Konzernverantwortung : Industrialisierung und Vertreibung

Nr. 24 –

Der israelisch-schweizerische Konzern Mitrelli setzt in Afrika fragwürdige Entwicklungsprojekte in Milliardenhöhe um. Finanzielle Unterstützung erhält er dabei von der Schweizer Exportrisikoversicherung.

ein Arbeiter bearbeitet ein Feld mit Pflanzen
Die Transparenz bei Aldeia Nova habe sich verbessert, steht im Revisionsbericht 2024, die finanzielle Situation bleibe aber prekär. Muginga’s Studios

In Angola herrscht ein brüchiger Frieden, als Haim Taib 1991 ins Land kommt. Der gebürtige Jerusalemer, damals Anfang dreissig, repräsentiert die LR Group, ein Konsortium israelischer Exmilitärs. 1992 bricht der Bürgerkrieg wieder aus, das Geschäft der LR Group ist pragmatisch und lukrativ: Waffen für eine Regierung, die ums Überleben kämpft. So kommt die angolanische Armee an ausrangiertes israelisches Militärequipment und Know-how.

Heute ist Taib ein älterer Herr mit kurzem grauem Bart, stets im Anzug, und kein Waffenhändler mehr. Er tritt als Unternehmer auf, Philanthrop, selbsternannter Brückenbauer. Er trifft den Papst und entzündet als «lebendiger Botschafter» seines Landes an Israels Unabhängigkeitstag 2025 eine Fackel. Noch immer verfügt er über grossen Einfluss in Angola und inzwischen auch in zahlreichen anderen afrikanischen Ländern. Seine Geschäfte sind allerdings umstritten, wie Nachforschungen des Recherchekollektivs WAV zeigen. In Côte d’Ivoire ist sein Unternehmen mit Ermittlungen wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und Geldwäscherei konfrontiert.

Taib ist Gründer und Alleinbesitzer von Mitrelli, einem weitverzweigten Konzern mit Hauptsitz in einem unscheinbaren Bürogebäude in Frauenfeld. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben über sieben Milliarden Franken in afrikanische Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte investiert – in Strassenbau, Wasserversorgung, Bildung, Gesundheit, Agrarindustrie.

Taib kontrolliert auch das Finanzierungsunternehmen Luminar, eine Stiftung in Liechtenstein sowie einen Thinktank zu israelisch-afrikanischen Beziehungen und verfügt ausserdem über enge Verbindungen zu einer umstrittenen Sicherheitsfirma. Investitionen von Mitrelli lässt sich Taib von der Schweizerischen Exportrisikoversicherung (SERV) absichern (vgl. «Kennt die SERV die Komplexität von Mitrelli?» im Anschluss an diesen Text).

Gleichzeitig ist Taib in Israel eine einflussreiche Figur mit engen Verbindungen zur Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu. So war er bereits 2016 Teil von Netanjahus offizieller Afrikatour oder veranstaltete 2022 einen Galaabend für israelische und afrikanische Amtsträger:innen, um die wachsenden Beziehungen zu feiern. Seine Geschäfte passen zu Israels «Agrardiplomatie» – der Strategie, grosse Landwirtschaftsprojekte mit geopolitischen Interessen zu verbinden.

«Mitrelli ist einer von vier Konzernen, die grossen Einfluss auf die angolanische Regierung haben», sagt Miguel Gomes. Der Journalist verfolgt die Geschäfte des Unternehmens schon lange. «Mitrelli ist hier alles – Projektleiter und Ausführender, Geldgeber und Gläubiger.»

Das südwestafrikanische Land ist für Mitrelli wie geschaffen. Es leidet unter hoher Staatsverschuldung und ist als Ölproduzent stark vom Preis des schwarzen Goldes abhängig. Die schlechten Rankings bei der Kreditwürdigkeit erschweren den Zugang zu internationalen Finanzmärkten. Genau dort springt das Finanzierungsunternehmen Luminar ein: Dieses hält gemäss staatlichen Dokumenten inzwischen fast fünf Prozent der angolanischen Auslandschulden – ungefähr 1,8 Milliarden Franken. Die Weltbank, die grösste Geldgeberin, hält 3,7 Milliarden Franken.

Portraitfoto von Haim Taib
Haim Taib hat ­Mitrelli gegründet. Der ehemalige Waffenhändler tritt heute als Philanthrop und selbsternannter ­Brückenbauer auf.

