Feminismus und Migration : «Wir sind nicht ängstlich, sondern wütend»
Die Regisseurin Perla Ciommi über Zugehörigkeit, Frauengemeinschaften und Solidarität.
Frage: WOZ :Perla Ciommi, was sind Ihre Pläne für den 14. Juni?
Perla Ciommi: Gemeinsam mit meinen Kolleginnen vom Onlinemedium «Lucify» werde ich im Berner Progr eine «Offene Kamera» aufstellen. Alle sind eingeladen, kurze Statements zum feministischen Streiktag aufzunehmen – insbesondere Frauen mit Migrationsgeschichte und Menschen, die in den Medien selten zu Wort kommen. Wir veröffentlichen die Beiträge auf unseren Kanälen und unserer Website. Das Ziel ist, möglichst viele Stimmen sichtbar zu machen.
Frage: «Lucify» ist ein mehrsprachiges migrantisches Onlinemedium. Am 14. Juni wird auch über die «10 Millionen»-Initiative abgestimmt. Wie ist die Stimmung bei Ihnen?
Perla Ciommi: Wir sind nicht ängstlich, sondern wütend. Die Initiative zeichnet Migration als Bedrohung, dabei ist das Gegenteil der Fall: Migration ist eine gesellschaftliche Realität und Ressource. Zugehörigkeit ist mehrdimensional und lässt sich nicht allein über den Pass definieren: Sie braucht rechtliche Sicherheit, politische Mitbestimmung, soziale und kulturelle Teilhabe. Für viele eingewanderte Personen ist die Schweiz ein Zuhause geworden. Und ohne den Taxifahrer aus Kuba, die Putzkräfte aus Spanien oder die Ärzt:innen aus Eritrea würde die Schweiz nicht so gut funktionieren. Bei «Lucify» wollen wir jene sichtbar machen, die diese Gesellschaft tragen.
Gründerin und Macherin
Perla Ciommi (47) ist Filmemacherin und engagiert sich im Feministischen Streikkollektiv Bern. Sie war 2018 Mitgründerin des mehrsprachigen Onlinemediums «Lucify». Ciommis Filmserie «Frauenelemente» über migrantische Frauen in der Schweiz ist auf hausdertalente.ch zu sehen.
Frage: Am Sonntag treffen zwei Debatten aufeinander: der Streik für Gleichstellung und der Streit über Migration.
Perla Ciommi: Beides wirkt verschieden, hat aber einen gemeinsamen Kern. Diese Gleichzeitigkeit deutet auf einen Wandel hin: Es geht dabei darum, wer dazugehört, mitreden und mitentscheiden kann. Vielfalt wird zunehmend als normal erlebt, Identitäten werden weniger über Staatsgrenzen als über Erfahrungen und Perspektiven definiert. Daraus entstehen neue Solidaritäten, und mehr Menschen fordern Teilhabe und Gleichberechtigung. Gleichzeitig regt sich in konservativen Kreisen Widerstand, weshalb es in mehreren Bereichen zu Rückschritten kommt.
Frage: In der Schweiz wird regelmässig über Migration abgestimmt. Nehmen Sie das persönlich?
Perla Ciommi: Es ist verletzend, ja. Denn die Botschaft lautet: Ihr gehört nicht dazu. Gleichzeitig gibt es eine lange Tradition solcher Abstimmungen – von der Schwarzenbach-Initiative 1970 über das Minarettverbot 2009 bis hin zu Ecopop 2014 –, wenn ich das zu persönlich nähme, könnte ich kaum hier leben oder arbeiten. Als ich hierhergekommen bin, habe ich mich nicht willkommen gefühlt – und auch deswegen habe ich begonnen, mich zu engagieren.
Frage: Sie haben sich in der Schweiz nicht willkommen gefühlt?
Perla Ciommi: Vor allem der Zugang zum Arbeitsmarkt, der Einstieg in die hiesige Filmbranche, war schwierig. Einerseits galt ich als überqualifiziert für Praktika und andererseits als nicht passend für eine Festanstellung. Hinzu kamen Erfahrungen, die viele migrantische Frauen teilen: Statt nach meinen Qualifikationen wurde ich häufig nach meiner Familienplanung und meinem Aufenthaltsstatus gefragt. Das hat meinen Blick auf strukturelle Ungleichheiten geschärft – sowohl in Bezug auf Geschlecht als auch auf Herkunft.
