14. Juni in Genf : Der Kuchen vor dem Gipfel

Nr. 24 –

Von Streikkollektiv bis Antifa: Vor dem G7-Protest kommen Aktivist:innen zusammen, um zu feiern und zu mobilisieren. Schauplatz ist eine Kulturoase auf der Rhoneinsel.

mehrere Personen basteln Gesichtsmasken im «Bongo Joe»
Kleider bedrucken, Taschen besticken, Masken basteln: Von der «Hochspannung», unter der Genf angeblich stehe, ist im «Bongo Joe» an diesem Samstag nur wenig zu spüren.

Wenn der französische Präsident Emmanuel Macron am Montag in Evian den G7-Gipfel eröffnet, wird sich Genf bereits seit Tagen im Ausnahmezustand befinden. Ein Grossteil der Grenzübergänge nach Frankreich wird geschlossen sein, ein Abschnitt der A1 gesperrt, Soldatinnen und Polizisten aus der ganzen Schweiz und sogar Wasserwerfer aus Deutschland werden die Metropolregion regelrecht belagern. Anlass für das Aufgebot ist nicht nur der Schutz einiger der weltweit unbeliebtesten Personen unter den Staatschefs der sieben Industrienationen, zuvorderst Donald Trump. Die Behörden befürchten auch Ausschreitungen rund um die Proteste gegen den Gipfel. Deren Organisator:innen trafen sich am vergangenen Wochenende zu einem lauschigen Fest und Mobilisierungsanlass – in einem Plattenladen.

«Bongo Joe» befindet sich in den Halles de l’Île, einer U-förmigen Konstruktion aus Naturstein mit nicht überdachtem Innenhof. Sie liegt auf einer tatsächlichen Insel in der Genfer Innenstadt, links und rechts fliesst grün die Rhone. Auf dem Platz vor dem Gebäude sitzen unter Platanen Menschen an farbigen Tischen, trinken selbstgemachte Limonade und Kaffee. Drinnen gehts in die Bar, dann in einen weitläufigen Raum mit Holztischen, roten Teppichen, vier Meter hohen Decken und aus Metallrohren gefertigten Regalen, die mit Platten gefüllt sind. Ein Hipstertraum, ja, aber nicht nur.

Im Innenhof breiten rund dreissig Leute Bastelmaterial aus, öffnen Sonnenschirme und hängen letzte Transparente auf. Laura*, beiges T-Shirt, Pferdeschwanz, huscht von Stand zu Stand, umarmt hier jemanden zur Begrüssung, unterhält sich da kurz mit Frauen in violetten T-Shirts. Um 16 Uhr soll alles bereit sein für den Beginn der No-G7-Soliveranstaltung, die Laura mitorganisiert hat. Man kann hier Kleider bedrucken oder besticken, Masken basteln, Kuchen essen, mit der Antifa oder dem feministischen Streikkollektiv reden, später gibt es ein Konzert. «Das Ziel heute ist, dass wir eine gute Zeit haben», sagt Laura, es solle «eine festliche und fröhliche Veranstaltung werden, während wir sonst unter so viel Stress und Druck stehen».

Bitte kein Lärm

Mit «wir» meint Laura ein Bündnis von rund sechzig Organisationen und Gruppen, die für das kommende Wochenende zum Protest aufgerufen haben – insbesondere zu einer Demonstration am 14. Juni (siehe WOZ Nr. 18/26). Der Stress und der Druck rühren von den monatelangen Verhandlungen mit der Stadt und dem Kanton, der ihnen erst wenige Tage zuvor die Genehmigung für die Demo erteilt hat. Diese hat die Koalition zwar akzeptiert, die Bedingungen seien aber Schikane, sagt Laura: «Der Kanton stellt total übertriebene Anforderungen, so sollen wir etwa nicht zu viel Lärm machen. Und er verweigert uns die Route über die symbolträchtige Mont-Blanc-Brücke.»

Fragen rund um das Demonstrationsrecht, insbesondere aber die Angst vor möglichen Ausschreitungen waren in den vergangenen Wochen das bestimmende Thema in der Metropole am Lac Léman. Doch davon, dass die Stadt unter «Hochspannung» stehe, wie es die Affichen einer Genfer Zeitung behaupten, merkt man an diesem Samstagnachmittag wenig. Rund um den Bahnhof herrscht der übliche Verkehr, in der Innenstadt flanieren Passant:innen an unverbarrikadierten Schaufenstern vorbei oder sitzen auf den Terrassen von Cafés. Wobei: Ein paar Geschäfte scheinen sich doch auf mehr vorzubereiten. Einzelne Läden und Banken haben vor den Fenstern bereits Holzverschläge installiert, darunter eine Filiale der Genfer Kantonalbank am anderen Ende der kleinen Insel, auf der auch «Bongo Joe» liegt.