Schulden, Drohungen, leere Felder

Mitrellis angolanisches Vorzeigeprojekt Aldeia Nova entstand nach dem Ende des Bürgerkriegs 2003. Die LR Group, für die Taib in leitender Position arbeitete, verlagerte damals ihre Geschäftstätigkeit in den zivilen Bereich. Ziel war der Aufbau eines staatlich geförderten Landwirtschaftsunternehmens nach israelischem Genossenschaftsmodell. Familienbetriebe sollten selbstständig produzieren, während Dienste wie Ein- und Verkauf sowie Verarbeitung gemeinsam organisiert würden. Allerdings war Aldeia Nova nie selbstverwaltet, sondern durch die LR Group kontrolliert.

Ausserdem wurden Familien von ihrem Land vertrieben, damit demobilisierte Soldaten als Bauern in das Projekt eingebunden werden konnten, wie die israelische Zeitung «Haaretz» 2009 berichtete. Die angesiedelten ehemaligen Soldaten und ihre Familien mussten sich zudem stark verschulden, weil Aldeia Nova die ihnen zur Verfügung gestellten Häuser, Betriebsmittel und Nutztiere als Darlehen verbuchte. Lieferten sie ihre Produkte ab, wurden Zinsen und Rückzahlungsraten direkt vom Erlös abgezogen. Für sie blieb wenig.

Häuser von Aldeia Nova
Gescheitertes Projekt in Angola: Ziel von Aldeia Nova war der Aufbau eines Landwirtschaftsunternehmens nach israelischem Genossenschaftsmodell. Muginga’s Studios

Schon 2008 war das Projekt in schwerer finanzieller Schieflage, und die LR Group überliess es dem angolanischen Staat. 2011 ging Aldeia Nova bankrott, der Staat übergab es an die von Taib neu gegründete Firma Mitrelli. Revisionen der Regierung ab 2020 dokumentieren allerdings weiter Verluste und Misswirtschaft: darunter Zinszahlungen auf ein nie bezogenes Darlehen an einen Gründer der LR Group und hohe Überweisungen an mehrere Mitrelli-Tochtergesellschaften. Die Transparenz habe sich zwar verbessert, vermerkt der Revisionsbericht 2024, die finanzielle Situation bleibe aber prekär.

Inzwischen wurden Teile des Projekts eingestellt. Darüber freut sich ein Mitglied der lokalen Organisation Jovens Lúcidos. Die Gruppe hat sich immer wieder für die Rechte der beteiligten Familien eingesetzt. «Jetzt können die Bäuerinnen und Bauern frei wirtschaften und müssen keine Drohungen oder Einschüchterung mehr fürchten», sagt ein Mitglied der Gruppe. «Sie führen ihr eigenes Leben.»

Mitrelli managt derweil die verbleibenden Teile des Projekts und hält weiter eine Minderheitsbeteiligung, während die Mehrheit dem Staat gehört. Ende 2025 schrieb die angolanische Regierung ihren Anteil an Aldeia Nova öffentlich aus. Doch kein einziges Angebot ging ein. Beobachter werteten das als Zeichen des Scheiterns.

Mitrelli selbst nimmt dazu nicht Stellung. Ein umfangreicher Fragenkatalog bleibt unbeantwortet, Telefonanrufe in die Firmenzentrale führen ins Leere. Wer den Hauptsitz von Mitrelli aufsucht, landet an der Maurerstrasse 8 in Frauenfeld, einem nüchternen Bürogebäude am Rand der Thurgauer Kantonshauptstadt. Von aussen erahnt man nicht, dass hier ein Unternehmen mit Milliardenumsatz sitzt. Wie viele Menschen in Frauenfeld für Mitrelli arbeiten, ist schwer einzuschätzen, es dürften höchstens zwanzig sein. Weltweit beschäftigt Mitrelli nach eigenen Angaben «Tausende».

Wiederholung im Senegal

Im Senegal plant Mitrelli inzwischen ein Projekt, das ähnlich strukturiert ist wie Aldeia Nova in Angola – ungeachtet der Kritik. Unter dem Namen Agropole Ouest sollen grosse private Farmen entstehen, auf denen Milchwirtschaft betrieben wird, wo Gewächshäuser und Schlachthäuser stehen und auch Ausbildungskurse stattfinden. Vorgesehen ist ein umzäuntes Gebiet in der Region Thiès im Sahel mit offenen Feldern und mit verstreuten Bäumen: Über 1160 Hektaren erstreckt sich das Landstück südlich von Dakar, so gross wie fünfzig durchschnittliche Schweizer Landwirtschaftsbetriebe. Mitrelli nennt das Projekt «revolutionär» und behauptet, es werde 1,6 Millionen Menschen zugutekommen. Die senegalesische Regierung bewirbt Agropole Ouest als Flaggschiffprojekt.

