Die Autorin : Enthüllungslust und die Grenzen der Neugier
Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann sind neue Biografien erschienen.
«Also, ich meine ja, man sollte die Biographien von Autoren einfach vergessen, und nur ihr Werk sprechen lassen. Aber bei manchen Autoren kann man’s nicht vergessen.» Ingeborg Bachmann sei so ein Fall, hat Elfriede Jelinek festgestellt. Durch Bachmanns Texte ziehen sich autobiografische Spuren, und doch bleiben diese diskret. Jelinek nennt es «Verborgenheit». Solche Verborgenheit aber habe eine eigene Dialektik. Sie provoziere eine Lust an der Enthüllung: Wer ist diese rätselhafte Frau, die so jung und so grausam gestorben ist? Deren Gedichte und Erzähltexte berühren, verstören, beflügeln?
Die Enthüllungslust hat einen Bachmann-Wettbewerb ganz eigener Art begründet. Wer findet noch eine tragische Liebesgeschichte? Viele Geheimnisse des oft unglücklichen Lebens der Autorin scheinen heute, zu ihrem 100. Geburtstag, auserzählt: von der Kärntner Kindheit bis zur Einladung in die Gruppe 47, von der Zürcher Zeit bis zum Tod in Rom. Briefe und Tagebücher liegen in gedruckter Form vor. Welche schönen oder gemeinen Formulierungen, manche in Rage, andere kühl, Bachmann in Briefen versendet hat, können wir nachlesen, ohne ins Archiv zu gehen.
Vor allem ihre Beziehungen zu anderen Autoren werden diskutiert: «Team Bachmann» steht gegen «Team Frisch», zum Beispiel. Schon vor Jahren hat Sigrid Weigel in «Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses» über die Grenzen solcher posthumen Neugier nachgedacht. Wo endet das legitime Interesse, wo beginnt der Übergriff? Ina Hartwigs «Biographie in Bruchstücken», die soeben in einer Neuausgabe bei S. Fischer erschienen ist, wird dem Problem gerechter als manche Archivsensation. Eigene Zugänge wählen auch Fleur Jaeggys vor kurzem erschienene Erinnerungen an «Die letzten Tage von Ingeborg» oder Alexander Honolds ästhetische Erkundungen ihrer Beziehungen («Liebeslinien», 2026).
Gleiche Fragen, andere Antworten
Zur Ausgangslage im Jubiläumsjahr gehören auch zwei neue Biografien: Die eine stammt von Andrea Stoll. Die Autorin und Filmemacherin möchte ermessen, was Bachmann das Schreiben «gekostet» habe, und erzählt deren Leben bereits ein zweites Mal: «Zwei Menschen sind in mir» folgt auf «Der dunkle Glanz der Freiheit» aus dem Jahr 2013.
«Dieses unruhige Ich» heisst die andere neue Biografie. Sie stammt vom Germanisten Dieter Burdorf, der vor allem mit Arbeiten zur Lyrik hervorgetreten ist und bereits zahlreiche Beiträge zu Bachmanns Korrespondenz und Werk publiziert hat.
Stoll und Burdorf sind sich in vielem einig. Ohne Rückgriff auf die Briefe und Tagebücher lasse sich Bachmann als Autorin nicht mehr denken, finden beide. Und so stützen sie sich wesentlich auf dieses Material, das in den vergangenen Jahren schrittweise publiziert wurde. Es geht um die Einordnung: Wie sortiert man die unterschiedlichen Stimmen und Stimmlagen in den Briefen? Wie setzt man Leben und Schreiben ins Verhältnis?
Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Einmalig an Bachmann sei, so Stoll, ihr «Mut, im Schreiben wie im Leben bis zum Äussersten zu gehen». Wie schwer es für eine Autorin in der Nachkriegsgesellschaft war, in der Literatur wie im Leben kompromisslose Wege zu erproben, zeichnet Stoll nach. Dabei sucht sie in Bachmanns literarischen Texten immer wieder Lebensspuren. Das Titelzitat gibt die Richtung vor: Es stammt – wie man nicht bei Stoll, aber bei Burdorf nachlesen kann – aus einer frühen Arbeit, den «Briefen an Felician», die 1945/46 entstanden, aber erst 1991 aus dem Nachlass publiziert wurden. Gesetzt ist damit eine autobiografische Lesart, auf die gerade Autorinnen immer wieder festgelegt werden.
