Fussballweltmeisterschaft : Spiele auf dem Pulverfass

Nr. 24 –

Korruption, Autoritarismus und Klimakrise: Die WM 2026 fungiert als Prisma der globalen Probleme. Gedanken eines begeisterten Amateurspielers.

Illustration von Sandro Ramseier: ein Fussballpokal welcher brennt und mit Stacheldraht eingewickelt ist und von Flugzeugen umkreist wird, darüber ein Feuerwerk und am Boden ein Stadion, Sicherheitskräfte, Geldbündel und Videokameras, abgegrenzt durch einen hohen Zaun ein Fussballplatz wo junge Personen Fussball spielen

«Fussball ist ein Spiel, und ein Spiel sollte Spass machen», sagt unser Spielmacher Arne vor dem Anpfiff. Es ist ein Freitagabend Anfang Juni – heute spielen wir gegen den FC Weisslingen.

Bei den Senioren 30+ des FC Zürich gehöre ich mit über vierzig zum alten Eisen. Nach der nächsten Saison werde ich zur 40+-Mannschaft wechseln. Hauptsache, spielen. Weltweit gibt es etwa 250 Millionen aktive Fussballer:innen, und es sind Milliarden von Menschen, die sich den Sport regelmässig anschauen. Fussball ist mit seinen siebzehn Grundregeln relativ einfach zu verstehen – und noch viel einfacher zu spielen: Ein wenig Platz, ein Ball, zwei Tore, es kann losgehen.

Am 11. Juni beginnt die diesjährige Fussballweltmeisterschaft der Männer. In den USA, in Kanada und Mexiko kämpfen erstmals 48 Mannschaften um den Pokal. Mit der Erweiterung des Teilnahmefelds will der Weltverband Fifa neue Märkte erschliessen: So haben sich nun etwa Usbekistan, Jordanien oder Kap Verde für die WM qualifiziert – nicht aber die bevölkerungsreichsten Länder Indien und China oder Indonesien, wie es sich der Sportgigant mit Sitz in Zürich vermutlich gewünscht hätte. Das grösste Turnier der Geschichte ist es dennoch: 104 Spiele in 39 Tagen, verteilt auf sechzehn Städte in drei Ländern und vier Zeitzonen. Die Fifa erwartet sechs Millionen Besucher:innen und Gesamteinnahmen von elf Milliarden US-Dollar.

Die Übertragungsrechte der Spiele hat sie für schätzungsweise vier Milliarden Dollar verhökert. Um den Gewinn zu maximieren, wurde neu ein dynamisches Ticketingpreismodell eingeführt: Der Preis für Originaltickets steigt je nach Nachfrage, auf der offiziellen Wiederverkaufsplattform werden sie derzeit für bis zu 40 000 Dollar gehandelt. Eine Obergrenze gibt es nicht. Bei jedem Deal kassiert die Fifa doppelt mit – je fünfzehn Prozent von Käufer:in und Verkäufer:in. Weil der Verband über seine Blockchain-Plattform zudem Kaufrechte auf zufällige Ticketpackages vertrieb, läuft in der Schweiz eine Strafanzeige wegen illegalen Glücksspiels. Auch US-Staatsanwaltschaften ermitteln.

Erste Halbzeit: Assistenztrainer Hüseyin gibt Anweisungen: «Lass ihm keinen Meter, Uğur!» Er und Trainer Nico haben viel zu tun: Sie erledigen die Verbandsadministration, waschen die Wäsche, nominieren Kader- und Startelfpositionen, sind für uns da, wenn wir unzufrieden sind. Nico und Hüseyin machen das alles ohne Lohn.

Auf der Weltbühne steht der Luxus der Funktionäre im Gegensatz zur Realität derer, die das Spiel ermöglichen. Die Gewerkschaft Unite Here Local 11, die Angestellte in den Hotels und Stadien Südkaliforniens vertritt, hat bei der zuständigen US-Bundesbehörde für Arbeitsrecht eine formelle Beschwerde gegen die Fifa eingereicht – wegen der miserablen Arbeitsbedingungen während der WM und befürchteter Repressalien durch die Immigrationspolizei ICE. Die Beschäftigten drohen nun mit Streik. Derweil besetzten Protestierende in Mexiko-Stadt den zentralen Platz Zócalo, den die Fifa als Fanzone reserviert hatte. Ihr Motto: «Der Zócalo gehört nicht der Fifa, sondern der Bevölkerung.» Die Polizei griff ein, es gab Schwerverletzte.

