Auf allen Kanälen : Wie man einen Sender niederbrennt

Nr. 24 –

Aus dem Maschinenraum des autoritären Umbaus: Die «New York Times» hat ein sehenswertes Videointerview mit einem gefeuerten CBS-Journalisten publiziert.

In seiner Folge vom 18. Januar widmet sich «60 Minutes», das traditionsreiche und renommierte Sonntagabend-Newsformat des TV-Senders CBS, den turbulenten Geschehnissen im verschneiten Minneapolis. Die Bundesabschiebebehörde ICE war über die Stadt hergefallen, es gab tumultuöse Szenen – gewaltsam verhaftete Menschen und auseinandergerissene Familien – und Aufnahmen von grossen Anti-ICE-Protesten.

Mittendrin bewegt sich Journalistin Cecilia Vega in der für «60 Minutes» so typischen Distanziertheit: Neutral, nüchtern und staatstragend kommentiert sie die Szenerie und befragt die Involvierten. Den emotionalen Teil der Einordnung liefert der damalige Polizeichef von Minneapolis, der beim Blick auf die Aufnahmen einer Festnahme sagt: «Würden diese Polizisten für mich arbeiten, dann hätten sie jetzt ein Problem.»

Heute wissen wir: Beinahe wäre diese Folge von «60 Minutes» nicht gesendet worden. Denn am Tag der Ausstrahlung hatte Chefredaktorin Bari Weiss von den Sendungsverantwortlichen gewünscht, die Protestierenden gewalttätiger zu zeigen und die Tötung der Demonstrantin Renee Good stärker nach Selbstverteidigung aussehen zu lassen. Kurz: Der Darstellung der Trump-Regierung sollte besser entsprochen werden.

Ausgepackt hat dies Scott Pelley, 68-jähriges Urgestein von «60 Minutes», gegenüber der «New York Times» – in einem Videointerview, wenige Tage nachdem CBS Pelley nach 37 Dienstjahren entlassen hatte. Relativ offen und wütend gewährt er Einblick ins Innenleben des reaktionären Umbaus der USA. Das Medienhaus sei «am Brennen», sagt er zum Schluss.

Seit bald sechzig Jahren gibt es «60 Minutes». Und mit seiner ikonischen tickenden Uhr, dem rudimentär animierten Intro und dem einigermassen verkrampften Journalist:innengestus kommt das Nachrichtenformat ziemlich altertümlich daher. Dies aber mit Erfolg: Über neun Millionen Menschen schauten es sich zuletzt wöchentlich am Fernsehen an.

Trotzdem wurde «60 Minutes» in diesem Frühling fundamental durchgeschüttelt. Eine ganze Reihe seiner erfahrensten Journalist:innen, darunter auch Cecilia Vega, mussten gehen. Denn beim traditionell streng zentristischen CBS sind seit letztem Sommer neue Kräfte am Werk: Paramount, die Muttergesellschaft von CBS, wurde von Skydance gekauft – dem Konzern von David Ellison. Dieser wiederum ist der Sohn von Larry Ellison, einem der reichsten Männer der Welt, der sich im inneren Machtzirkel von Donald Trump bewegt. Der Übernahme waren irritierende Konzernentscheide vorausgegangen: Dem prononcierten Trump-Kritiker Stephen Colbert wurde seine Late-Night-Show entzogen, im bizarren Rechtsstreit mit der Trump-Regierung wegen einer früheren «60 Minutes»-Folge wurde eine millionenschwere aussergerichtliche Einigung eingegangen.

Im Herbst installierte Ellison die konservative Medienunternehmerin und Kolumnistin Bari Weiss als Chefredaktorin. Gegenüber der «New York Times» schildert Scott Pelley drastisch, wie Weiss «60 Minutes» danach als journalistische Institution «getötet» habe. Überhaupt mangelt es dem Interview nicht an Pathos, mehrmals ist Pelley den Tränen nah. Erhellend ist, wie er den trumpistischen Zugriff auf die vierte Gewalt beschreibt: Es ist weniger der ideologische Eifer der neuen Chefredaktorin als vielmehr deren Inkompetenz, die CBS ins Wanken bringt. Zerfällt fundierter Journalismus, ist dem System Trump schon geholfen.

Genauso vielsagend ist, wie positiv Pelley sein erstes Treffen mit Ellison beschreibt. «Wir dachten, uns stehe eine blendende neue Ära bevor», sagt er. So hat der gestandene Journalist auch etwas vom Kaninchen vor der Schlange: Im Moment der Übernahme erkannte er nicht, wie sehr er mit seinem Berufsethos letztlich der finanziellen und politischen Macht des Systems Trump ausgeliefert war. Umso alarmierender, dass Ellison sein Medienimperium derweil weiter ausbaut: Bis zum Ende des Sommers will er auch Warner Bros. übernehmen – und damit unter anderem den Nachrichtensender CNN. ●