Deutsche Kulturpolitik : Strafen für linke Theater
Im Maxim-Gorki-Theater geht nach der Intendanz Shermin Langhoff ein Modellversuch zu Ende. Sind die neuen Finanzprobleme politisch grundiert?
Zwischen dem Ende einer Ära und dem Beginn einer neuen kracht es in Berlin. Intendantin Shermin Langhoff hat das postmigrantische Theater nicht erfunden, aber geprägt wie niemand sonst. Nach dreizehn Jahren übernimmt nun Çağla Ilk die Leitung. Ilk hatte am Gorki bereits mit Langhoff zusammengearbeitet, geniesst aber vor allem als Kunstkuratorin einen guten Namen.
Doch mitten in der Wehmütigkeit des Abschieds und dem theatertypischen Argwohn gegenüber Ilk, weil sie nicht nur Schauspiel programmieren wird, erreichte das Haus ohne Vorwarnung ein E-Mail: Der Vertrag mit den Werkstätten des zentralen Bühnenservice wird bis Ende Jahr gekündigt.
Die Idee, im Bühnenservice die Werkstätten für die drei Opern, das Ballett und für drei Schauspielhäuser zu zentralisieren, ist nicht nur verkehrt. Das Gorki hat aber im Gegensatz zu allen anderen, die den Service pro Arbeitsstunde abrechnen, eigene Flächen im Bau neben dem berühmten «Berghain». Und bisher hat das Gorki nichts für die Miete bezahlt. Die neue Forderung: 160 000 Euro, eine sogar für Berliner Verhältnisse krasse Mieterhöhung.
Alle wissen, dass das nur ein Schuss vor den Bug ist. Der Kultursenat kann es sich nicht leisten, dass ein Theater, das gerade neu anfängt, gegen die Wand gefahren wird. Das wäre schlicht zu teuer. Alle wissen aber auch, dass alle anderen landeseigenen Theater die Mieten für die öffentlichen Immobilien obendrauf erhalten. Nur das Gorki nicht.
Dass diese Ungleichbehandlung auch politische Gründe im CDU-regierten Berlin hat, ist nicht mehr auszuschliessen. Das Gorki ist klar links, wie die Volksbühne auch, die unter Matthias Lilienthal im Herbst den zweiten Neustart in Berlin lanciert. Und auch Lilienthal hat man Steine in den Weg gelegt, aber er ist der vielleicht härteste Verhandler der Theaterwelt (nicht nur gegenüber der Politik). Doch darin liegt auch ein strukturelles Problem verborgen.
Anti-Integrations-Komödie zum Abschied
Zunächst wird aber noch Abschied gefeiert. Zum letzten Mal zu sehen war gerade der berühmteste Abend des postmigrantischen Theaters, «Verrücktes Blut». Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Jens Hillje hatten mit dieser harten Anti-Integrations-Komödie nach dem französisch-belgischen Film «La journée de la jupe» einen Knaller gelandet. Sackfreche Migrantenkinder im Deutschunterricht, die spucken, fluchen, Frauen belästigen, treffen auf eine Lehrerin, die ihnen Schiller, seine «Räuber» und gleich noch die «Ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts» näherbringen will. Dazu bedroht sie die unerreichbaren Schüler:innen mit einer Waffe, bis sie einfühlsam zittern beim Spielen, wie sich das bei Schiller gehört. Die Klischees werden also umgedreht.
Seither wird man dazu verleitet, die in vielen Theatern deutlich erhöhte Herkunftsdiversität auf diesen heute etwas hemdsärmlig anmutenden Abend zurückzuführen und vor allem auf die dreizehn Jahre Intendanz von Shermin Langhoff. Hemdsärmlig wirkt es heute, wenn Schauspieler:innen bei vorgehaltenem Revolver Gefühle spielen müssen, weil die vielen Debatten über Machtmissbrauch am Theater den Betrieb erst lange nach der Uraufführung erschüttert haben. Auch das Gorki selbst: Seit 2019 haben sich viele Mitarbeiterinnen über den Führungsstil von Langhoff bei Vertrauensstellen und bei der Politik beschwert, ohne nennenswerte Konsequenzen. Langhoffs Vertrag wurde mitten in den Abklärungen sogar noch um drei letzte Jahre verlängert.
Lösungen brauchen Zeit und Rücksicht
Doch die Verdienste sind zu gross, um die Ära Langhoff auf deren bisweilen unkontrolliertes Verhalten zu reduzieren. Und man muss auch historisch sehen, in welchem Klima sich Langhoff und Co. behaupten mussten. Thilo Sarrazin schrieb mit «Deutschland schafft sich ab» einen rassistischen Bestseller, der manchen Migrant:innen minderes Erbgut zuschrieb. Einzelne tatsächlich «gekippte» Schulen wurden breit skandalisiert. Und die Bilder der Schauspieler:innen in den Saisonvorschauen sahen sich alle sehr ähnlich.
Das hat sich in dieser Zeit alles stark verändert. Gleich geblieben ist das Problem, dass alle Theater sehr ähnlich produzieren. Das führt dazu, dass das nun schwindende Geld immer mehr in die Werkstätten fliesst, in die Technik, in die Verwaltung und für die Kunst selbst immer weniger übrig bleibt.
Es führt also kein Weg daran vorbei, andere Lösungen zu finden, vielleicht auch für gemeinsame Werkstätten. Aber so eine Transformation braucht mehrere Jahre und einen rücksichtsvollen Umgang mit den Beschäftigten – dass zum Beispiel natürliche Abgänge nicht neu besetzt werden. Vor einer Wahl mal eben eine neue Theaterleitung damit unter Druck zu setzen, ist sicher die schlechteste Option. ●