Ökokommunismus : «Wir brauchen einen dunklen Sozialismus»
Krieg, Spaltung und der Aufstieg der Techoligarchen seien Symptome des untergehenden Kapitalismus, sagt der japanische Philosoph Kohei Saito. Und er weiss eine Antwort darauf.
WOZ: Kohei Saito, Sie vertreten die These, dass der Kapitalismus seinem baldigen Ende entgegengeht. Bis jetzt hält er sich wacker. Was macht Sie dennoch so sicher?
Kohei Saito: Ich sage nicht, dass der Kapitalismus automatisch endet. Dafür braucht es politisches Handeln. Aber wenn wir ihn nicht überwinden, wird unsere Zivilisation kollabieren – und mit ihr der Kapitalismus. Schon heute ist offensichtlich, dass selbst minimale Klimaziele nicht mit ihm vereinbar sind. Deshalb müssen wir endlich aufhören, einzelne Probleme des Systems reformieren oder reparieren zu wollen. Es ist Zeit, darüber zu diskutieren, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die nicht auf unendlicher Akkumulation basiert.
WOZ: Das durch den Kapitalismus getragene Wirtschaftswachstum hat auch Milliarden Menschen aus der Armut gehoben.
Kohei Saito: Wirtschaftswachstum ist nicht immer schlecht. Viele Länder in Lateinamerika oder Afrika sind weiterhin darauf angewiesen, in gewissem Mass auch China. Gerade in den ländlichen Regionen dort sind die Menschen noch sehr arm. Aber brauchen wir wirklich mehr Wachstum in Schanghai oder in Europa? Das Problem ist: Der Kapitalismus orientiert sich am Profit. Produziert wird, was Gewinne verspricht – nicht, was notwendig oder gesellschaftlich sinnvoll wäre. Wir schaffen Produkte, die den Planeten zerstören, uns sogar unglücklicher machen. Ab einem gewissen Punkt löst Wirtschaftswachstum keine Probleme mehr, sondern schafft neue.
Der politische Theoretiker
Kohei Saito ist Assistenzprofessor für Philosophie an der Universität Tokio und forscht zu Ökologie und politischer Ökonomie aus marxistischer Perspektive. Mit «Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus» landete er 2020 einen Überraschungsbestseller – allein in Japan verkaufte er sich über eine halbe Million Mal. Sein neues Buch «Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus» (DTV-Verlag) ist diese Woche auf Deutsch erschienen.
WOZ: In «Systemsturz» plädierten Sie für die Überwindung des Systems durch einen Degrowth-Kommunismus, um das Schlimmste zu verhindern – für ein geordnetes Zurückfahren der Produktion unter marxistischen Rahmenbedingungen. Ihr neues Buch wirkt nun, als hätten Sie diese Hoffnung aufgegeben. Was ist passiert?
Kohei Saito: Es ist viel passiert. Als «Systemsturz» 2020 in Japan erschien, war ich deutlich optimistischer. Es war die Zeit der Pandemie. Vielerorts wurde darüber diskutiert, wie nach der Krise eine bessere Gesellschaft entstehen könnte. Plötzlich standen systemrelevante Berufe, Care-Arbeit und Nachhaltigkeit im Zentrum. Es herrschte eine gewisse Aufbruchstimmung. Es hiess: Die nächste grosse Herausforderung ist der Klimawandel – lasst uns nicht einfach zum Alten zurückkehren. Dann kamen die Kriege in der Ukraine, in Gaza und dem Iran sowie der Aufstieg von Donald Trump. Die Welt bewegt sich immer stärker in Richtung Spaltung und Konflikt. Gleichzeitig scheitern wir krachend bei den Klimazielen. Wir steuern auf mehr als zwei, vielleicht drei Grad Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts zu. Instabilität, politische Konflikte und Fluchtbewegungen werden sich dadurch weiter verschärfen. Ein gewisses Mass an Barbarei erscheint mir inzwischen unvermeidlich. Es geht nicht mehr um Emanzipation vom Kapitalismus, sondern um die unangenehme Anpassung an die permanente Krise des Klimakollapses.
