MzumO : «Die HSG hat mich politisiert»
Ein Zürcher Rapper aus bürgerlichen Verhältnissen, der sich der palästinensischen Sache verschrieben hat: Wer ist Moritz Haegi aus Bachenbülach?
«24 Hours in Palestine» heisst das Promovideo zu seinem neuen Album «Sizzoush»: Der Zürcher Rapper MzumO positioniert sich seit Jahren klar links, rappt wirklich gut – und exponiert sich als Stimme für die Palästinenser:innen. Mit einer ausverkauften Show wurde das Album Ende April in Zürich getauft. Aktuell ist er auf einer kleinen Konzerttour durch die Schweiz.
Auch am diesjährigen Bounce Cypher im April, dem grössten Schweizer Live-Rap-Event, fiel MzumO unter den gut achtzig Rapper:innen auf: Er trägt als Halstuch eine Kufija und rappt «Ich gsehne nume Vertriibig, ich hängs im Kriegsgebiet uf easy, aber das nume, will ich wiiss bi, eusi Medie viel zu lieslig».
MzumO ist Moritz Haegi aus Bachenbülach. Geboren 1993 im Zürcher Unterland, aufgewachsen in einem Einfamilienhaus mit Garten und Weitblick. Der Vater Wirtschaftsanwalt, die Mutter Pflegewissenschaftlerin aus einer Bauernfamilie, die zu Vermögen kam, als ihr Landbesitz in der Stadt Zürich umgezont wurde. Als Moritz Haegi sechs Jahre alt war, trennten sich die Eltern, er und sein Bruder blieben bei der Mutter. Haegi wird von den Eltern gefördert; er entdeckt früh die Musik, hört Klassik, spielt als Teenager Bass, singt in einer Punkrockband – und beginnt Mundartrap zu hören. 2016 fängt er an, selbst Raptexte zu schreiben.
Der Vater hat klare Vorstellungen für Moritz: Professor oder Diplomat soll sein Sohn einmal werden. So absolviert Haegi die Kantonsschule und beginnt 2013 sein Studium der Internationalen Beziehungen an der Universität St. Gallen (HSG), mit Austauschsemester an der Columbia University in New York. Dann wählt er für seine Bachelorarbeit ein Thema, das ihn nicht mehr loslassen wird: Al-Quds beziehungsweise Jerusalem – und die Frage, ob eine geteilte Souveränität, ein sogenanntes Kondominium, als Lösung zwischen Palästina und Israel denkbar wäre. Seinen Master macht er am Geneva Graduate Institute, er arbeitet ein halbes Jahr bei der Uno in Genf, macht ein Praktikum auf der Schweizer Botschaft in Tel Aviv.
Und währenddessen wird aus Moritz Haegi MzumO – ein Rapper, dessen Texte explizit politisch sind und die israelischen Völkerrechtsverbrechen in Palästina beim Namen nennen. Einer, der aber auch seine eigene Position nicht ausspart: die eines weissen Schweizers aus bürgerlichem Elternhaus.
WOZ: MzumO, wie wird jemand aus Ihren Verhältnissen links?
MzumO: Über Umwege. Als die Juso die 1:12-Initiative lancierte, über die 2013 abgestimmt wurde, habe ich Unterschriften gesammelt. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber eher ein Mitläufer. An der HSG wurde entfesseltes Wachstums- und Profitdenken gepredigt; die Kehrseite davon, die Ausbeutung, war hingegen kaum Thema. Gegen Ende des Bachelors war ich dann einige Monate in Nicaragua, später ein halbes Jahr in Peru. Dort sah ich die konkreten Auswirkungen der globalen Ungleichheit, was mich zusätzlich politisierte und nach links zog.
WOZ: Das heisst, eigentlich hat die HSG Sie politisiert?
MzumO: Das ist tatsächlich wahr. Später, im Masterstudium in Genf, mussten wir dann Gender Studies belegen. Am Anfang dachte ich: Das ist doch völlig irrelevant. Dann habe ich den ersten Text von Judith Butler gelesen und gemerkt: Das betrifft mich auch.
WOZ: Wie reagierten Ihre Eltern auf diese Entwicklung?
MzumO: Auf einer USA-Reise erzählte ich meinem Vater, dass ich mich für die 1:12-Initiative einsetze. Er meinte: «Die Juso? Wenn die an die Macht kommen, können wir nie mehr in die Ferien fahren. Das ist dir schon bewusst, oder?» Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinem Vater immer gefallen wollen. Auch, weil es in dieser Beziehung eine Bedingung gab: «Moritz, du bist so gut, wie du in der Schule bist, wie erfolgreich du im Beruf performst.» Bei meiner Mutter war das anders: Sie gab mir viel eher das Gefühl, dass es nicht ihr gefallen muss, was ich denke und mache, sondern dass es für mich stimmen muss. Beides hat mich geprägt.
WOZ: Wann ist Palästina vom akademischen Thema zum persönlichen Engagement geworden?
MzumO: Zunächst war ich «neutral» und forschend. Erst in Genf habe ich mich das erste Mal ernsthaft mit Postkolonialismus auseinandergesetzt. Aber der Kipppunkt kam, als ich 2024 ein Jahr in Palästina verbrachte. Was ich gesehen habe, hat meine Meinung radikal geändert.
