Kunst : Ein Ausweg liegt im Bild
Drei Ausstellungen eröffnen neue Perspektiven auf Ausgrenzungs- und Gewaltgeschichten. Die Kunst wird dabei zum Labor einer Befreiung.
Zwei Frauenpaare in bodenlangen, hochgeschlossenen Kleidern: Sie umarmen sich etwas steif, lächeln verhalten unter den säuberlich hochgesteckten Haaren. Die intimste Begegnung scheint am Fussende ihrer Körper stattzufinden: die Schuhspitzen berühren sich sanft. Eine andere junge Frau sitzt anmutig auf weissem Grund, vor ihr ein auf den Boden gemaltes Wasserloch, hinter ihr eine Tapete. Die Frau ist von Kopf bis Fuss eingehüllt in bunte Stoffe und umgeben von Kunstschnee, ausgestopften roten Vögeln und einer Schneeeulenattrappe. Das einzige Nichtkünstliche: ihr frontaler Blick in die Kamera. Und noch ein Bild: In einem ausladenden, farbenfrohen Schönheitssalon gehen Schwarze Menschen entspannt ihren Verrichtungen nach. Erst auf den zweiten Blick erkennt man als Kinderspielzeug zu ihren Füssen eine merkwürdige Scheibe mit dem blond-rosaroten Abbild einer weissen Frau.
Die Bilder stammen aus drei inhaltlich ganz unterschiedlichen Ausstellungen. Die erste befasst sich mit historischen Darstellungen von Homosexualität in der Kunst, die zweite mit antikolonialen Bildwelten, die dritte mit dem US-Maler Kerry James Marshall, der Schwarze Lebenswelten mit eigenwilligen Twists auf die Leinwand bringt. Und selbstverständlich ist es etwas kühn, diese Ausstellungen im Kunstmuseum Basel, im Zürcher Museum Rietberg und im Kunsthaus Zürich in einem Atemzug zusammenzudenken.
Gottlos und überirdisch
Aber das Zusammendenken schärft auch den Blick: für versteckte Codes als gemeinschaftsstiftende Schmuggelware; für die immense Bedeutung von Sichtbarkeit und ihre Abhängigkeit von Repräsentationen; für das gottlose, aber überirdische Talent der Kunst, uns aus den Sackgassen der Realität zu retten. Alle drei Ausstellungen – und das ist sicher ihre wichtigste Gemeinsamkeit – drehen sich um Geschichten von Gewalt, Ausgrenzung und Entrechtung. Sie verdrängen oder verharmlosen diese Geschichte(n) keineswegs. Aber sie lassen sich von der Gewalt auch nicht lähmen und definieren. Oft verrücken die Werke in diesen Ausstellungen einfach die Perspektive. Oder sie lassen uns wie durch ein Schlüsselloch in ein Paralleluniversum blicken, wo andere Regeln gelten: wo Dargestellte zu selbstbewussten Darsteller:innen werden – und für einmal nicht die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft die Eingeweihten sind.
So wie auf dem Schwarzweissfoto mit den zwei Frauenpaaren: Die Fotografin Alice Austen hat sich per Selbstauslöser selber mit abgebildet. Das inszenierte Viererporträt trägt den Titel «The Darned Club» (Der verflixte Klub): eine argwöhnische Fremdzuschreibung für Austens «Wohngemeinschaft» von «Freundinnen» in ihrem Haus auf Staten Island gegenüber von Manhattan. Die Frauen eigneten sich das Label flugs an. Worte wie «Freundinnen» und «Zimmergenossinnen» ebenso wie die sich berührenden Fussspitzen sind weitere lesbische Codes.
Ein glitzerndes Gewand
«The Darned Club» kann so stellvertretend für viele Werke der Ausstellung «The First Homosexuals» in Basel stehen. Sie zeigen die subversive Kraft, aber auch die Selbstverständlichkeit von homosexuellen Gemeinschaften und Identitäten in den Jahrzehnten vor und nach 1900. Die Kunst hielt für den damals noch neuen Begriff «homosexuell» viele Zeichen und Verkörperungen bereit, diente homosexuellen Künstler:innen auch als Spiegel und Medium der Selbstdarstellung, konterte verstockte Moralvorstellungen mit Unbefangenheit. Hass und Strafverfolgung bleiben in den ausgewählten Werken weitgehend ausgespart. Eine befreite Wirklichkeit ersteht – wenigstens für die Dauer eines Ausstellungsbesuchs.
Ganz ähnlich die Frau am Wasserloch: Auch hier handelt es sich um die Künstlerin selbst. Mit ihrer Inszenierung parodiert Wendy Red Star klischierte Darstellungen indigener Menschen, die im Kanon von Kunst und Popkultur bis heute mit den immer gleichen Kleidern, Accessoires, Landschaften gezeigt werden. Red Star betont die Künstlichkeit dieser Arrangements und emanzipiert sich mit ihrem Blick und ironischer Pose zugleich souverän von der Fremdbestimmung. Im Museum Rietberg sticht auch die Arbeit des senegalesischen Fotografen Omar Victor Diop ins Auge: Gemeinsam mit dem britischen Filmemacher Lee Shulman hat er sich selbst technisch perfekt in Familienfotos und andere Schnappschüsse des US-Mittelstands aus den 1950er Jahren hineinmontiert. Dort strahlt er nun mit seiner weissen Umgebung um die Wette.
