Ökologie : Nicht bloss dunkelgrün
Paul Kingsnorth ist vom Umweltschützer zum christlichen Reaktionär geworden. Jetzt ist der englische Autor auf Deutsch zu entdecken. Aber lohnt es sich?
Wird ein Autor vom Verlag als «gefährlicher Denker» angepriesen, stellen sich Fragen: Wieso gefährlich, und für wen? Wenn dieser Denker zum Beispiel ein Lob auf die Sense anstimmt: Denkt er gefährlich, weil er die Sense vielleicht auch als Waffe zu nutzen gedenkt? Oder mäht er nur Grashalme damit?
Paul Kingsnorth heisst der Autor, der in seinem Essay «Dunkle Ökologie» die schlichte Zweckmässigkeit der Sense verklärt. «Eine Sense korrekt zu benutzen, ist eine Meditation», schreibt er. Der Körper befinde sich dabei «im Einklang mit dem Werkzeug», das Werkzeug «im Einklang mit dem Land». Warum nur, fragt er, lachen die Leute über die Sense, die doch dem motorisierten Gestrüppschneider so überlegen sei, diesem umständlichen, hässlichen, lauten Ding? (Wer tagtäglich damit körperliche Arbeit verrichten muss, dürfte das etwas anders sehen.)
Ein Werkzeug also, keine Waffe. Zugleich zeigt sich Kingsnorth im Essay ungeheuer angetan von den Schriften des US-Mathematikers Ted Kaczynski, besser bekannt als Unabomber. Nur der Kollaps der modernen Zivilisation könne den Untergang noch verhindern, schreibt Kaczynski. Deshalb brauche es eine neue revolutionäre Bewegung zur «Eliminierung der technologischen Gesellschaft». Die tödlichen Paketbomben, die er verschickte, sollten ein Anfang sein.
Die radikale Zivilisationskritik des Aussteigers Kaczynski sei so überzeugend argumentiert, «dass es mich wirklich beunruhigt», schreibt Kingsnorth. «Ich mache mir Sorgen, dass dieses Buch mein Leben verändern könnte.» Nicht dass er anfangen würde, Bomben zu bauen. Aber aussteigen müsste er, und zwar so richtig – nicht nur, wie er es bereits getan hat, Fernseher und Kreditkarte loswerden und aufs Land ziehen, als Selbstversorger, der seine Bücher dann doch weiterhin auf dem Laptop schreibt, wie er zerknirscht anmerkt.
Wo diese Widersprüche offen zutage treten, könnte einem dieser Autor fast sympathisch werden. Es gebe kein Zurück, das sei klar, schreibt Kingsnorth gegen Ende von «Dunkle Ökologie» – und zwei Seiten später predigt er doch den Rückzug, wie er ihn selber vorlebt. In einem anderen Essay erzählt Kingsnorth davon, wie er das Wasserklo zu Hause durch eine Komposttoilette ersetzt habe. Im WC sieht er dabei eine treffende Metapher für unsere Zivilisation: Wir können einfach einen Knopf drücken, und unsere Scheisse verschwindet. Was, fragt Kingsnorth, passiert mit einer Gesellschaft, die sich nicht um ihre eigene Scheisse kümmert? Genau: «Sie wird am Ende drinsitzen.»
Der Verrat der Grünen
Kingsnorth hat eine bemerkenswerte Entwicklung vom Umweltaktivisten zum christlich-patriotischen Reaktionär hinter sich. Sein erstes Buch hat er einst als weltreisender Jungreporter über Brennpunkte der Globalisierungsproteste geschrieben, unter dem Titel «Global Attack!» (2005) ist es damals auch auf Deutsch erschienen. Später folgten Gedichtbände und die gefeierten Romane seiner auch sprachlich ambitionierten Buckmaster-Trilogie: «The Wake» (2014), der erste Teil, war für den Booker Prize nominiert und ist im britischen Schicksalsjahr 1066 angesiedelt, das dritte Buch spielt tausend Jahre in der Zukunft. Und doch ist es nicht dieses literarische Werk, das den 53-Jährigen jetzt mit Verzögerung auch im deutschen Sprachraum bekannt machen soll, sondern es sind seine Essays als Ex-Aktivist.
«Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers» heisst dieses Buch mit Texten aus den Jahren 2009 bis 2016. Es ist auch der Titel eines Aufsatzes, in dem Kingsnorth von der Enttäuschung berichtet, die ihn dazu bewog, sich aus der Umweltschutzbewegung zurückzuziehen. Als junger Mensch habe er sich geschworen, die Natur vor den Menschen zu schützen, schreibt Kingsnorth. Doch mit dem wachsenden Erfolg der Grünen seien Leute wie er zusehends zur Seite geschoben worden von solchen, die das «Gerede von der Natur» als bürgerlich diffamierten und grüne Politik nicht losgelöst von Klassenfragen betreiben wollten. Die jüngsten Erfolge der britischen Green Party, die unter ihrem neuen Parteichef Zack Polanski die Klassenpolitik ins Zentrum stellt (siehe WOZ Nr. 19/26), dürften Kingsnorth deshalb ein Graus sein.
Das jedenfalls ist sein Befund, der sich in Variationen durch das ganze Buch zieht: Die Umweltschutzbewegung habe ihre Seele verloren – weil, so Kingsnorth, die «Roten» die Grünen kolonisiert haben und weil die Grünen auf dem Weg in den Mainstream ihre einst radikalen Überzeugungen aufgegeben haben. Statt wilde Orte zu schützen und sich dabei die Hände schmutzig zu machen, argumentierten auch sie heute lieber ökonomisch. Statt in Geschichten dächten sie nur noch in Zahlen. Als sei die Rettung des Planeten nur ein wissenschaftliches Problem, das sich lösen lasse, hätten die Grünen ihre Ideale auf dem Altar einer «Nachhaltigkeit» geopfert, zu der sich ja längst auch jeder Grosskonzern bekenne.
So weit die Karikatur, wie Kingsnorth sie zeichnet. Womöglich sind ihm Wissenschaft und Zahlen auch deshalb suspekt, weil er es mit beidem nicht so genau nimmt. Den Begriff «Anthropozän» etwa verwendet er nur abschätzig, als sei der als kritisches Werkzeug nicht ernst zu nehmen. Und in «Eine kurze Geschichte des Verlustes» schreibt er ohne Angabe von Quellen über das Bienensterben: Zwischen 2008 und 2013, so Kingsnorth, sei die Population der Honigbienen in Deutschland um vierzig Prozent geschrumpft, in der Schweiz sogar um fünfzig Prozent. Das wäre tatsächlich alarmierend – wenn es denn so wäre.
Bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, reagiert man erstaunt: Diese Zahlen seien unrealistisch, heisst es dort auf Anfrage. Gemäss den Daten von Agroscope ist die Zahl der Bienenvölker in der Schweiz zwischen 2003 und 2014 um etwa vierzehn Prozent gesunken – und in den Folgejahren wieder um zehn Prozent gestiegen.
In den Städten stinkts
Interessant ist auch die weitere Entwicklung des Autors, die das Buch nicht mehr abdeckt. Als die «Bekenntnisse» 2017 auf Englisch erscheinen, lanciert Kingsnorth sein Werk mit einem heiss diskutierten Gastbeitrag im «Guardian». Als «grüner Idealist», der er immer noch sei, zeigt er sich darin nicht nur hocherfreut über das Ja zum Brexit, sondern begrüsst auch Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten – weil das zeige, dass ein radikaler Wandel offenbar doch möglich sei. Kingsnorth träumt von einem «wohlwollenden grünen Nationalismus», und er zitiert einen Satz des britischen Reiseschriftstellers Norman Lewis, der ihn zeitlebens begleitet habe: «Ich suche die Leute, die immer schon da gewesen sind und die dort hingehören, wo sie leben. Die anderen will ich gar nicht sehen.»
Wer immer schon da gewesen ist, gehört hierher, die anderen sollen weg? Spätestens hier zeigt sich: Die «dunkle Ökologie», die Kingsnorth predigt, ist nicht einfach dunkelgrün. Das Weltbild dieses «grünen Idealisten» hat einen deutlichen Braunton.
