PFAS in Appenzeller Böden : Klärschlamm für die Ewigkeit
In der Nordostschweiz ist eine ganze Region grossflächig mit PFAS belastet. Wie kann man da noch bauern? Ein Treffen mit drei Biolandwirt:innen.
«Ich war naiv», sagt Christine Schwaller. «Ich dachte, ich sei nicht betroffen.» Schliesslich ist der Hof, den sie von ihrer Mutter übernommen hat, schon seit vierzig Jahren bio. «Aber dann wurde mir klar: Das ist keine Garantie dafür, dass wir nicht kontaminiert sind. Es könnte schon in den siebziger Jahren passiert sein.»
Schwallers Hof liegt in Wienacht-Tobel, an der Strecke der Zahnradbahn, die Rorschach mit dem Ausserrhoder Kurort Heiden verbindet. Mitten in einem Gebiet, das grossflächig mit PFAS, sogenannten Ewigkeitschemikalien, belastet ist. Die Region zwischen St. Gallen, Bodensee und dem unteren Rheintal gehört wahrscheinlich zu den am stärksten betroffenen der Schweiz. Sie liegt teils im Kanton St. Gallen, teils in Ausserrhoden. Aus einem Artikel im «St. Galler Tagblatt» vom Februar geht hervor, dass Viehwirtschaft in diesem Gebiet kaum noch möglich sein dürfte. Denn besonders in der Milch, im Fleisch und in Eiern reichern sich PFAS in gefährlichen Konzentrationen an. Die Chemikalien können Krebs erzeugen, die Leber, das Immunsystem und die Entwicklung von Embryonen schädigen. In dieser Region stammen sie aus dem Klärschlamm, dem Dreck aus den Kläranlagen. Bis in die neunziger Jahre verwendete man ihn als Dünger, zusätzlich zur Rinder- und Schweinegülle.
Schwaller lädt zu einem Feldrundgang. Grillen zirpen, die Erbsen blühen, hinter dem Wald sieht man den Bodensee. Die Wolken hängen tief an diesem Abend im Mai. Drei angestellte Gärtner:innen bauen hier für die Solawi Seebeli Gemüse an. «Solawi» steht für solidarische Landwirtschaft, die direkte Kooperation zwischen Produzent:innen und Konsument:innen. Schwaller arbeitet als Schulsozialarbeiterin in Rorschach, auf dem Hof kümmert sie sich um die Schafe und die Förderung der Biodiversität. Eigentlich sei sie die Falsche, um mit der Presse zu reden, meint die lebhafte 41-Jährige mit den schwarzen Locken. «Meine berufliche Existenz ist nicht gefährdet.»
Gift im Boden? Der Gedanke scheint unwirklich an diesem idyllischen Ort. «Alle haben Angst», sagt Schwaller. Sie hat die Landwirt:innen in der Nachbarschaft gefragt, ob sie mit der WOZ reden wollten. Fast alle sagten Nein.
Zögerlicher Kanton
Sandra Hafner kommt doch. Die braun gebrannte Fünfzigjährige bauert eine Bahnstation weiter, in Schwendi. Wie im Seebeli wächst auch bei Hafner Gemüse – unüblich im viehlastigen Appenzellerland. Doch beide Höfe halten auch Schafe. «Hast du das Testergebnis?», fragt Hafner. «Nein», sagt Schwaller. Der Kanton testet Milch und Tränkewasser, aber Schwaller hat keine eigene Quelle, und sie melkt die Schafe nicht. Darum will ein Kantonsbeamter etwas Heu zur Analyse abholen. Hafner hat noch kein Testergebnis für ihre Quelle. «Wenn sie belastet ist – was machen wir dann? Hahnenwasser trinken? Soviel ich weiss, kommt es aus dem gleichen Gebiet …» Beide wissen, dass es im Vorderland Milchbetriebe mit alarmierend hohen PFAS-Werten gibt. «Wir trinken ihre Milch seit Jahren», sagt Hafner. Es komme ihr vor, als sei die Region radioaktiv verseucht. Sie erinnert sich an ihre Kindheit in Herisau, an die schwarzen Wiesen, wenn die Bauern Klärschlamm ausbrachten. «Wie das roch! Das konnte ja nicht gesund sein.» – «War damals niemand bio?», fragt Schwaller. «Kaum. Einer in Schwellbrunn, einer in Schönengrund – die lachte man aus.»