WOZ: Das klingt ziemlich düster.
Kohei Saito: Natürlich hätte ich lieber etwas Optimistischeres geschrieben (lacht). Man kann auch hoffen, dass die KI uns rettet. Aber diese wiederum verbraucht enorme Mengen an Energie und konzentriert noch mehr Macht in den Händen weniger Konzerne und Milliardäre. Diesen ist letztlich egal, ob die Mehrheit leidet. So funktioniert die Welt derzeit.
WOZ: In Ihrem Buch vergleichen Sie die Gegenwart mit den 1920er Jahren. Wie hängt das Ende des Kapitalismus mit dem Comeback des Faschismus zusammen?
Kohei Saito: Seit dem Ende der Sowjetunion lebten wir in einer vergleichsweise friedlichen Phase, geprägt von Demokratie, Wirtschaftswachstum und Globalisierung. Doch Letztere hat das Leben vieler Menschen zerstört. Wirtschaftliche und soziale Unsicherheit nahmen zu, Gemeinschaften und Traditionen gingen verloren. Viele fühlen sich entwurzelt und abgehängt. Diese Angst wird politisch mobilisiert – gegen Migrant:innen und andere Minderheiten. Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Faschismus sind letztlich Reaktionen auf die Krisen des Kapitalismus. Auch die Zwischenkriegszeit war von Inflation und Wirtschaftskrisen geplagt, was dem Faschismus den Weg ebnete. Wir leben in einem Moment, der jener Zeit beunruhigend ähnelt.
WOZ: Was ist da zu tun?
Kohei Saito: Ich glaube nicht, dass sich diese Entwicklung stoppen lässt, indem wir abstrakt über Diversität oder Demokratie sprechen. Wie der Ökonom Thomas Piketty sagt: Die Sozialdemokratie antwortet heute nicht mehr auf die Angst und Unsicherheit vieler Arbeiter:innen. Stattdessen wird sie zunehmend zu einem Projekt der Eliten. Deshalb müssen wir paradoxerweise etwas von unseren Gegner:innen lernen. Trump reagiert auf die Angst einer abgehängten Arbeiter:innenklasse. Seine Antworten sind natürlich problematisch, aber er hat erkannt, dass die bisherige Form der Globalisierung an ihr Ende gekommen ist: Das Fortschrittsnarrativ zerbricht. Progressive Kräfte müssen akzeptieren, dass die Zukunft stärker von Konflikten und Krisen geprägt sein wird. Deshalb schlage ich in meinem Buch die sozialistische und ökologische Version einer Kriegswirtschaft vor – ähnlich der, die Grossbritannien im Zweiten Weltkrieg verfolgte.
WOZ: In Ihrer ökologischen Kriegswirtschaft würde die gesamte wirtschaftliche Produktion dem Kampf gegen die Klimakrise untergeordnet.
Kohei Saito: Genau. Der Ausnahmezustand ermöglicht Massnahmen, die während Friedenszeiten undenkbar sind. Somit entstünden in einer grünen Kriegswirtschaft auch Spielräume für sozialistische Politik, die Eingriffe in den Marktmechanismus und gesellschaftliche Planung ermöglichen. Der Kapitalismus präsentiert sich ja gern als freier Markt – doch sobald das Wachstum stockt, wird er plötzlich extrem abhängig vom Staatshaushalt. Deutschland etwa erhöht die Militärausgaben, damit die Wirtschaft irgendwie weiterwächst. Warum geben wir so viel Geld für Waffen und andere zerstörerische Industrien aus? Warum investieren wir diese Ressourcen nicht in erneuerbare Energien oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs?
WOZ: Sie sind überzeugter Marxist. Inwiefern hilft Marx uns, das heutige Gesicht des Kapitalismus besser zu verstehen?