Kingsnorth ist gegen Migration, weil ihm Verwurzelung in jedem Fall lieber ist als das Nomadische. Er ist für das Kleine und gegen alles, was zu gross ist (wie die EU, deshalb hat er für den Brexit gestimmt). Er hält sich fern «von all dem Lärm und dem Gestank der Städte». Er hasst die kosmopolitische Mentalität der Metropolen wie überhaupt die städtische Kultur, die sich überall wie ein Krebsgeschwür ausbreite.
Da ist es nicht mehr weit zu schärferen Parolen. Wobei diese «dunkle Ökologie» letztlich wohl zu einsiedlerisch ist, um für hart ökofaschistische Positionen wirklich anschlussfähig zu sein. Vielleicht ist es aber folgerichtig, dass Kingsnorth zuletzt zum Christentum gefunden hat. Der Klimawandel ist jetzt «Ausdruck einer tiefen spirituellen Malaise», so schreibt er 2021, als er von seiner Bekehrung berichtet. Dass das Christentum die Menschen gelehrt hat, sich die Erde untertan zu machen, und damit womöglich Teil des Problems sei, ist ihm zwar bewusst. Trotzdem postuliert er nun: Das Einzige, was uns noch heilen könne, sei eine «Rückkehr zu dem heiligen Zentrum, um das herum jede wahre Kultur gebaut ist».
Ausgangspunkt für seine Diagnose einer umfassenden spirituellen Malaise ist in erster Linie: er selbst. Kingsnorth berichtet von einem «inneren Abgrund», einer Leere, die er mit allem Möglichen zu füllen versucht habe, mit Sex, Ruhm und Politik, auch mit Buddhismus. Doch schon die «Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers» kranken an dieser Selbstbezogenheit. Der Buchtitel bringt es auf den Punkt: Kingsnorth neigt zum Bekenntnis, und dieses Bekenntnishafte verstellt seinen analytischen Blick. Der Autor kreist auch dann um sich selbst, wenn er von seiner neu gefundenen Demut schreibt. Er wolle sich nicht weiter mit wichtigen Meinungen im Fernsehen profilieren, es sei eine grosse Erleichterung für ihn, sich nicht mehr so wichtig zu nehmen: «Heute ist mein Vorbild nicht mehr Hemingway, sondern Salinger. Heute verstecke ich mich vor der Welt.»
Das englische Volk als Opfer
Ein Antikapitalist ist Kingsnorth nicht, dazu ist er zu apolitisch. Und zum Sozialisten wird er nur dann, wenn er über die alte englische Nation schreibt. Es ist eins seiner Lieblingsthemen: die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066, als Wilhelm der Eroberer das ganze Land zum königlichen Besitz erklärte. Wer also war das erste Opfer des britischen Empire? Das englische Volk!
Was Kingsnorth ablehnt, ist also nicht einfach der Kapitalismus, sondern die «technologische Gesellschaft», wie das beim Unabomber heisst. Wobei er das lieber abkürzt mit einem Begriff, den er vom walisischen Lyriker und Pfarrer R. S. Thomas hat: Was er ablehnt, ist «die Maschine», als Totalität der kapitalistisch-technologischen Moderne.
Bei seinem neusten Buch, im Herbst 2025 auf Englisch erschienen, steht das nun genau so im Titel: «Against the Machine». Das Buch sei die Summe seines Schreibens und Denkens über Technologie, Kultur, Spiritualität und Politik, sagt Kingsnorth selber. Der Kritiker des «New Yorker» sagt es so: «Mit ein paar wenigen Eingriffen könnte das Buch als anarchistisches Traktat durchgehen; mit ein paar Eingriffen mehr als das Werk eines christlichen Asketen.» Doch bevor es eins von beidem sein könne, müsse man sich bei Kingsnorth durch viel Unsinn sensen. ●
▶ Paul Kingsnorth: «Dunkle Ökologie». Aus dem Englischen von Kevin Vennemann. Naturkunden Nr. 115. Matthes & Seitz Verlag. Berlin 2025. 54 Seiten.
▶ Paul Kingsnorth: «Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers». Aus dem Englischen von Kevin Vennemann. Matthes & Seitz Verlag. Berlin 2026. 330 Seiten.