Bäuer:innenorganisationen und zivilgesellschaftliche Gruppen hingegen kritisieren das zugrunde liegende Modell der ländlichen Entwicklung: Mithilfe von Konzernen wird das kleinbäuerliche System industrialisiert; Kleinbäuer:innen werden in Spezialwirtschaftszonen in kapitalistische Wertschöpfungsketten eingebunden – und müssen ihre Produktionsfaktoren auf Pump kaufen. Die Afrikanische Entwicklungsbank finanziert solche Modelle. Sie sind gerade in Westafrika weitverbreitet. Vielerorts gibt es Kritik wegen Landraub, der Marginalisierung von Kleinbäuerinnen und Hirten, wegen Umweltverschmutzung, Verschuldung und Misswirtschaft.

Eine senegalesische Journalistin nimmt den Auftrag an, sich vor Ort umzuschauen. Aus Sicherheitsgründen will sie nicht genannt werden, auch ihre Quellen müssen anonymisiert werden. Sie beschreibt, dass in Balabougou, wo das Projekt geplant ist, von den grossen Ambitionen wenig zu spüren sei. Das Gelände ist weitgehend unbebaut. Lediglich ein kleiner eingezäunter Bereich mit zwei Containern zeugt vom Projekt, das bereits 2023 hätte starten sollen. Die Dorfältesten erinnern sich an offizielle Delegationen zur Projekteröffnung, als Firmen- und Regierungsvertreter ins Dorf kamen. Seither sei kaum etwas passiert.

Die Journalistin kann mit einem Ältesten im Dorf reden. Fotografiert werden will er nicht, aber erzählen will er schon: «Normalerweise haben wir im Dorf ein Komitee, das Verträge aushandelt und unterzeichnet. Bei Agropole Ouest haben wir keine Dokumente zu Gesicht bekommen.» Ein Koordinator einer zivilgesellschaftlichen Gruppe aus einer der betroffenen Gemeinden formulierte es noch klarer: «Das Projekt wurde, wie so viele Grossprojekte, unter Ausschluss der Bevölkerung geplant.»

Das Projektgebiet liegt auf umstrittenem Land: Der Wald von Balabougou ist ein ehemals geschütztes Gebiet, das insbesondere von Hirt:innen als Weide während der Trockenzeit genutzt wurde. 2020 wurde es deklassiert, um Platz für das Projekt zu machen. Das hat Proteste von Bäuerinnen und Hirten ausgelöst. Ein Ältester kritisiert die Deklassierung und den Umstand, dass keine vernünftigen Alternativen geboten wurden: «Diese Hirten hatten berechtigte Anliegen. Man hätte ihnen wenigstens nahe gelegene Standorte für ihre Weiden zuweisen müssen.»

Obwohl die Hirt:innen das Land im Moment noch nutzen könnten, haben viele ihre Herden bereits weggebracht. In einer Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung, die eine Beratungsfirma für die Geldgeber und die Schweizer Exportrisikoversicherung erstellt hatte, wird das Risiko der wirtschaftlichen Vertreibung für Bäuerinnen und Hirten denn auch als «mittel bis erheblich» eingestuft.

Eine Stellungnahme der senegalesischen Regierung zu Agropole Ouest war nicht zu erhalten. Seit März 2024 durchlebt der Senegal eine politisch heikle Phase; bei jüngsten Konflikten geht es unter anderem um den Umgang mit der schweren, versteckten Schuldenlast der Vorgängerregierung. In diesem Klima schweigen Regierungsvertreter:innen zu politisch sensiblen Projekten wie Agropole Ouest.

Israelische Geopolitik

Gerade für Länder, die stark verschuldet sind, ist Mitrelli attraktiv: Das Unternehmen bietet nicht nur die Umsetzung von Projekten an, sondern liefert die Finanzierung gleich mit – abgesichert durch die SERV. Dazu nehmen die afrikanischen Staaten Schulden auf beim Unternehmen Luminar – das Teil des Mitrelli-Netzwerks ist – oder bei von Mitrelli vermittelten Banken. Luminar verspricht «schnelle, massgeschneiderte Finanzierungslösungen».

