Literatur : Revolutionär im Exil

Nr. 23 –

Der nicaraguanische Autor Sergio Ramírez wurde in die spanische Sprachakademie aufgenommen. Im deutschen Sprachraum gilt er noch als Geheimtipp – zu Unrecht.

Zentralamerika jubelt: Einer der ihren, der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramírez, ist vor zwei Wochen in die Königliche Akademie der spanischen Sprache aufgenommen worden. Die Region der fünf Kleinstaaten zwischen Mexiko und Kolumbien gilt in der spanischsprachigen Literatur als Peripherie. Jetzt werde er, so schrieb ein Ramírez-Fan auf Facebook, seinem Landsmann einen «cachimbazo» (volle Ladung) von nicaraguanischen Wörtern schicken, damit die bald in das Lexikon der Akademie aufgenommen würden.

Den 83-jährigen Autor erreichte die Nachricht von seiner Aufnahme in die massgebliche Institution zur Pflege der spanischen Sprache in Panama am Kulturfestival «Zentralamerika erzählt», das er vor dreizehn Jahren gegründet hatte. Im Vorfeld hatten ultrarechte Nicaraguaner:innen gegen die Nominierung protestiert. Sie werfen dem engagierten Intellektuellen seine führende Rolle in der sandinistischen Revolutionsregierung vor: Von 1984 bis 1990 amtierte Ramírez als Vizepräsident unter dem heutigen Machthaber Daniel Ortega.

Der Bruch mit Ortega

Vor fünf Jahren ist der Schriftsteller dann vom Diktatorenpärchen Ortega und Rosario Murillo per Haftbefehl ins spanische Exil vertrieben worden. Auslöser dafür war der regierungskritische Politkrimi «Tongolele konnte nicht tanzen», der letzte Band von Ramírez’ Trilogie um Inspektor Dolores Morales (wörtlich: Moralische Schmerzen).

Mit Ortega überworfen hatte er sich bereits Mitte der neunziger Jahre. Im Zuge des Zerwürfnisses gründete Ramírez die Sandinistische Erneuerungsbewegung, zu der auch der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal und die Autorin Gioconda Belli zählten, und kandidierte 1996 erfolglos als Präsident. Seine Erfahrung in der Revolution, die vom massgeblich durch die USA unterstützten «Contra-Krieg» zermürbt worden war, arbeitete er 1999 in «Adiós Muchachos» auf.

Portaitfoto von Sergio Ramírez
Sergio Ramírez sagt, die Ehre sei ihm paradoxerweise nur wegen seiner Verbannung widerfahren.

Seine Ernennung als Nachfolger des letztes Jahr verstorbenen Mario Vargas Llosa sei schon paradox, sagte Ramírez in Panama. Die Ehre sei ihm ja nur wegen seiner Verbannung widerfahren, denn Voraussetzung für die Aufnahme sind die spanische Staatsbürgerschaft und ein spanischer Wohnsitz. Seine Antrittsrede will er denn auch dem peruanischen Nobelpreisträger widmen.

In Spanien und Lateinamerika gehört der Nicaraguaner schon länger zu den ganz Grossen. Dem «magischen Realismus» der Generation von Vargas Llosa oder dem Kolumbianer Gabriel García Márquez setzt er in Romanen und vielen, oft unterbewerteten Erzählungen einen illusionslosen «realistischen Realismus» entgegen. Wie seine berühmten Vorgänger ist Ramírez auch journalistisch tätig, seine Kolumnen erscheinen in der Madrider Tageszeitung «El País». Essays, Romane, Kurzgeschichten, Sammelbände als Herausgeber – sein Werk umfasst über siebzig Bücher und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Mit anderen Augen

Früh aufstehen, Morgenlauf, dann bis zu zwei Stunden am Schreibtisch: So verfasste Sergio Ramírez während seiner Zeit als Vizepräsident den Roman «Strafe Gottes» über einen Kriminalfall im Nicaragua der dreissiger Jahre – dieser Mischung aus vordergründig unpolitischem Krimi und hochpolitischer Gesellschaftssatire ist er bis heute treu geblieben.

Ramírez’ Sympathien gehören immer den kleinen Leuten, den Held:innen des Alltags. So auch in «Jetzt bist du nicht mehr bei mir», der jüngsten Kurzgeschichtensammlung, die wie alle deutschen Ausgaben der letzten 25 Jahre beim Zürcher Verlag Edition 8 erschienen ist. Da treffen sich zwei ehemalige Befreiungskämpfer wieder: Der mittlerweile mächtige Regierungsjurist spendiert seinem früheren Vorgesetzten, der sein Dasein als Altmetallsammler fristet, in seiner Villa ein Frühstück. Es ist ein lakonisch erzähltes Meisterstück über die lateinamerikanischen Gesellschaften, wo sich die Klassengegensätze auch mitten durch die (Ex-)Linke ziehen.

Über die Macht der Literatur macht sich der Realist keine Illusionen. Ein Roman könne kein kollektives Bewusstsein herstellen, die Literatur bereite den zentralamerikanischen Machthabern deshalb keine schlaflosen Nächte, sagt Sergio Ramírez. Literatur könne jedoch die Leser:innen so verändern, dass sie die Realität in einem anderen Licht sähen: «Die grösste Revolution ist es, die Welt so zu sehen, wie sie der andere sieht.» ●

Beim Verlag Edition 8 sind bislang acht Bücher von Sergio Ramírez auf Deutsch erschienen, darunter «Strafe Gottes» (2012) und «Tongolele konnte nicht tanzen» (2022).