Marjane Satrapi (1969–2026) : Leben zeichnen

Nr. 24 –

Humorvoll und gnadenlos: Marjane Satrapi hat mit ihren Comics der Welt den Iran nähergebracht.

Portraitfoto von Marjane Satrapi
«Du kannst hier heute nicht so leben, wie du leben sollst», sagte ihre Mutter im Iran. Nun ist Marjane Satrapi im französischen Exil gestorben. Mike Marsland, Getty

1980, ein Jahr nach der Islamischen Revolution, wird in den iranischen Schulen die Kopftuchpflicht für Mädchen eingeführt. Da ist Marjane Satrapi zehn Jahre alt, sie schwitzt unter der ungewohnten Kopfbedeckung und versteht nicht recht, wieso Buben und Mädchen auf einmal getrennt zur Schule müssen: So beginnt «Persepolis», Satrapis autofiktionaler Comic über ihre Kindheit und Jugend im Iran. Der erste Band erschien 2000 auf Französisch. Er hat die Zeichnerin und spätere Filmemacherin weltberühmt gemacht und liest sich gerade jetzt wieder, zwischen Kriegs- und Repressionsschlagzeilen, mit ungemeinem Gewinn. Satrapi hat den Iran geliebt und mit ihm gelitten. In ihren Comics hat sie ihn gnadenlos, detailreich und humorvoll beschrieben.

Für politische Kunst interessiere sie sich nicht, sagte Satrapi 2007 zum Erscheinen der tollen Filmversion von «Persepolis» gegenüber dem «Magazin», «für Werke mit einer Botschaft, wo man Missstände denunziert, Wimpel schwenkt, Ideale kolportiert». Über die iranische Revolution, den Krieg, die Unterdrückung durch die Mullahs habe die Welt schon zuvor Bescheid gewusst. Ihr sei es wichtiger, sich zu erinnern, präzise zu schildern, «wie es gewesen ist».

Die Schwester der Fantasie

Präzise schildern, wie es gewesen ist: Satrapi erzählt die Geschichte des Iran ihrem Leben entlang. Oder ist es umgekehrt? 1969 kommt sie in Rascht am Kaspischen Meer zur Welt, wächst in Teheran auf. Linke Eltern, Mittelschichtsfamilie. Satrapi zeichnet sich als widerspenstiges Kind, als eigenwillige Jugendliche. Reiht Anekdoten aneinander, von denen aus sich Weltpolitisches und Persönliches entspinnt. Sowieso ist das alles miteinander verwoben. Erinnerungen wie jene an ihren Onkel, der als Kommunist unter dem Schah neun Jahre im Gefängnis sitzt und nach der Revolution von den Mullahs als angeblich sowjetischer Spion hingerichtet wird; Erinnerungen an Demonstrationen, Repression und Widerstand. Ebenso an erste Joints, Feste und Küsse, an Streit mit den Eltern, Schminkunfälle. Das mag mit ein Grund sein, wieso «Persepolis» so erfolgreich und anschlussfähig ist, in 25 Sprachen übersetzt und als Filmadaption für einen Oscar nominiert wird: Sich abgrenzen, verlieren, ausprobieren – das sind globale Erfahrungen, auch wenn die Umstände überall verschieden sind. Coming-of-Age in Teheran, dann bald im Exil.

1984 verlässt Satrapi den Iran zum ersten Mal, geht nach Wien und dort vier Jahre aufs französische Gymnasium. Sie lebt zuerst bei katholischen Ordensschwestern, mit denen sie sich rasch zerstreitet (in allen Religionen finde man dieselben Extremisten, heisst es dazu in «Persepolis»), dann in einer Schwulen-WG. Immer wieder sehr lustig, wie diese Jahre beschrieben werden. Und traurig, zum Beispiel wenn am Telefon mit den Eltern in Teheran vieles unausgesprochen bleibt: Einiges würden diese kaum ertragen (den punkigen Haarschnitt, das viele Kiffen), manches gar nicht verstehen. Umgekehrt sparen auch die Eltern einiges aus, wenn sie vom Leben im Iran erzählen.

Dass «Persepolis» im Exil entstanden ist, merkt man nicht nur an der Offenheit, mit der Satrapi erzählt. Sondern auch an der immer durchschimmernden Sehnsucht, an der Sorgfalt, mit der sie sich ihren Erinnerungen zuwendet. Und an dieser grossen Lust am Erzählen und Fabulieren: Die Erinnerung, so hat sie es einmal formuliert, sei die Schwester der Fantasie.

Der Haaransatz lugt hervor

Manchmal fehlen die Worte ganz, gerade da, wo es am brutalsten wird: als die Polizei ein Fest bei einer Freundin aufspürt etwa, einige Gäste über die Dächer jagt, bis einer vom Haus stürzt und stirbt. Das geschieht in jener Zeit, in der Satrapi noch einmal in Teheran lebt, zwischen 1988 und 1994. Sie studiert visuelle Kommunikation, heiratet und lässt sich wieder scheiden, bevor sie das Land für immer verlässt. «Du kannst hier heute nicht so leben, wie du leben sollst. Ich verbiete dir, zurückzukommen», sagt die Mutter am Flughafen zu ihr, zweitletztes Panel von «Persepolis». Im letzten sieht man Marjane lächelnd winken, Zuversicht im Gesicht, der Haaransatz lugt unter dem Kopftuch hervor (auch bei Mutter und Grossmutter sind ein paar Strähnen zu sehen: So tragen jene ihr Kopftuch, die ihre Opposition zum Regime zeigen wollen).

Satrapi geht nach Strassburg, dann nach Paris. 2009 schreibt sie in der «New York Times», dass sie sich mittlerweile schon auch französisch fühle, die Stadt Paris und deren «unbeschreibliche Schönheit» liebe, Teheran mit «aller Hässlichkeit» für sie aber für immer «die ‹Braut› aller Städte der Welt» bleiben werde: «Das Wort ‹Heimat› hat nur eine Bedeutung: Iran.» Einmal wieder im Iran leben, das nimmt sie sich hier vor: hoffnungsvoll oder eher beschwörend. 2023 gibt sie den Comicband «Frau, Leben, Freiheit» mit heraus, in Gedenken an die ermordete Mahsa Amini und für die Freiheitsbewegung und um wiederum einem westlichen Publikum die Vorgänge im Iran näherzubringen.

Am 4. Juni stirbt Marjane Satrapi in Paris. An Traurigkeit, wie ihr Umfeld bekannt gibt, nachdem die «Liebe ihres Lebens», der schwedische Schauspieler Mattias Ripa, ein Jahr zuvor gestorben war. Sie wird 56 Jahre alt. ●