In Angola läuft Mitrellis Modell so: Der Staat leiht Geld von Luminar. Die Bedingung für diesen Kredit ist, dass der Staat damit durch ein sogenanntes vereinfachtes Vergabeverfahren Aufträge an Mitrelli vergibt. Auch im Senegal, bei Agropole Ouest, zeigt sich das Modell von Mitrelli: Ein einziger Auftragnehmer kontrolliert Finanzierung, Planung und Umsetzung. Solche Konstellationen würden ein Risiko für Korruption und staatliche Überschuldung bergen, erklärt Peter Bosshard, ein Schweizer Experte für Exportrisikoversicherungen. Auftragnehmer können günstig anbieten und Kostensteigerungen später auf die Regierungen abwälzen. Der Auftragnehmer verdient, egal ob das Projekt gelingt oder nicht. Scheitert ein Projekt, so bleibt am Ende die Regierung mit den Schulden zurück.

Mitrelli hat ein politisches Profil, das über die Geschäfte in Afrika hinausgeht. Gründer Haim Taib positioniert sich explizit geopolitisch. Er gründete 2024 einen Thinktank zu israelisch-afrikanischen Beziehungen. Auf dessen Website heisst es, Afrika sei für Israel strategisch bedeutsam – weit über Handel und Investitionen hinaus. Diese Zusammenarbeit sei in beider Interesse, erklärte Taib der «Jerusalem Post»: «Es ist eine von Israels grössten Herausforderungen, Unterstützung von afrikanischen Ländern in der Uno zu gewinnen.» Die israelische Position in Afrika müsse gestärkt werden – besonders in Sektoren, in denen Israel technologisch stark sei, darunter Landwirtschaft.

Yotam Gidron von der belgischen Universität Leuven hat Israels historische und gegenwärtige Beziehungen zu Afrika in einem Buch untersucht. Er stellt fest: Der israelische Einfluss läuft oft über Geschäftsleute. «Taib oder andere Unternehmer sind als Akteure weit bedeutender als das Aussenministerium.»

Mitrellis Kombination aus landwirtschaftlichen Investitionen und Diplomatie sei typisch für zahlreiche israelische Agrarunternehmen, argumentiert auch die auf Landwirtschaft spezialisierte NGO Grain. Sie seien eng mit dem Militär, Sicherheitsdienstleistern und der politischen Elite Israels verbunden. Ihre Geschäftsbeziehungen in Afrika würden auch dazu benutzt, Waffen und Überwachungstechnologie zu verkaufen (vgl. «Dasselbe Gesicht, andere Briefköpfe» im Anschluss an diesen Text).

Die ivorische Justiz ermittelt

In Côte d’Ivoire ermittelt ein Untersuchungsgericht wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und Geldwäsche gegen Mitrelli, wie Ende April bekannt wurde. Eine Tochterfirma des Konzerns erhielt 2020 vom Staat einen Auftrag zur Wasserversorgung in der Höhe von umgerechnet 140 Millionen Franken. Das Investigativportal «Enquête Media» beschreibt das Projekt im März 2026 als «Friedhof für lokale Unternehmen», die jetzt auf einem Berg unbezahlter Rechnungen sitzen und bedroht werden. Die Ermittler:innen vermuten, dass internationale Kredite abgezweigt wurden.

Taki Bouanzi, der Direktor von «Enquête Media», befürchtet, die Mitrelli-Verantwortlichen könnten dank ihrer Beziehungen zur ivorischen Politik davonkommen. «Wie kann es sein, dass Personen wegen so schwerwiegender Straftaten angeklagt werden, aber weder gibt es einen Haftbefehl, noch wurden Konten eingefroren?», fragt er.

Mitrellis Geschäftstätigkeit in Afrika zeigt: Das Unternehmen profitiert vom guten Ruf der Schweiz. Vor Ort bleibt das Versprechen auf Entwicklung oft leer. Im schlechtesten Fall bleibt der Staat auf den Schulden sitzen. ●

Die Autor:innen sind Mitglieder des Recherchekollektivs WAV.

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Diese Recherche wurde mit Unterstützung von JournaFONDS realisiert. www.journafonds.ch

Mitrelli und Überwachungstechnologie : Dasselbe Gesicht, andere Briefköpfe

Auch wenn Mitrelli und sein Gründer Haim Taib den Fokus heute auf Agrar- und Infrastrukturprojekte legen, haben sie noch immer Verbindungen zu sicherheitsrelevanten Dienstleistungen – insbesondere im Cyberbereich. Ein Beispiel dafür ist New Cognito. Bis Mai 2025 war das Cybersicherheitsunternehmen, das afrikanische Regierungen beliefert, eine direkte Mitrelli-Tochter. Dann wurde es an ein anderes Unternehmen unter Taibs Kontrolle übertragen.

