Literatur : Dichten gegen die Stille
Nour Alabdullah musste als Jugendliche mit ihrer Familie aus Syrien flüchten. Im Schreiben findet sie einen Umgang mit Wut und Trauma.
der Flucht findet Nour Alabdullah in Winterthur Ruhe zum Schreiben.
Früher hat sie ihre Gedichte den Bäumen vor ihrer Terrasse im Libanon vorgelesen. Jetzt steht sie auf der Bühne im ausverkauften Saal an den Solothurner Literaturtagen. Die Lesung von Nour Alabdullah ist zwar erst der zweite Auftritt der 28-Jährigen als Autorin, doch der Raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie liest Texte und erzählt von ihrem Leben, aus dem Arabischen übersetzt von Autor Usama Al Shahmani. Zaher Assaf begleitet sie singend und auf der Geige mit Stücken, die Nour Alabdullah ausgesucht hat.
Die junge Frau berührt mit ihrer Literatur, aber auch mit der Nüchternheit, mit der sie von ihrem schwierigen Leben erzählt. Sie sagt, es sei für sie «fast etwas seltsam, dass diese Texte, die ich in solcher Dunkelheit geschrieben habe, nun hier dieses Licht bekommen».
Als sie 1997 in Aleppo auf die Welt kommt, herrscht in Syrien längst das Assad-Regime. Ein Jahr nach Ausbruch des Bürgerkriegs flüchtet ihre Familie 2012 in den Libanon. Dort beginnt für die Jugendliche eine noch dunklere Zeit. Sieben Jahre lang leben sie zu acht auf engstem Raum in einer dörflichen Gegend. Sie habe ausserhalb der Familie keine sozialen Kontakte gehabt, sagt sie, konnte ihren Schulabschluss nicht machen. Alabdullah erzählt, das Schreiben sei damals die einzige Möglichkeit für sie gewesen, ihre Wut und die traumatischen Erlebnisse ihrer Familie zu verarbeiten. «Ich schrieb nicht, um die Schönheit in der Sprache zu finden. Das Schreiben war für mich ein Weg, um atmen zu können, am Leben zu bleiben.»
Den Impuls dafür habe sie, noch vor der Flucht, von einem Lehrer bekommen, der von einem Aufsatz beeindruckt gewesen sei: Sie schrieb darin über ein emotionales Erlebnis mit einem Ladenbesitzer, dessen Kind gestorben war. An den Rand habe der Lehrer gekritzelt, dass er in ihr eine Schriftstellerin sehe. Aus ihrem kindlichen Tagebuchschreiben entwickelte sich bei Alabdullah daraufhin ein ernsthafterer Zugang zur Literatur – und der Traum, Autorin zu werden.
Auf Felsen schlafen
In den Gedichten, die im Libanon entstanden sind, schreibt sie von ihrer Grossmutter, die sich auf die Suche nach ihrem Onkel macht, der bis heute in Syrien spurlos verschwunden ist. Oder darüber, wie der Bürgerkrieg ihre Mutter geprägt hat. Es sind Schicksale, die Tausende Syrer:innen mit den Alabdullahs teilen. Die da noch jugendliche Autorin geht über ihre eigenen Erfahrungen hinaus und schreibt unfassbar feinfühlig und in eindrücklichen Bildern über den Organhandel im Krieg.
In einem Gedicht, das Marina Galli und Wolfgang Trimmel ins Deutsche übertragen haben, heisst es:
Die Toten haben Flügel, naschen auf weichen Kissen
während wir uns auf Felsen schlafen legen
die Zähne ausbeissen
Und als habe sie sich selber Mut machen wollen, heisst es in einem anderen, von Aline Geissmann übersetzten Gedicht:
Ich möchte spüren, dass ich es versucht habe, dass ich es mit aller Kraft
versucht habe,
dass ich versucht habe, in der Wüste nach Mehl zu suchen
Alabdullah schreibt zwar noch nicht auf Deutsch, versteht es aber gut. Die Übersetzung, sagt sie, sei für sie «wie ein Kleid für meine Gedichte». Publiziert sind ihre Texte noch nirgends, für den alternativen Winterthurer Radiosender Stadtfilter hat sie eine Auswahl eingelesen.
Ohnehin ist der Akt des Vorlesens für sie zentral; das sei für sie ein Gegenpol zum stillen Lesen, zum Schweigen, zur Zensur. Und andererseits, und hier treten ihr Tränen in die Augen, mache das Vorlesen die Literatur zugänglich. Gerade für all jene Menschen, Mädchen und Frauen, die nicht zur Schule gehen konnten – wie ihre Grossmutter, die in Syrien lebt. Sollten ihre Gedichte als Buch erscheinen, möchte sie deshalb in der Widmung dazu auffordern, die Texte laut zu lesen.
Heute leben Nour Alabdullah und ihre Familie in Winterthur. Sie wohnt inzwischen allein in einer Wohnung, die so gross ist wie jene, die sie nach der Flucht mit der ganzen Familie teilen musste. An den Wochenenden gibt sie Arabischunterricht, und zweimal im Monat ist sie bei Radio Stadtfilter mit ihrer Sendung «Safara» zu hören, erzählt für die arabischsprachige Community über das Leben in der Fremde. Und sie arbeitet in einer Bibliothek: «Ich bin immer nahe an den Büchern und der Kultur», sagt sie und lächelt.
Die Heimat mit neuem Blick sehen
Das Schreiben hier sei anders als im Libanon: Heute stehe nicht mehr das Therapeutische im Zentrum, auch von der Lyrik ist sie weggekommen. Sie schreibe gezielter und wolle längere Geschichten erzählen. Sie konzentriert sich auf eine Erzählung, aus der ein Roman werden soll. Weil sie in der Schweiz sein könne, wo sie sich sicher fühle, empfinde sie eine gewisse Verantwortung, jenen Menschen eine Stimme zu geben, deren Schicksale ansonsten vergessen gingen.
Auch wenn sie sich in Winterthur wohlfühle, würde sie Aleppo gerne besuchen. Seit der Flucht aus ihrer Heimat vor vierzehn Jahren war Alabdullah nicht mehr dort. Sie sehnt sich danach zu sehen, wie es dem Land, den Leuten und ihren Verwandten nach dem Fall des Regimes im Dezember 2024 geht. Doch aktuell ist das nicht möglich, weil sie dann ihre Schweizer Aufenthaltsbewilligung verlieren würde. Das stimme sie traurig – nicht nur, weil sie ihre Heimat vermisse, sondern auch, weil sie nur Erinnerungen an das Land im Krieg habe, die sie um neue ergänzen möchte. Und trotzdem ist Nour Alabdullah heute zuversichtlich: «gerade im Vergleich zur Vergangenheit, als ich keine Hoffnung kannte». ●
▶ Nour Alabdullahs Gedichte sind zu hören bei Radio Stadtfilter: stadtfilter.ch/gedichte-ueber-das-leben-und-ueberleben.