Kommentar : Wer bedroht hier wen?
Der Kampf gegen Datencenter erreicht die Schweiz. Nun drohe dessen Kriminalisierung, befürchtet Daniel Stern.
Geplant ist ein Widerstandscamp im schaffhausischen Beringen gegen den Bau eines riesigen Datencenters. Doch diese Woche wurde bekannt: Der Gemeinderat will der Gruppe «Aufstände der Allmende» kein Land für die Zeit vom 2. bis zum 9. Juli zur Verfügung stellen. Das Camp stelle eine «erhebliche und dauerhafte Nutzung des öffentlichen Raums dar», heisst es als Begründung gegenüber der WOZ. Der «Tages-Anzeiger» zitiert in diesem Zusammenhang den Nachrichtendienst des Bundes (NDB), der davor warnt, dass «kritische Infrastrukturen wie Datencenter» von physischen Angriffen bedroht seien. Die «gewalttätige linksextreme Szene» sehe «Gewalt als probates Mittel zur Erreichung ihrer Ziele».
Weltweit werden immer mehr Datencenter gebaut – und der Widerstand dagegen wächst zu Recht. So wird das Projekt in Beringen bei seiner Fertigstellung 2028 allein siebzig Prozent des Stroms benötigen, der im Kanton Schaffhausen 2022 insgesamt verbraucht wurde. Eine zweite Serverfarm ist in Beringen auch schon geplant. Die in der ganzen Schweiz gebauten Datencenter sollen 2030 rund fünfzehn Prozent des Stromverbrauchs verursachen. Das heisst: Der Strompreis wird steigen und damit der Druck, neben dem Ausbau von erneuerbaren Energien auch klimaschädliche Gaskraftwerke und Atomkraftwerke zu bauen. Darüber hinaus zerstört der Bau wertvolles Kulturland. Und allein in Beringen würden pro Jahr 55 000 Kubikmeter Wasser zur Kühlung der eingesetzten Server benötigt, was bei zunehmender Trockenheit im Sommer zum Problem werden könnte. Die Abwärme würde ungenutzt in die Luft abgegeben, während diese bei anderen Datencentern etwa zur Beheizung von Gebäuden genutzt wird.
Gebaut wird die Serverfarm in Beringen vom US-Unternehmen Stack Infrastructure, das Blue Owl Capital gehört. Dieser Private-Equity-Riese verwaltet 300 Milliarden US-Dollar Kund:innengelder und wird von den beiden Milliardären Doug Ostrover und Marc Lipschultz kontrolliert. Das Unternehmen scheut wenig Risiken: So baut Blue Owl Capital derzeit mit dem Techkonzern Meta im US-Bundesstaat Louisiana für 30 Milliarden Dollar ein Megadatencenter mit Namen Hyperion. Blue Owl Capitals Börsenwert ist wegen fragwürdiger Firmenkredite in den letzten sechs Monaten um vierzig Prozent abgesackt.
Dass sich obskure Finanzinvestoren – die mehr und mehr eine Gefahr für das globale Finanzsystem darstellen – in Beringen in erheblichem Ausmass und dauerhaft Strom, Wasser und Land aneignen wollen, ist dort offenbar kein Problem. Das Projekt wird durchgewunken, als ob es selbstverständlich wäre, tatsächlich kritische Infrastruktur dem Hype um künstliche Intelligenz zu opfern. Wenn dann aber eine kleine Gruppe das Projekt infrage stellt und Widerstand ankündigt, fehlt der Platz für eine Protestaktion, und der «Tages-Anzeiger» sieht, flankiert vom NDB, bereits «drohende Angriffe». Dabei sind die «Allmende»-Aktivist:innen im Kanton Schaffhausen vor allem dadurch aufgefallen, dass sie in Neuhausen die Bevölkerung mit einem Infostand über den unsinnigen Bau informierten. Der WOZ schreiben sie, dass sie ihr Protestcamp nun auf dem Land einer Privatperson organisieren werden. ●