Film : Kann Religion feministisch sein?

Nr. 24 –

«Ist Sittsamkeit also ein Heilmittel gegen eine sexualisierte Gesellschaft?» – «Ja.» Die ukrainische Aktivistin Inna Schewtschenko und die deutsche Muslimin Khola Maryam Hübsch diskutieren über den Hidschab, sexuelle Gewalt und die Frage, ob religiöse Normen Frauen schützen oder kontrollieren. Die Debatte wird hitziger. Für einen Moment nähert sich der Film einem tatsächlichen Konflikt.

«Girls & Gods» heisst der Dokfilm von Arash T. Riahi und Verena Solitz. Die beiden begleiten Inna Schewtschenko, Mitgründerin der Protestbewegung Femen, bei Gesprächen mit Christinnen, Musliminnen, Jüdinnen und Ordensfrauen. Viele von ihnen verstehen Religion nicht als starres Regelwerk, sondern als Raum, der sich verändern lässt. Sie lesen religiöse Texte neu und widersprechen patriarchalen Auslegungen. In Frankreich arbeiten feministische Theologinnen an einer «Frauenbibel».

Der Film folgt diesen Stimmen mit grosser Offenheit. Gerade darin liegt jedoch auch seine Schwäche. Wo Machtfragen sichtbar werden, findet selten eine Vertiefung statt. Reformtheologische Positionen, spirituelle Innenperspektiven und radikale Religionskritik stehen nebeneinander, ohne in ein Verhältnis gesetzt zu werden.

Anders im Gespräch mit Khola Maryam Hübsch. Hier stösst die Verständigung an ihre Grenzen, prallen unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit aufeinander. Während Hübsch den Hidschab als selbstbestimmte Praxis verteidigt, fragt Schewtschenko, ob sich die Freiheiten muslimischer Frauen nicht vor allem den demokratischen Gesellschaften verdanken. Die Frage, ob Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung auf Kosten weiblicher Freiheit erkauft werden, bleibt im Raum stehen.

Solche Momente sind rar. Meist hört Schewtschenko zu und hält Gegensätze zusammen. Das macht den Film zugänglich und vielstimmig. Zugleich entsteht eine eigentümliche Unentschiedenheit. Die Konflikte werden nicht ausgeblendet – sie werden befriedet. ●

▶ «Girls & Gods». Regie: Arash T. Riahi, Verena Solitz. Österreich/Deutschland 2025. Jetzt im Kino.