Wetterleuchten : Unverhoffte Umverteilung

Nr. 23 –

Anna Jikhareva staunt über einen astronomischen Streikerfolg

Kürzlich, beim Scrollen durch die Nachrichtenfeeds, ploppte eine ungewöhnliche Meldung auf: «Ein Arbeitskampf mit weltweiten Auswirkungen», stand da. Das Interesse war im Nu geweckt. 48 000 Arbeiter:innen von Samsung hatten dem Elektronikriesen in Südkorea mit einem achtzehntägigen Streik gedroht, dem grössten in der Geschichte einer Firma, die im ersten Quartal dieses Jahres so viel Gewinn erwirtschaftete wie noch nie. KI-Boom sei Dank.

Die Forderung, die Bonuszahlungen neu zu berechnen, war angesichts des exorbitanten Profits im Grunde bescheiden, die Angst des Kapitals vor Lieferengpässen bei den begehrten Halbleiterchips umso grösser. Die Macht der Arbeiter:innen an den Scharnieren des Just-in-time-Kapitalismus ist schliesslich nicht zu unterschätzen. Oder, wie es der italienische Soziologe Sergio Bologna, einst Mitglied der legendären autonomen Organisation Potere Operaio, mal ausdrückte: «Die Stärke liegt in der Fragilität der Lieferkette.»

Einen Tag vor Streikbeginn handelten die zwei beteiligten Gewerkschaften einen Deal mit dem Weltkonzern aus: Neben einer Lohnerhöhung um durchschnittlich sechs Prozent soll ein Zehntel des Gewinns in den nächsten zehn Jahren an die Belegschaft ausgeschüttet werden, Prognosen gehen allein für dieses Jahr von umgerechnet über 300 000 Franken pro Kopf aus. Eine Zahl, die einerseits kaum zu glauben ist – und andererseits bloss zeigt, wie schwindelerregend hoch die Gewinne in der Techbranche gegenwärtig sind. Umso erfreulicher die unverhoffte Umverteilung.

Die Empfindlichkeit des Just-in-time-Kapitalismus zeigte sich am Wochenende auch in Österreich, als ein paar Hundert Anwohner:innen die Strasse über den Brenner blockierten. Und damit nicht nur die Blechlawine zum Erliegen brachten, die sich täglich durch die Alpen schiebt, sondern auch gleich den europäischen Waren- und Personenverkehr. Einen «Hilfeschrei» habe er mit der Blockade aussenden wollen, sagte der Bürgermeister des transitgeplagten Tals. Die Schmerzgrenze der lokalen Bevölkerung sei erreicht.

Alle Versuche, den Verkehr auf der Brennerautobahn zu begrenzen – 2,5 Millionen Lastwagen und 12 Millionen Autos sind es in Spitzenjahren –, waren bisher an der Angst der Anrainerstaaten vor finanziellen Einbussen gescheitert. Italiens Verkehrsminister Matteo Salvini zog Österreich sogar vor den Europäischen Gerichtshof, weil er die vereinbarten Lkw-Fahrverbote zu Randzeiten nicht hinnehmen will. Wie bei den Arbeiter:innen in Südkorea waren auch am Brenner die Forderungen mehr als bescheiden: höhere Mautpreise, damit sich der Verkehr besser verteilt, Geld für ein paar zusätzliche Lärmschutzwände sowie das Beibehalten des Fahrverbots in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen.

Genugtuung breitete sich aus, während ich weiterlas: über das geopolitische Ringen, das um Mikrochips ausgebrochen ist – Samsung ist einer der weltweit grössten Hersteller. Eine Auseinandersetzung, die ganze Länder und Regionen ins Verderben stürzen kann. Oder über das Leben in einem Alpental, in dem der ausufernde Verkehr – Symbol einer Welt, in der nichts mehr zählt als die Maximierung von Profit – nicht nur Tag für Tag die Bergluft verpestet, sondern auch mit dafür sorgt, dass sich das Klima immer weiter erhitzt.

Der Kapitalismus, so schien es zumindest für einen Moment, kann durchaus zum Stillstand gebracht werden. Alles, was es dafür braucht, sind Menschen, die sich ihrer strategischen Macht am Nadelöhr der Weltwirtschaft bewusst sind. Und diese Macht just in time zu nutzen wissen. ●

An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.