Wiener Festwochen : Armageddon ohne Antichrist
Techmilliardär Peter Thiel tritt nun doch nicht bei Milo Rau in Wien auf. Was bleibt von der Posse?
Auf die Wiener Satirezeitschrift «Die Tagespresse» ist Verlass. Nach der Ausladung des umstrittenen US-Techmilliardärs und neurechten Demokratieverächters Peter Thiel, der an den Wiener Festwochen hätte auftreten sollen, vermeldete man dort prompt: Thiel sei für die Rolle des «Jedermann» bei den Salzburger Festspielen im Gespräch. Der Palantir-Gründer sei die ideale Besetzung für «einen Mann, der am Ende seines Lebens mit moralischen Verfehlungen konfrontiert wird». Dem Schweizer Festwochen-Intendanten Milo Rau legt «Die Tagespresse» folgende Worte in den Mund: «Das ist nichts weiter als eine vorhersehbare, billige Provokation. Ich sehe hier keinen künstlerischen Mehrwert.»
Das ist so lustig wie treffend, weil genau diese Argumente gegen Rau ins Rennen geschickt werden. Seit 2024 veranstaltet der Festwochen-Chef jedes Jahr ein dokumentarisches Gerichtstheaterformat. Zu Wort kamen Coronaleugner:innen, Rammstein-Hardcorefans, Esoterikschwurbler:innen, aber auch die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry. Das Schema war immer gleich: Vorher grosse mediale Aufregung, nachher waren die meisten dann doch zu faul, um tatsächlich zahlreiche Stunden im Theater oder beim Livestream zu verbringen. So aufbrausend die Stimmung im Vorfeld ist, so ruhig ist es danach. Man fühlt sich an Clickbaiting erinnert. Aber Milo Rau freut sich wie ein kleines Kind, mitten im Shitstorm zu stehen und sich als der neue Schlingensief zu inszenieren. Theater kann doch etwas bewirken!
Milliardär auf Sinnsuche
Dabei wäre der geplante Auftritt von Thiel ohnehin weniger Kunst, mehr Diskussion gewesen. Am 7. Juni hätte er zusammen mit dem Theologen Wolfgang Palaver und Milo Rau zum Thema «Armageddon und Antichrist? Von der Theorie zur Realpolitik» sprechen sollen. Kritiker:innen sagen völlig zu Recht: Man soll Faschisten kein Podium geben. Aber das Set-up hatte trotzdem seinen Reiz. Der Technofaschist Thiel und der linke, friedensliebende Reformkatholik Palaver stehen exemplarisch für das, was Rau möchte: sich über tiefe ideologische Gräben hinweg austauschen.
Die beiden verbindet seit den Neunzigern eine Bekanntschaft, sie streiten öfter privat über katholische Themen. Palaver kommt auch im hörenswerten Podcast «Die Peter Thiel Story» zu Wort: ein sympathischer Tiroler, der Thiel-Erklärer wider Willen geworden ist. Zur Wiener Stadtzeitung «Falter» sagte er im Vorjahr: «Thiel will auf jeden Fall als Intellektueller ernst genommen werden.» Es ist also vielleicht doch richtig, Thiels Eitelkeit nicht zu schmeicheln, indem er auf einem der bestdotierten Kulturfestivals Europas hofiert wird.
Thiel schlug bereits in Donald Trumps erster Amtszeit vor, Klimaleugner in die Regierung zu setzen. Damals war das sogar Trump zu heikel. Thiels katholische Sinnsuche, um die es bei den Festwochen hätte gehen sollen, hat durchaus politische Tendenzen: Neo-Integralisten träumen von der katholischen Kirche als oberster Autorität über der weltlichen Ordnung. Oder wie es der rechte Rechtsphilosoph Adrian Vermeule formuliert: Der Iran habe zwar das richtige Modell, aber die falsche Religion. Der rechtsextreme Blogger Curtis Yarvin, der kürzlich einen Auftritt an der Universität St. Gallen hatte, sieht den US-Vizepräsidenten J. D. Vance bereits als «König von Amerika», als eine Art modernen Monarchen in einer klerikal geprägten Diktatur. Schon im Februar hatte Yarvin übrigens einen Vortrag in Wien gehalten – der Andrang hielt sich in Grenzen, Proteste gab es keine.
Aufregung um jeden Preis
Der Festwochen-Zirkus um die Ein- und dann Ausladung Thiels war eine Posse für sich. Das Festwochen-Gremium «Rat der Republik» wurde befragt – zwei Drittel der Mitglieder votierten für die Einladung. Ein externes Beratungsgremium sprach sich ebenfalls dafür aus. Trotzdem schickten die Festwochen ein Absage-Mail mit dem pathetischen Titel «Nicht um jeden Preis» – aus Verantwortung für das Gesamtprogramm, weil man sonst mit «immer zahlreicheren politisch oder ethisch motivierten Absagen von Beteiligten» hätte rechnen müssen. Peter Thiel kann sich über so viel Pseudodemokratie nur ins Fäustchen lachen.
Und im Grunde stimmt es ja auch: So wenig über künstlerische Produktionen wie unter Milo Rau hat man schon lange nicht mehr geredet. Ständig verstellen Pseudoaufregungen den Blick auf die Kunst. Und Thiel hat ohnehin gerade viel zu tun. Laut «New York Times» soll der 58-Jährige einen Umzug nach Argentinien vorbereiten – aus Kriegsangst, aber sicher auch, weil der rechtslibertäre Präsident Javier Milei ein Politiker seiner Façon ist: weniger Steuern, mehr Anarchokapitalismus. Ein Grundstück, das Thiel im benachbarten Uruguay erworben haben soll, hat einen Bunker. So rüsten sich Techoligarchen gegen Armageddon und den Antichristen. Während der Rest der Welt noch darüber diskutiert. ●