Der Grosse Raub : Den Zaun eintreten

Nr. 24 –

Enis Maci übers Wohnen am Wasser und die Flamingorevolution

Ich bin in Biel, als ich das Video sehe: Ein alter Mann tritt einen Zaun nieder. Das Dorf heisst Zvërnec. Neben dem Lagunengebiet Pishë-Poro-Nartë und der Insel Sazan steht es im Zentrum der gegenwärtigen Enteignungen in Albanien. Ein alter Mann tritt einen Zaun nieder, und einer, der sein Sohn sein könnte, tritt vor die Kamera: Ich habe mein Leben lang in Griechenland gearbeitet. Warum können nicht wenigstens meine Kinder es gut haben hier? So viele sind wütend, vertrieben worden zu sein, oder wollen sich nicht vertreiben lassen. Nach einer Woche können westliche Medien die Proteste nicht länger ignorieren. Auf einem Plakat die Worte: Die Dichter schrieben Verse, ich Visaanträge.

Ich bin in Biel, als ich das Video sehe, morgens, beim Kaffee, und später schaue ich «The Tempest» mit den Studierenden, betrachte Derek Jarmans heil- und himmellose, verwahrloste Herrenhausversion jener ungeschützten Insel, auf der Shakespeares Stück spielt. Caliban – verteidigt er, was ohnehin untergegangen wäre? Oder schützt er einen Felsen, der Geschichte speichert wie Mondlicht? Der seltsame Ekel vor dem, den man beraubt, den man die eigene Sprache zu sprechen zwingt, die Sprache des Welthandels, die die Sprache der rohen Gewalt ist.

Der Mann tritt einen Zaun nieder, den vermummte Sicherheitskräfte aufgestellt haben. Der Mann tritt den Zaun nieder, und andere treten mit ihm, Rentner vor allem, Alte, die nicht mehr so viel zu verlieren haben. «Weg mit Kastrati!», rufen sie und meinen den Unternehmer, den sie hinter dem Projekt in Zvërnec vermuten, das auf eine niederländische Holding eingetragen ist, deren fünf albanische Inhaber anonym bleiben können, da sie je weniger als 25 Prozent besitzen. Die tatsächlichen Eigentümer:innen des Bodens, um den es hier geht, befinden sich indes in laufenden Gerichtsverfahren mit dem Staat, um den Grundbesitz ihrer Ahnen dreissig Jahre nach Ende der Diktatur zurückzuerhalten.

So werden sie doppelt enteignet: auf die kommunistische und auf die kapitalistische Weise. Das Projekt in Sazan wiederum wird von Jared Kushners Firma Affinity Partners mit Geldern aus saudischen und katarischen Staatsfonds realisiert. Die Renderings des Resorts gleichen bösen Hobbithäusern: in berechneter Landschaft Fenster wie Glasaugen, glänzende Prothesen, von unmöglichem Fels eingefasste, leere Höhlen, die den Blick nicht erwidern.

So lang die EU nicht interveniert, haben die Demonstrant:innen in Albanien und Serbien (wo Kushners zweites Grossprojekt läuft) schlechte Karten. Bloss liebt die EU Lithium (Serbien) und extralegale Flüchtlingslager (Albanien). Sie liebt die transadriatische Gaspipeline, die an Sazan vorbeiführt. Sie liebt eine stete Zufuhr weisser Arbeitskräfte. Und darum wird sie nur intervenieren, wenn ihre Bürger:innen sie zwingen.

Unterwegs vom Institut zum Bielersee spaziere ich die Rückseiten entlang. An einem Baugerüst flattern Renderings zukünftiger Apartments mit Seeblick, bodentiefe Terrassentüren, Transparenz pur, und die Copy beschissen auf eine Weise, die sie immerhin als hundert Prozent human-made ausweist. All diese Quadratmeter, denke ich, wer wird sie bewohnen, und wem versperren sie die Sicht?

Ein Mann tritt den Zaun ein. Und noch einer. Und noch einer. Sie jubeln, obwohl der Zaun, natürlich, wieder aufgestellt wird. Spielt diese Szene 1500 oder heute? Sie werden ihn wieder stürzen ... und wieder ... und irgendwann wird niemand ihn aufstellen. Und sie werden jubeln. ●

Enis Maci ist Autorin und lebt in Berlin.