Kohei Saito: Die Struktur der digitalen Wirtschaft ähnelt stark dem, was Marx in seiner Theorie der Grundrente beschrieb. Früher monopolisierten Grundbesitzer Land und verlangten Geld für dessen Nutzung. Heute übernehmen Plattformkonzerne diese Rolle. Wer Filme schauen, soziale Medien oder sonstige digitale Dienstleistungen nutzen will, muss eine «Rente» für den Zugang zu digitalen Plattformen zahlen – über Abos und Gebühren oder indem er Werbung akzeptiert. Gleichzeitig sammeln diese Konzerne enorme Mengen an Daten über unser Verhalten: was wir konsumieren, suchen oder mögen. Daraus entsteht ein System digitaler Überwachung und Manipulation, das immer tiefer in unseren Alltag eingreift. Der Kapitalismus entstand einst durch die Einhegung von Land und Ressourcen. Heute erleben wir eine neue Form dieser Einhegung: Der digitale Raum wird zum neuen Grenzland, kontrolliert von wenigen Techgiganten.
WOZ: Wie können wir den autoritären Tendenzen der Techmilliardäre entgegenwirken?
Kohei Saito: Warum will Elon Musk unbedingt zum Mars? Vielleicht, weil er weiss, dass unser Planet zunehmend unbewohnbar wird? Die Techmilliardäre entwickeln Technologien nicht, um allen zu helfen, sondern um ihr eigenes Überleben zu sichern. Die Autorin Naomi Klein nennt das «Endzeitfaschismus». Mein Vorschlag gegen diesen lautet: Wir müssen akzeptieren, dass die Ära des unbegrenzten Fortschritts vorbei ist. Wir brauchen einen «dunklen Sozialismus».
WOZ: Erklären Sie das.
Kohei Saito: Ich nenne ihn dunkel, weil wir zwar weiterhin eine postkapitalistische Gesellschaft aufbauen müssen, allerdings in Zeiten eines ökologischen Zusammenbruchs. Entsprechend bedeutet dunkler Sozialismus zunächst: überleben. Dafür braucht es gesicherten Zugang zu Wohnraum, ÖV, Gesundheit, Bildung und Wasser. Diese Bereiche sollten vergesellschaftet werden. Zweitens müssen wir den Zweck der Wirtschaft verändern: weg von der Profitmaximierung, hin zu essenziellen Gütern und Dienstleistungen, die wir tatsächlich brauchen. Darüber, was überhaupt noch produziert werden soll, müssen wir demokratisch entscheiden. Ich schlage deshalb vor, die Demokratie von der Politik auf die Wirtschaft auszuweiten.
WOZ: Was meinen Sie damit?
Kohei Saito: Heute entscheiden Konzerne und Aktionär:innen allein darüber, in was investiert wird – immer mit Blick auf den Profit. Vielleicht wollen wir aber weniger SUVs und dafür mehr Parks, Bibliotheken oder Freizeit. Diese Debatte fehlt im Kapitalismus, weil letztlich alles dem Wirtschaftswachstum untergeordnet wird und menschliche Bedürfnisse auf Profitabilität und Preise reduziert werden. Daraus entstehen Entfremdung, ökologische Zerstörung und soziale Unzufriedenheit. Dunkler Sozialismus versucht, menschliche Bedürfnisse wieder ins Zentrum zu rücken – während des Klimakollapses.
WOZ: Und wie kommen wir dort hin?
Kohei Saito: Durch die bereits erwähnte ökologische Kriegswirtschaft. Das kann auch Zwangsmassnahmen wie Verbote, Regulierung oder Enteignungen bedeuten. Das macht vielen Angst, und für Liberale ist es ein Tabu. Doch aus marxistischer Perspektive kann man durchaus über solche Massnahmen sprechen. Die Regierung von Gustavo Petro in Kolumbien etwa hat beschlossen, keine neuen fossilen Projekte mehr zu genehmigen. Manche kritisieren das als autoritär. Aber es zeigt, dass demokratische Gesellschaften durchaus in der Lage sind, kollektive ökologische Grenzen durchzusetzen. ●