Die Fifa ist als privater Verein im Schweizer Handelsregister eingetragen, geniesst erhebliche Privilegien – und kontrolliert ein globales Milliardenprodukt. 2015 hatte das FBI hochrangige Funktionäre wegen Millionenzahlungen bei WM-Vergaben verhaftet: Sepp Blatter trat als Präsident zurück, Gianni Infantino übernahm – und perfektionierte das System. Die WM 2030 vergab die Fifa an Länder auf drei Kontinenten. Für das Turnier 2034 blieben noch zwei Kontinente; Saudi-Arabien bewarb sich als einziger Kandidat und erhielt den Zuschlag. Kurz darauf wurde der staatliche Ölkonzern Aramco zum Fifa-Hauptsponsor: Er zahlt dem Verband seitdem jährlich rund hundert Millionen Dollar. Infantino sei «schlimmer als Blatter», bilanzierte der Antikorruptionsexperte Mark Pieth im Februar in den Tamedia-Zeitungen.

Halbzeit: Es gibt Pausentee bei wunderschönem Fussballwetter. Der Sportplatz Mettlen liegt auf einer Anhöhe neben dem Wald. Auf einem Hügel über dem Spielfeld steht ein Häuschen, dort gibt es Snacks und kühle Getränke. Jemand steht am Grill und brät Würste.

2019 nahm Gianni Infantino von Wladimir Putin persönlich den russischen Freundschaftsorden entgegen – selbst nach der Vollinvasion der Ukraine distanzierte er sich nie öffentlich vom Kreml. Muhammad Bin Salman, den Kronprinzen von Saudi-Arabien, besucht er regelmässig; 2021 trat er in einem Propagandavideo für das Königreich auf. Den US-Präsidenten Donald Trump beschenkte Infantino wiederum nach dem Final der Klub-WM im Sommer 2025 mit einer Siegermedaille; wenige Monate später schuf die Fifa ihren eigenen «Fifa-Friedenspreis», den sie Trump verlieh. «Eine Form der Korruption» nannte Minky Worden von der NGO Human Rights Watch den Preis damals. Trump nimmt die Avancen derweil dankend an und nutzt das Turnier für seine Agenda. Etwa indem er sich kritisch zur Teilnahme des Iran äusserte (er halte es «wirklich nicht für angemessen, dass sie dort sind») oder droht, den von Demokrat:innen regierten Austragungsorten Spiele wegzunehmen (weil sie zu «woke» seien).

Von Januar 2025 bis März 2026 wurden mindestens 42 Menschen bei ICE-Einsätzen getötet. Über 500 000 Menschen wurden 2025 aus den USA ausgeschafft. Diese Woche kam es in mehreren Städten zu Protesten gegen die ICE. In New York wurden dabei 110 Personen festgenommen. Und Amnesty International warnte jüngst vor möglichen Menschenrechtsverletzungen während der WM. Denn Staatsbürger:innen aus neunzehn Ländern dürfen aktuell grundsätzlich nicht in die USA einreisen. Darunter auch der Iran und Haiti – beides WM-Teilnehmer, deren Spielern die Einreise also eigentlich verboten wäre. Weitere zwanzig Länder unterliegen einem Teilbann.

Die Einreise von Fans aus dem Senegal und aus Côte d’Ivoire ist stark eingeschränkt. Wer wiederum aus Algerien, Kap Verde oder Tunesien einreisen will, ist nur gegen eine Kaution von 10 000 Dollar willkommen. Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde trotz Fifa-Aufgebot und Diplomatenpass die Einreise verweigert. Der «Afrikanische Schiedsrichter des Jahres 2025» fehlt somit beim Turnier.

Zweite Halbzeit: Ich als rechter Verteidiger, der rechte Flügel Nuno und Sturmspitze Jan verlassen das Feld. Für Jan ist es das letzte Spiel mit uns, er wechselt zur 40+-Mannschaft. Wir beklatschen und verabschieden ihn. Ich frage mich, ob es in der Garderobenbeiz kühles Bier gibt.

Es wird heiss sein in diesen sechs Wochen. Gemäss einer Analyse von World Weather Attribution, einer internationalen Forschungskooperation, die den Einfluss des Klimawandels bei konkreten Extremwetterereignissen untersucht, wird bei einem Viertel aller Spiele der thermische Belastungsindex – die Kombination aus Temperatur, Feuchtigkeit, Wind und Sonneneinstrahlung – einen kritischen Wert überschreiten.

Die WM 2026 wird voraussichtlich mehr als neun Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente verursachen – fast doppelt so viel wie der Durchschnitt früherer Turniere. 2021 hatte die Fifa noch ambitionierte Klimaziele formuliert. Von den achtzehn angekündigten Massnahmen hat sie zwei umgesetzt. Ihre eigenen Turniere hat sie von den Klimazielen ausgenommen.

Nach dem Spiel. Wir haben 3 : 1 gewonnen. Als wir uns fürs Teamfoto versammeln, zündet oben bei der Beiz jemand einen Pyro. Nach dem Duschen holen wir uns in der Beiz etwas zu essen, das Schnitzelbrot schmeckt. Mergim schreckt kurz auf, weil jemand sagt, das sei Schweinefleisch. «Spass!», ruft einer. Ich freue mich schon aufs Training am Mittwoch.