Warum ist die PFAS-Verseuchung gerade in der Nordostschweiz so gravierend? Wie Recherchen des «St. Galler Tagblatts» und der «Appenzeller Zeitung» gezeigt haben, liegt es an der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Altenrhein. Ausgerechnet weil sie ein Pionierbetrieb war: Als erste der Schweiz schaffte die ARA 1984 eine Klärschlamm-Trocknungsanlage an – und wurde von Zulieferern überrannt. Niemand weiss heute, wer alles Klärschlamm nach Altenrhein brachte, doch die Ostschweiz war bis ins späte 20. Jahrhundert von Industrie geprägt. Es gab viel mehr Fabriken als heute, und ihre Abwässer landeten ohne Vorreinigung in den Kläranlagen. Einmal getrocknet, kam der Klärschlamm trotzdem auf die Felder: Die ARA Altenrhein verkaufte ihn als Dünger, auch für Privatgärten. 600 Tonnen bis Mitte der Neunziger: Das Geschäft lief.
Nun trifft auch Silvan Graf in Wienacht-Tobel ein – im Anzug, denn er kommt direkt aus dem Kantonsparlament in Herisau. Graf gehört einer seltenen Spezies an: ein Landwirt, der in der SP politisiert. Vor zwei Jahren hat der 31-Jährige den Biohof der Eltern bei Heiden übernommen, zusammen mit seiner Partnerin und einem Cousin. «Mutterkühe, Gemüse, Kräuter, Beeren, Truten und im Sommer Schweine», zählt er auf.
«Die grüne Partei gibt es in Ausserrhoden nicht – auch deshalb sind Umweltthemen bei uns in der SP wichtig», erklärt Graf. Und eine weitere Besonderheit des Halbkantons: «Lange gab es bei uns nur eine einzige Partei, die FDP – und viele Parteilose. Sie spielen heute noch eine grosse Rolle.»
Und wie laufen die PFAS-Diskussionen im Kantonsparlament? Überraschung: gar nicht. «Die Ausserrhoder Regierung will warten, bis klar ist, wie der Bund vorgeht. Bis dann gibt es keine Parlamentsdebatte.» Der Kanton St. Gallen gehe das Problem aktiver an, Ausserrhoden deutlich langsamer, kritisiert er. «Der Kanton testet systematisch Wasser und Milch – für diese gibt es aber keinen Grenzwert. Beim Fleisch, wo es einen Grenzwert gibt, nimmt er nur Stichproben.» So landen weiterhin hochbelastete Lebensmittel in den Läden.
«Machst du dir Sorgen?», fragt Sandra Hafner. Graf bejaht. «Für meinen Betrieb weniger. Ich weiss, dass sich meine Vorfahren geweigert haben, mit Klärschlamm zu düngen. Aber andere trifft es hart.»
Er kennt die Geschichten: von Bauern, die Geld bekamen, wenn sie den Klärschlamm abnahmen – und unter Druck gesetzt wurden, wenn sie Nein sagten. Sogar von Transporteuren, die ungefragt auf Höfe fuhren und Klärschlamm in die Güllekästen füllten. Als das Ausmass des Debakels immer deutlicher wurde, begann Graf zu recherchieren. Er hat Unterlagen gefunden, die zeigen: Schon vor fünfzig Jahren war der Klärschlamm kritischen Zeitgenoss:innen nicht geheuer.