Frage: 2014 gründeten Sie Ihre eigene Produktionsfirma Perlart. Und vier Jahre später riefen Sie – zusammen mit neun weiteren Journalistinnen mit Migrationsgeschichte – «Lucify» ins Leben.
Perla Ciommi: Niemand schien auf mich zu warten, also schuf ich mir meine eigenen Plattformen. Später konnte ich den Dokumentarfilm «Wir Mitbürgerinnen» realisieren, der 2015 in die Kinos kam und sich mit der politischen Partizipation von Migrantinnen in der Schweiz befasst. Bei «Lucify» waren wir ein Team aus Frauen mit ähnlichen Erfahrungen: hochqualifizierte Eingewanderte, die trotz Ausbildung und Berufserfahrung kaum Zugang zu ihrem Berufsfeld fanden. Statt als Fachpersonen wahrgenommen zu werden, wurden wir so behandelt, als müssten wir unsere Kompetenzen erst beweisen. Wir werden in Bereiche gelenkt, die mit Care-Arbeit verbunden sind, in die Betreuung oder die Pflege.
Frage: Ist Aktivismus in einem reichen Land wie der Schweiz nicht frustrierend? Viele Menschen haben hierzulande keine Vorstellung von migrantischen und prekären Lebensumständen.
Perla Ciommi: Ja, es ist frustrierend, so viel unbezahlte Arbeit zu leisten, um die Gesellschaft zu verbessern, während Menschen mit vielen Privilegien nichts tun. Es ist aber wichtig zu zeigen, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Dafür braucht es Engagement im Alltag – im Quartier, in Vereinen oder in sozialen Bewegungen. Aktivismus ist anstrengend, aber notwendig. Er schafft Vernetzung, öffnet Räume und ermöglicht Teilhabe.
Frage: Erleben Sie Solidarität in der Mehrheitsgesellschaft?
Perla Ciommi: Veränderungen geschehen langsam. Aber ich erlebe viele solidarische Momente. Obwohl das wahrscheinlich in meiner Blase passiert, erlebe ich bei kulturellen Veranstaltungen immer wieder Menschen, die durch den direkten Kontakt mit Personen aus anderen Herkunftsländern und durch das Zuhören beginnen, andere Perspektiven zu schätzen und dadurch unsere Welt besser zu verstehen.
Frage: Wie würden Sie Ihren Feminismus beschreiben?
Perla Ciommi: Als solidarisch, ökologisch und gewaltfrei. Ich bin in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, in dem Frauen marginalisiert, aber zugleich sehr wichtig waren. Meine Lehrerinnen waren Nonnen und gleichzeitig starke Persönlichkeiten mit viel Wissen. Meine Grossmutter, bei der ich aufgewachsen bin, hat ihren Sohn allein mit der Hilfe ihrer Schwestern grossgezogen. Das war eine Art Frauengemeinschaft, in der Austausch und gegenseitige Unterstützung eine zentrale Rolle spielten. Und natürlich hat man gut auf die Ressourcen geachtet, weil die Mittel bescheiden waren. Feministische Perspektiven entstehen aus konkreten Erfahrungen und unterscheiden sich weltweit. Es braucht deshalb intersektionale Ansätze.
Frage: Sie sind in Italien geboren. Inwiefern unterscheidet sich die dortige feministische Bewegung von jener in der Schweiz?
Perla Ciommi: Auch in Italien tragen Frauen nach wie vor einen grossen Teil der Sorgearbeit, aber zudem arbeiten sie meistens Vollzeit. Und es gibt keinen 14. Juni wie hier, weil viele das Gefühl haben, in einer gleichgestellten Gesellschaft zu leben – die Statistiken sagen etwas anderes. Obwohl die italienische Frauenbewegung in den siebziger Jahren die feministische Entwicklung in der Schweiz mitgeprägt hat, habe ich den Eindruck, hierzulande sei das Bewusstsein für patriarchale Strukturen heute ausgeprägter.
Frage: Was wünschen Sie sich von Verbündeten – mit oder ohne Migrationsgeschichte?
Perla Ciommi: Zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte in diesem Kontext zu unterscheiden, finde ich kontraproduktiv. Wer hier lebt, gehört zur Gesellschaft und sollte gleich behandelt werden, ohne als die «andere» wahrgenommen zu werden. Statt zu kategorisieren, sollten wir politisch auf Augenhöhe handeln und dabei Raum und Zeit für unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse schaffen. ●