WOZ: Inwiefern?
MzumO: Dort herrscht nicht einfach ein asymmetrischer Konflikt, sondern Israel betreibt ein siedlerkoloniales Projekt. Diese Benennung ist mir wichtig, weil sie dem Problem auf den Grund geht. Sie ist eine analytische Notwendigkeit.
Moritz Haegi hat ein gewinnendes Lächeln, ist herzlich und wirkt aufrichtig. Er scheint hohe Ansprüche an sich selbst zu haben und zugleich jemand zu sein, der Brücken bauen will – zwischen der Wissenschaft, der linken Bewegung und der Rapszene. In Letzterer hat er sich etabliert; auf seinem Album arbeitet er mit der feministischen Rapperin Débikatesse, dem Streetrapper Sic4rio oder dem Schaffhauser Rapveteranen Sulaya. MzumO wird in der Szene geschätzt, ist vielseitig vernetzt. Einzig mit Knackeboul liegt er im Clinch – die beiden Rapper vertreten unterschiedliche Positionen in Bezug auf Israel und Palästina.
Haegis Sicht ist differenziert. Für seine Masterarbeit «A Land for All?» untersuchte er, was eine israelisch-palästinensische Konföderation konkret bedeuten würde – in Bezug auf Wasserzugang, Identität, Sicherheit, Grenzen. Heute doktoriert er an der Universität Basel in Near and Middle Eastern Studies, spricht Arabisch sowie Hebräisch. Auf die Frage, ob eine Zwei- oder eine Einstaatenlösung die Region befrieden könne, meint er: Es sei viel wichtiger, wie ein Staat konstituiert sei, als, wie viele es davon gebe.
In der deutschsprachigen medialen Debatte gehe es zu selten um die Palästinenser:innen – zu oft um das Selbstbild der Deutschen, der Schweizer:innen. «Die Europäer:innen sehen vom Zionismus den Rücken – die Vertriebenen, die Ermordeten im Holocaust. Die Palästinenser:innen sehen die Vorderseite, die koloniale Invasion», sagt er in Anlehnung an den Theoretiker Edward Said und fügt an: «Was aber, wenn beides wahr ist?»
WOZ: Wo verorten Sie sich selbst – als weisser Westeuropäer?
MzumO: Ich habe aufgrund meiner Identität keine Legitimation, für Palästinenser:innen zu sprechen – das ist mir bewusst. Aber ich rappe ja nicht über Palästina als weit entfernte Faktenlage. Ich sage nie: Da gibt es diese Mauer, und sie ist 700 Kilometer lang. Sondern: Ich sehe diese Mauer, und sie steht mir im Weg. Ich kann immerhin durch den Checkpoint auf die andere Seite. Die meisten meiner palästinensischen Freund:innen aber nicht. Ich spreche vor allem über meine eigenen Erfahrungen und über die Lebensrealitäten meiner Freund:innen dort. In meiner Forschung ist das anders. Dort arbeite ich wissenschaftlich und halte meine eigene Gefühlswelt weitgehend draussen.
WOZ: In der Musik hingegen haben auch Ihre Gefühle Platz. Ist das Ihre Motivation für die Songs?
MzumO: Meine direkteste Motivation sind meine Freund:innen in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland. Es wäre falsch, in der Schweiz zu sitzen und nichts zu tun. Ich habe aufgrund meiner Privilegien einen Handlungsspielraum, den ich nutzen will: Ich kann mich äussern und werde eher angehört, als wenn andere das machen.
WOZ: Klingt da nicht auch White Saviourism an, also der Vorwurf, dass weisse Menschen als Retter:innen von nichtweissen Menschen auftreten?
MzumO: Ein interessanter Punkt, den ich mir nochmals durch den Kopf gehen lassen will. Aber jeder, der etwas macht, würde lügen, wenn er sagt, dass er es nicht auch für sich selbst mache. Das kann man mir vorwerfen, fair enough. Damit kann ich leben.
WOZ: «Aneignung» ist ein Begriff, der in solchen Diskussionen auch immer wieder fällt.
MzumO: Es kann nicht sein, dass ein weisser Schweizer per se nichts zu Palästina sagen darf. So wie es auch falsch ist, zu sagen, wenn du nicht Schwarz bist, darfst du nicht rappen. Es gibt einen Unterschied zwischen Appropriation und Appreciation, zwischen Aneignung und Wertschätzung. In erster Linie ist mir wichtig, wie meine Freund:innen in Palästina meine Arbeit wahrnehmen. Zudem setze ich mich bereits seit zehn Jahren mit dem Thema auseinander. Nach dem Bachelor hätte ich sagen können: Palästina interessiert mich nicht mehr, ich mache jetzt was anderes.
WOZ: In ein paar Jahren könnten Sie immer noch sagen: Jetzt mache ich die Diplomatenkarriere.
MzumO: Dieses Privileg habe ich tatsächlich. Aber das wird nicht passieren. Ich habe mir das alles schon selbst ausgesucht. Ich setze mich ernsthaft mit dem Ort, den Menschen und ihrer Situation auseinander, sowohl persönlich als auch in meiner Forschung und in meiner Kunst. Das, was ich mache und sage, ist mir wirklich wichtig. ●