Auf eine andere Art eindrücklich sind die ästhetischen Interventionen von Sasha Huber. Sie hat die rassistischen Fotografien des Schweizer Naturforschers Louis Agassiz mit Abertausenden von Heftklammern versilbert und hüllt so die einst böswillig blossgestellten Sujets in glitzernde symbolische Gewänder aus Schmerz, Schutz und Schönheit. Solche Verfahren wie auch der doppeldeutige Ausstellungstitel «Fast ein Paradies» lassen die Kunst zur utopischen Gegenwelt werden, wo traumatische erdenschwere Wirklichkeit mit den Mitteln der Ästhetik temporär entfesselt und verwandelt wird.
Die vielleicht komplexeste Ausgestaltung von Kunst als befreiter Realität schafft der US-Maler Kerry James Marshall im Kunsthaus Zürich. Das bereits erwähnte Gemälde «School of Beauty, School of Culture» zeigt Marshalls typischen Stil aus figurativer Malerei und kunstgeschichtlichen Verweisen, in diesem Fall auf Hans Holbeins Gemälde «Die Gesandten»: Die Scheibe zu deren noblen Füssen ist ein flach gepresster Schädel, anamorphes Symbol der Vergänglichkeit. Bei Marshall wird die Scheibe zum platt gewalzten Spielball mit einem klischierten weissen Schönheitsideal. Seine Gesandten: der selbstbewusst aufgebrezelte Schwarze Mittelstand.
Ein Bett im Morgengrauen
Die schwarzen Farben, die Marshall in seinen Bildern verwendet, sind – wie alle anderen verwendeten Farben auch – das Resultat von Mischoperationen. Die so entstehenden schwarzen Farbtöne reflektieren Licht, schimmern sanft oder brennen Löcher in die Leinwand, je nach Blickwinkel. Es sind jedenfalls keine natürlichen Hautfarben, sondern bewusste Fiktionen, die unsere Wahrnehmung auf die Probe stellen, ein Spiel um Sichtbarkeiten und Zuschreibungen entfachen.
Die Literaturwissenschaftlerin Saidiya Hartman hat für solche Strategien den Begriff der «kritischen Fabulation» geprägt. Er taucht interessanterweise sowohl in den Begleittexten zur Ausstellung im Museum Rietberg wie auch zu derjenigen im Kunsthaus auf. Hartman versteht darunter die einzigartige Möglichkeit von Literatur und Kunst, Realität nicht einfach abzubilden, sondern kritisch zu verschieben. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu anzuordnen; Lücken zu füllen; Alternativen zu imaginieren.
Wie in Marshalls «Black Painting»: Aus einer auf den ersten Blick fast monochromen grauschwarzen Fläche schält sich ein Bett im Morgengrauen. Ein Wandtext gibt den Hinweis, es könnte sich beim schlafenden Paar um den Bürgerrechtsaktivisten Fred Hampton und seine schwangere Partnerin handeln, kurz bevor im Dezember 1969 ein Polizeikommando ihre Wohnung stürmte und Hampton erschoss. Doch mit dem Buch von Angela Davis, das Marshall quasi als Abwehrzauber auf den Nachttisch gemalt hat, rettet er das Paar (und auch die aufmerksamen Bildbetrachter:innen) vor diesem Blutbad: «If They Come in the Morning» erschien erst 1971. Er begreife Kunst weniger als «Mittel zur politischen Mobilisierung», hat Marshall einmal gesagt. Viel eher sehe er in ihr das «Potenzial, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge zu lenken».
Selber lenkt er mit seinem Werk das Augenmerk auf das Fehlen von Schwarzen in Kunstmuseen und Kunsthochschulen, aber auch auf das ganz normale Alltagsleben von Afroamerikaner:innen. Er stockt auch die Ahnengalerien auf: mit hintergründigen Porträts von Schwarzen Freiheitskämpferinnen, Sportlern, Pin-ups, aber auch Kollaborateuren im Sklav:innenhandel. Seine Bilder, stilistisch angelehnt an die Historienmalerei, sind oberflächlich leicht zu entziffern. Umso gewichtiger wirken Details und Kontexte. Marshalls Kraftakt: Schwarze Geschichte mit all ihren Schattierungen in den fast ausschliesslich weissen Kanon hineinzumalen. Und dabei strategisch heiter zu bleiben.
Wenn man durch die Ausstellung «Fast ein Paradies» geht, hört man immer wieder das Lachen aus der Videoarbeit «First Impressions» von Yuki Kihara, in der sechs Frauen Paul Gauguins exotistische Porträts von «Südseeschönheiten» einer gnadenlos witzigen Kritik unterziehen. Selbstverständlich kann dieses ausgelassene Lachen Jahrhunderte von Gewalt nicht einfach aushebeln. Aber es hat doch die Macht, sie wenigstens für ein paar Minuten zu übertönen. Auch «Schönheit ohne Schrecken und Gewalt» (Kimberly Juanita Brown) ist ein Menschenrecht. ●
▶ «The First Homosexuals» ist bis am 2. August 2026 im Kunstmuseum Basel zu sehen, «Fast ein Paradies» bis am 6. September 2026 im Museum Rietberg in Zürich, Kerry James Marshalls «The Histories / Geschichte(n)» bis am 16. August 2026 im Kunsthaus Zürich.