Rui Santos Verde forscht am African Studies Centre der Universität Oxford und hat für die Menschenrechtsorganisation Maka Angola die elektronische Überwachung in Angola untersucht. In einem Bericht schreibt er, dass Taib 2012 zum wichtigsten Lieferanten israelischer Militär- und Sicherheitsausrüstung für Angola geworden sei – und diese werde in Angola missbräuchlich eingesetzt. Verde bringt die von Mitrelli gelieferte Technologie direkt mit der Überwachung mindestens eines Journalisten in Verbindung.

Mehrere Quellen zeigen zudem eine Verbindung, die zu Militärgeschäften führt: Demnach ist eine Firma namens HSLI eng mit Mitrelli verflochten und fungiert als Verbindungsglied zwischen zivilen und sicherheitsnahen Diensten in verschiedenen Ländern. Bei einem nigerianischen Regierungsprogramm gegen Piraterie ging es etwa um einen Auftrag über umgerechnet 190 Millionen Franken an HSLI. Ein ehemaliger israelischer Offizier amtete als HSLI-Entwicklungsdirektor, war aber auch gleichzeitig Manager bei Mitrelli. Dieselben Gesichter nutzen je nach Geschäft verschiedene Briefköpfe. Im Firmennetzwerk um Mitrelli vermischt sich damit die Grenze zwischen ziviler Entwicklung und Sicherheitsleistungen.

Die Exportrisikoversicherung : Kennt die SERV die Komplexität von Mitrelli?

Sie ist eine bundeseigene Anstalt und versichert Exportrisiken, die private Kreditgeber allein nicht tragen wollen – insbesondere wegen politischer Risiken in Ländern mit schlechter Bonität oder instabiler Regierungsführung. Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (SERV) finanziert sich über Prämieneinnahmen, verfügt aber über eine Staatsgarantie: Im Verlustfall trägt der Bund das Risiko.

Projekte in politisch heiklem Umfeld verlangen besonders gründliche menschenrechtliche Prüfungen. Diese werden in der Regel durch Beratungsunternehmen, die von den exportierenden Unternehmen angeheuert wurden, vorgenommen. Peter Bosshard ist Vorstandsmitglied von Amnesty Schweiz und ein langjähriger Beobachter von Exportrisikoversicherungen. Er bezweifelt, dass diese Prüfungen je wirklich ausreichen. «Da Beratungsunternehmen für solche Prüfungen stark auf Folgeaufträge angewiesen sind, werden sie kaum je zum Schluss kommen, ein Projekt sollte nicht realisiert werden.»

Zwei Mitrelli-Projekte im Senegal und in Angola werden von der SERV mit insgesamt 168 Millionen Franken abgesichert; einem weiteren Projekt in Angola hat die SERV ebenfalls eine Absicherung zugesagt. Für Agropole Ouest im Senegal hatte die SERV grünes Licht gegeben, und Mitrelli konnte so die Deutsche Bank für das Projekt gewinnen: Diese sagte dem senegalesischen Staat einen Kredit zu, dessen Rückzahlungsrisiko die SERV versichert hätte.

Ende 2025 verschwand Agropole Ouest jedoch von der SERV-Projektliste – trotz Nachfrage bleibt unklar, ob das am Projekt lag oder an der Schuldenkrise des Senegal. Die SERV sagt lediglich: Für das Projekt habe es eine grundsätzliche Versicherungszusage gegeben, und diese sei nicht verlängert worden.

Auf Fragen zu Mitrelli verweist die Exportrisikoversicherung auf ihre Richtlinien und ihren gesetzlichen Auftrag, der eine Förderung von Projekten wie diejenigen des Konzerns erlaubt. Da die Prüfberichte nicht öffentlich sind, lässt sich nicht herausfinden, ob die SERV die Komplexität des Mitrelli-Geflechts – die sicherheitsnahen Tätigkeiten, die umstrittene Geschichte in Angola, die politischen Verbindungen nach Israel – in ihrer Risikoprüfung berücksichtigt hat. Der ivorische Journalist Taki Bouanzi hat eine klare Forderung an die Schweiz: «Wenn es den Schweizer Institutionen ernst ist mit der guten Regierungsführung, müssen sie Mitrelli untersuchen – und die Konsequenzen ziehen.»