Durch den Monat mit Greis (Teil 2) : Sehen Sie sich als Teil der Bewegung?
«Mir si global»: Rapper Grégoire Vuilleumier über Gipfelproteste, Krawall und Erinnerungskultur.
WOZ: Grégoire Vuilleumier, waren Sie 2003 bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Evian?
Grégoire Vuilleumier: Oh, das war Post-Genua, nach Carlo Giuliani, nach Seattle. Ich glaube, wir von Bern, von der Anti-WTO-Koordination, sind zu den Demos nach Lausanne und Genf.
WOZ: 1999 sorgten die Gipfelstürmer:innen gegen die WTO in Seattle erstmals international für Aufsehen. Beim G8 in Genua 2001 wurde der junge Carlo Giuliani von der Polizei erschossen.
Grégoire Vuilleumier: Das war das Level damals. Die enorme Menge an Tränengas, die wir in der Peripherie von Lausanne abbekommen haben, die Wasserwerfer, das war total average. Ich weiss gar nicht mehr … Hat es hart gchlepft in Evian?
WOZ: Vor allem in Genf gab es grosse Proteste. Und bei Aubonne hatten Aktivist:innen ein Seil über die Autobahnbrücke gespannt und sich auf beiden Seiten abgeseilt – woraufhin ein Polizist das Seil durchschnitt.
Grégoire Vuilleumier: Fuck, ja. Shit … Seattle und Genua waren wirklich noch nah. Aus meiner Perspektive war dieses Level an Gefahr und Antagonisierung damals erwartbar. Ein G8 – da chlepfts! Der Tod von Carlo Giuliani hat mich stark geprägt. Diese Art von Staatsgewalt, die einen Anlass verteidigt, an dem mächtige Leute sich im Prinzip unsere Steuergelder aufteilen, statt sie in Gesundheit und Bildung zu investieren. Das war brutal.
WOZ: An was erinnern Sie sich vom Widerstand?
Grégoire Vuilleumier: Die Heterogenität der Agenden und Vorgehensweisen. Von Molotowcocktails zu Diskussionen, von ökologischen zu sozialen Themen. Immer mit der Frage: Können wir einen gemeinsamen Nenner finden?
WOZ: 2003 erschien «Global», das jahrelang an so mancher Demonstration lief. Wann haben Sie angefangen, politische Lieder zu schreiben?
Grégoire Vuilleumier: Mich hat schon als Kind engagierte Musik am meisten berührt. Lieder, die Hoffnung vermitteln, empowern. «Prison Trilogy» von Joan Baez etwa. Als ich die «Ballade vo Kaiseraugscht» von Aernschd Born und «Don Quijote» von Urs Hostettler entdeckte, wusste ich, das will ich machen. Das ist konkret!
WOZ: In «Global» rechnen Sie vor: Würde man Börsengewinne mit 0,1 Prozent besteuern, liesse sich damit der weltweite Hunger beenden.
Grégoire Vuilleumier: Das hätte ich selbst so nie ausrechnen können – aber die Soziologin Sarah Schilliger, die kann das. Sie hat mir bei «Global» viel geholfen. Ich war stets von Leuten umgeben, die komplettiert haben, was ich nicht wusste. Mich beschäftigte die Wirksamkeit von Protesten, und die Zürcher Professorin Michelle Beyeler entwickelte die Theorie, dass beides nötig ist – Krawall und Kooperation. Im Sinne von: Es braucht zuerst eingeschlagene Scheiben, damit Medien danach fragen, warum wir so hässig sind.
WOZ: Ein anderer Zeitgeist, der auch in «Global» anklingt: «S’het nid gnue Platz i de Chastewäge. S’isch itz e Massebewegig, so bringet die Wasserwärfer.»
Grégoire Vuilleumier: Selbstbewusst, ja. Ich bin nach wie vor überzeugt: Wir sind viel mächtiger als unsere Gegner:innen.
WOZ: Sie haben nicht resigniert?
Grégoire Vuilleumier: Nein, nein. Ich lernte von den älteren Aktivist:innen der Anti-WTO-Koordination, die die Proteste mitgetragen haben: Es geht nicht darum, ob wir gewinnen, sondern darum, dass wir da sind. Engagement darf nicht resultatorientiert sein, sonst gibt man auf. Jeder Fortschritt ist erkämpft worden, und zwar von unten – und es ist cool zu sehen, in welchem Rhythmus wir Sachen machen.
WOZ: Was hat Sie eigentlich politisiert?
Grégoire Vuilleumier: Ich bin ein Kind der achtziger Jahre. Ich wuchs mit dem Idealbild auf, es werde sich ein globaler Mittelstand etablieren. Dann kam der Neoliberalismus mit Reagan und Thatcher und machte alles kaputt. Anders als heute stand die Stossrichtung der Menschheit aber fest: Wohlstand für alle. Das konnte man noch glauben in den Neunzigern.
WOZ: Mittlerweile gehört «Global» zur Erinnerungskultur.
Grégoire Vuilleumier: Zur Nostalgie auch. Erinnerungskultur ist doch ein Euphemismus dafür.
WOZ: «Ferdinand II» – der Brief eines jungen Berners, der im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpft – war immer Erinnerungskultur.
Grégoire Vuilleumier: Ach, ich bin froh, diesen Song gemacht zu haben, aber einen solchen Aufwand könnte ich nicht noch mal betreiben. Das kann nicht gesund sein: Diese Intensität, diesen Strang mit jenem verbinden – ha! –, alles einflechten. Heute denke ich mir beim Hören: Schnauf doch mal durch.
WOZ: Worum ging es Ihnen 2007, als das Lied erschien?
Grégoire Vuilleumier: Um die Valorisierung von uns als Schweizer Aktivist:innen: Haben wir jemals irgendetwas beigetragen? Ja, dort. Es war die Zeit, als die Letzten, die 1936 in Spanien waren, starben. Ich konnte ein paar von ihnen treffen. Das möchte ich nicht missen.
WOZ: Nächste Woche findet in Evian wieder ein Gipfel statt, in Genf sind «No G7»-Proteste angekündigt. Sehen Sie sich noch als Teil der Bewegung?
Grégoire Vuilleumier: Ja. Mein Fokus liegt heute auf der Dekonstruktion meines «male privilege», direkt an der Front, im Haushalt. Aber ich finde es mega, mega wichtig: Die Bewegung, die dort dagegenhält, ist die einzige Stimme, die das Ganze überhaupt infrage stellt. Es gibt viele, die schon lange dabei sind, und es gibt Nachwuchs. Und ich rufe «Hopp, hopp!» von der Seitenlinie aus. ●
Grégoire Vuilleumier alias Greis (48) ist Musiker und Mitinhaber eines Secondhandladens in Bern. Am 14. Juni haben die Angestellten im Laden jeweils frei.