«Bongo Joe», das begann 2013 als Plattenladen und Café an der Place des Augustins, später entstand ein vielbeachtetes Label, 2020 folgte der Umzug in die Halles, die 1849 als städtischer Schlachthof gebaut worden waren. Heute ist der Laden auch Kulturzentrum, wo neben Konzerten immer wieder politische Veranstaltungen stattfinden. Das mag damit zu tun haben, dass Gründer Cyril Yeterian früher in der Besetzer:innenszene unterwegs war, es verweist aber auch auf die traditionelle Nähe zwischen der Kulturszene und der Linken in der Stadt. So riefen im Vorfeld des Gipfels über 200 Kulturschaffende dazu auf, sich dem Protest anzuschliessen.

Laura ist neben ihrem Engagement in zahlreichen Kollektiven auch Mitglied im Verein Bongo Joe, der für den Betrieb zuständig ist, wie sie erzählt. Dann bückt sie sich kurz zu einem Mann, der gerade versucht, ein No-G7-Logo auf eine Bauchtasche zu sticken. «Von oben herab hast du mehr Kraft», sagt sie, sucht sich ein Stück Garn, fädelt es in eine Nadel und macht ein paar Stiche, um zu zeigen, wie es geht. Dann wird wieder nach ihr gerufen. Neben Freund:innen schlendern auch immer mehr Passant:innen vorbei, lesen in Broschüren oder kaufen Tragetaschen und Anstecker – etwa am Stand des Feministischen Streiks.

«Etwas Neues und Schönes»

Dort sitzt Léonore*, die durch eine Sonnenbrille mit violett getönten Gläsern blickt, während sie erzählt. Das Streikkollektiv spielt bei der Demo vom kommenden Sonntag eine tragende Rolle, wird diese auch anführen. Schliesslich ist der 14. Juni auch hier der Tag, an dem sich Feminist:innen die Strasse nehmen. Dass sie sich mit anderen zusammenschliessen würden, um an diesem Tag gemeinsam gegen den Gipfel der Mächtigen zu demonstrieren, sei für sie und ihre Mitstreiter:innen sofort klar gewesen, sagt Léonore. «Der feministische Kampf ist für uns nicht zu trennen von den Kämpfen gegen den Kapitalismus, gegen Rassismus, gegen den wieder auflebenden Faschismus.» Zum 8. März oder 14. Juni lade das Kollektiv jeweils auch dekoloniale oder antifaschistische Gruppen ein, und es sei selber an Demos wie jener zum 1. Mai präsent. Dass sich aber in diesem Jahr gleich so viele gegen den Gipfel der G7 zusammengeschlossen hätten, sei etwas «Neues und Schönes».

Tatsächlich scheint die Genfer Linke in ihrer Ablehnung des Gipfels geeint wie selten: Von der SP-Sektion über den VPOD bis zur Antifa, die an diesem Samstag mit zwei Jungs in schwarzen T-Shirts an einem Stand vertreten ist, ist die Koalition derjenigen, die am kommenden Sonntag demonstrieren wollen, sehr breit. Auch aus dem Rest der Romandie wurde Unterstützung angekündigt: Alle feministischen Streikkollektive der Westschweiz haben zur Demo in Genf aufgerufen.

Einzig der Chef der Genfer Unia und ein paar bürgerliche Frauen äusserten zuletzt verhalten die Sorge, klassische Gleichstellungsthemen könnten am Sonntag zu kurz kommen. «Das sind Menschen, die den 14. Juni als einen sehr schweizerischen Kampf betrachten», sagt dazu Charito*, die am Stand des Trommelkollektivs Siembra Resistencia nebenan steht. «Aber als überzeugte Feministin in der Schweiz muss man doch auch die Interessen einer Frau in Lateinamerika oder Afrika verteidigen, die Unterdrückung erleidet durch diejenigen, die die G7 repräsentieren!»

Nach ein paar Stunden herrscht im Innenhof noch immer ein Kommen und Gehen, und auch der Platz vor dem Gebäude ist mittlerweile voll. Bis nach draussen stehen die Leute Schlange, um sich ein Getränk von der Bar zu holen, und auf einem Floss auf der Rhone haben sich junge Leute hingesetzt, um die Abendsonne zu geniessen. Die Insel, umgeben von Banken, die Mischung aus Bobo und Antifa – trotz aller Gegensätze scheint das hier irgendwie zu passen. ●

* Die drei Aktivistinnen möchten nur mit ihrem Vornamen in der Zeitung stehen.