht retten.

Für eine Satire ist «Fabula», trotz komödiantischer Anklänge, nicht überzogen genug. Der Roman verliert sich in reinem Klamauk. Die beiden Protagonisten bleiben in ihrer Charakterisierung eindimensional, und dass die wenigen Frauenfiguren wahlweise eklig, nervig, promiskuitiv oder alles zusammen sind, hilft auch nicht gerade. Vor allem Asier schwingt sich immer wieder zu neuen Monologen über die Widerwärtigkeit der Frauen auf.

Es wirkt, als habe der Autor sein Thema mit «Patria» auserzählt. Die Eta ist in «Fabula» nur noch lächerlich. Lustig ist das leider nicht. ●

Buchcover von «Fabula»
▶ Fernando Aramburu: «Fabula». Roman. Aus dem Spanischen von ­Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag. Hamburg 2026. 304 Seiten.