1974 warnt der Chemiker und Kantonsrat Werner Schefer in einem Zeitungsartikel vor Rückständen. Und in einem Parlamentsprotokoll vom Dezember 1978 spricht Kantonsrat Hans Koller von der «Belastung des Klärschlamms mit Chemikalien, Schwermetallen und anderen Abfallstoffen unserer Industrie- und Wohlfahrtsgesellschaft». Dies führe dann «zu einer Schliessung des Teufelskreises». Kantonsrat Willy Krapf berichtet, Salmonellen im Klärschlamm hätten «einen ganzen Viehbestand infiziert». Baudirektor Hansjakob Niederer erwähnt das Problem der Industrieabwässer. Die Gewässerschutzkommission fordere «von sämtlichen Textilbetrieben ihre Chemikalienlisten ein». Auch die ARA Altenrhein ist an der Sitzung bereits ein Thema.
Fast zwei Jahrzehnte später, 1996, kritisiert ein Kantonsrat im Parlament, der Kanton sei beim Vollzug der Klärschlammkontrollen zu lasch. Die Reaktion ist bezeichnend: «Umweltschutzdirektor Widmer stellt fest, dass beim ‹Bschötte› wegen zu viel, beim Entsorgen des Klärschlamms wegen zu wenig Kontrolle reklamiert wird.» Es gebe Landwirte, die beim Abholen des Schlamms deutlich zu verstehen gäben, dass sie keinen Lieferschein wünschten.
Acker statt Milch?
Seit 2006 darf man in der Schweiz keinen Klärschlamm mehr als Dünger brauchen – einige SVP-Politiker:innen bekämpften das Verbot bis zuletzt. «Und heute gibt es Bürgerliche, die sagen, man brauche noch mehr Studien, um die Gefährlichkeit von PFAS zu beurteilen», sagt Graf. «Das macht mich hässig.» Schliesslich sei die Langzeitstudie, die Genaueres über die Belastung der Bevölkerung ans Licht gebracht hätte, den Sparmassnahmen im Bundeshaus zum Opfer gefallen (siehe WOZ Nr. 37/25). Das Parlament möchte beim Festlegen von PFAS-Grenzwerten auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen, sprich: keine strengen Grenzwerte. Und die Nordostschweizer Kantone wehren sich gegen die vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) geplanten Regeln zu PFAS-belastetem Fleisch.
Agroscope, die landwirtschaftliche Forschungsanstalt des Bundes, untersucht zusammen mit der Empa und dem Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin, wie Futterpflanzen PFAS aufnehmen und wie Rinder und Schafe dekontaminiert werden könnten. Das BLV schreibt auf Aramis, der Forschungsplattform des Bundes, nötig sei «ein robustes und validiertes mathematisches Modell für die Übertragung von Kontaminationen zwischen Böden, Pflanzen, Nutztieren und Lebensmitteln […]. Derzeit verfügen wir über kein solches Modell.»
Forschungsergebnisse in Deutschland weisen darauf hin, dass Ackerfrüchte PFAS unterschiedlich akkumulieren: Bei Soja, Weizen oder Tomaten ist das Risiko höher als bei Hafer, Raps oder Zwiebeln. Könnte Pflanzenbau eine Alternative zur Tierhaltung sein? Silvan Graf ist skeptisch: «Es triggert die Bauern, wenn es nun heisst, sie müssten wegen PFAS mit der Milch aufhören oder sogar auf Pflanzenbau umstellen. Verständlich, wenn man gerade eine halbe Million in einen neuen Stall mit Melkroboter investiert hat …»
Anfang Juni kommen die Testergebnisse: Die Milch von Grafs Kühen (die er normalerweise nicht melkt) ist sehr unterschiedlich belastet. «Was das fürs Fleisch heisst, ist mir noch nicht klar.» Hoffnung macht ihm, dass nur Wasserproben vom gepachteten Land belastet sind. «Notfalls könnte unser Hof auch ohne diese Pachtflächen weitermachen.» Sandra Hafners Quelle ist sauber.
«Welche Schäden richten wir heute an, die wir erst in ein paar Jahrzehnten verstehen?», fragt Christine Schwaller. «Ich wünsche mir, dass ein Ruck durch die Bevölkerung geht – dass sie so wählt und abstimmt, dass unsere Kinder gesund essen können. Und ich wünsche mir Klarheit vom Kanton.» ●