Leitartikel : Mehr Zeit für alle

Nr. 24 –

Zum 14. Juni: Teilzeit-Bashing zeugt vom einfallslosen Aufbäumen des patriarchalen Neoliberalismus, meint Merièm Strupler.

Es ist eine Frage der Zeit. Und wer darüber verfügt – das machte die Debatte über Teilzeitarbeit, wie sie jüngst in den Medien zirkulierte, deutlich –, ist eine Frage der Macht.

So war es Anfang Jahr Friedrich Merz, deutscher Bundeskanzler und ehemaliger Aufsichtsratschef von Blackrock, dem grössten Vermögensverwalter der Welt, der den neusten konservativen Kulturkampfbegriff prägte: die «Lifestyle-Teilzeit». Mit einer «Viertagewoche» und «Work-Life-Balance», spottete Merz, lasse sich der Wohlstand des Landes nicht erhalten. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) griff die Wortschöpfung sogleich auf: «Lifestyle-Teilzeit», so ein SAV-Bericht Mitte April, bedeute – insbesondere bei den über Fünfzigjährigen – grosses «ungenutztes Arbeitskräftepotenzial».

Nun stellt sich natürlich die Frage, wessen «Arbeitskraftpotenzial» hierbei für wessen Wohlstand «genutzt» werden soll. Und ob sich kollektiver Reichtum nicht vielmehr dadurch auszeichnet, möglichst frei über die begrenzte Ressource der eigenen Zeit bestimmen zu können. Arbeitszeitverkürzung gehört seit jeher zu den zentralen linken Errungenschaften, ist doch der Achtstundentag eine der ältesten Forderungen der Arbeiter:innenbewegung.

«Die Arbeitgeber wollen die hiesige Arbeitswelt noch weiter zugunsten des Kapitals umbauen», folgerte das Magazin «Jacobin» aus der aktuellen Debatte. Dafür bedürfe es einer Abwertung von allem, was nicht direkt Umsatz erzeuge: «Fürsorge, Regeneration und Müssiggang – kurzum: das Leben.» Lohnarbeit und unbezahlte Arbeit lassen sich ohnehin nicht losgelöst betrachten. Rosa Luxemburg stellte schon fest, dass der Kapitalismus für sein Funktionieren auf Sphären ausserhalb von Produktion und Lohnarbeit angewiesen ist – eine Analyse, die spätere Feminist:innen mit Blick auf unbezahlte Reproduktionsarbeit weiterentwickelten. Würden sich die Frauen, so die Autorin Laurie Penny, ihrer Macht bewusst: Die Weltwirtschaft bräche über Nacht zusammen.

Hinter jeder Vollzeitstelle verbirgt sich schliesslich eine globale Sorgekette, die sicherstellt, dass kleine Kinder betreut, ältere Menschen versorgt, Wohnungen und Büros sauber und Mahlzeiten zubereitet sind. Dahinter steht: schlecht und nicht bezahlte Arbeit. Dass hierzulande die Teilzeitarbeit seit 1991 zugenommen hat, liegt denn vor allem auch daran, dass mehr Frauen – neben der Haushalts- und Sorgearbeit wohlgemerkt – einer Lohnarbeit nachgehen.

So zeugt das Teilzeit-Bashing in erster Linie vom Klassenkampf von oben, vom einfallslosen Aufbäumen eines patriarchalen Neoliberalismus – gegenüber einer Gesellschaft, die dessen Versprechen kaum mehr glaubt. Es konterkariert die feministische Bewegung, die am 14. Juni 1991 und 2019 mit je einer halben Million Demonstrant:innen die grössten Mobilisierungen seit dem Landesstreik 1918 auf die Strassen brachte. Und die zum Care-Streik 2027 ruft – «Es wird gross!».

Im Wissen darum, dass gegenseitige Fürsorge die Welt zusammenhält und tiefer Schlaf, gutes Essen und In-der-Sonne-Liegen tatsächlich enorm viel Glück verschaffen, sind es die feministischen Zeitkonzepte, die in Richtung Zukunft weisen. So wie sie etwa die Philosophin Frigga Haug mit ihrem Vier-in-einem-Konzept skizziert: Pro Tag je vier Stunden Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Kultur und politisches Engagement – für alle.

«Zeit ist kein Luxus, sondern durch und durch politisch», argumentiert die Autorin Teresa Bücker in ihrem Buch «Alle_Zeit» und plädiert für mehr Zeitgerechtigkeit. Denn wie bei jeder wichtigen Ressource kommt es auf die Verteilung an. ●