Burdorf hingegen verzichtet, wie er gleich zu Anfang offenlegt, «weitgehend auf die detaillierte Darstellung der kanonischen Werke». Seine Biografie will neue Massstäbe setzen, indem sie Bachmann nicht aus ihren Veröffentlichungen, sondern aus ihren Netzwerken begreift. Damit vollzieht er einen jüngeren Trend nach, der von den Texten weg zu den Beziehungen im Literaturbetrieb geht. Burdorf hangelt sich Kapitel für Kapitel den veröffentlichten Briefwechseln entlang. Eine Synthese sucht er bewusst nicht. Er will Bachmanns Widersprüche nicht auflösen, sondern vorführen. Vorangestellt hat er seinen Brieflektüren zwei biografische Kapitel über die Kindheits- und Studienjahre, die sich nicht zuletzt auf Stolls erste Biografie stützen, für die diese das Privatarchiv der Familie nutzen konnte.
Dass Bachmann bei Burdorf in den Mittelpunkt literarischer Netzwerke rückt, ist durchaus bemerkenswert, werden schreibende Frauen doch oft «unter sich» oder an den Rändern verortet. Ganz gelingen will es jedoch nicht: Es sind vor allem die Beziehungen zu Männern, die den Fortgang der Darstellung strukturieren – Paul Celan und Max Frisch natürlich, aber auch Heinrich Böll, Henry Kissinger, Hans Werner Henze oder Hans Magnus Enzensberger. Zum Eindruck eines Beziehungspuzzles trägt zudem die Komposition bei: Burdorf zerlegt das «unruhige Ich» in Teile, die unverbunden nebeneinanderstehen. Bachmann wird so zur Geliebten oder «Freundin von …». Historische Tragik oder eine Frage der Perspektive?
Briefe sind keine einfache Gattung für die Literaturwissenschaft. Burdorf löst das im ersten Schritt dokumentarisch: Am Anfang eines jeden Kapitels wird die Briefedition vorgestellt. Im zweiten Schritt liefert Burdorf umfassende Zusammenfassungen, zitiert ausführlich, kommentiert. Aber nach welchen Kriterien? Manchmal klingt es so, als würden Verhaltensnoten verteilt. «Man wird diese Kommunikationsstrategie Celans […] nicht als sehr hilfreich bewerten können.» Oder: «Celan ist […] wieder vollständig in sein Reaktionsmuster verfallen.» Auch Bachmann bekommt Minuspunkte, etwa für ihre «fehlende Empathie für das Leiden der anderen».
Dissertiert gegen Heidegger
Was ist mit ihrer Lyrik und ihrer Prosa? Sprechen sie anders zu uns, wenn wir verstehen, wie hart sie erkämpft sind? Burdorf lagert diese Frage weitgehend aus. Für Stoll ist sie elementar. Doch klingt die Antwort am Ende so allgemein, dass sie auch am Anfang hätte stehen können: «Ihr poetisches Sprechenwollen ist aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts entstanden, aber es war auch ein Befreiungsschlag aus der Ohnmachtserfahrung von Krieg und Gewalt.» Historische Gewalterfahrung und die Unterdrückung von Frauen: Damit habe Bachmann sich befasst. Daran sei sie als Mensch, nicht als Schriftstellerin, gescheitert.
Aber was ist mit der «Verborgenheit», von der Jelinek spricht? Sie liegt nicht dort, wo sie zu leicht vermutet wird. 1949 legt Bachmann eine Dissertation vor, die bei Piper im unscheinbaren Digitalformat wieder verfügbar ist. Die junge Philosophin argumentiert mit Ludwig Wittgenstein, den damals im deutschsprachigen Raum kaum jemand kennt, gegen Martin Heidegger, zu der Zeit noch immer der Riese unter den lebenden Philosophen, trotz oder gerade wegen seiner NS-Verstrickungen.
Sie habe «gegen Heidegger dissertiert!», wird Ingeborg Bachmann später nicht ohne Stolz sagen. Hier sollte man anfangen zu lesen, wenn man das intellektuelle Profil einer herausragenden Autorin wiederentdecken will. ●
▶ Andrea Stoll: «Zwei Menschen sind in mir». Piper Verlag. München 2026. 480 Seiten.
▶ Dieter Burdorf: «Dieses unruhige Ich». Verlag C. H. Beck. München 2026. 764 Seiten.