Speis und Kampf : Entspannung aus der Aktionspackung

Nr. 24 –

Am 14. Juni mit Glace gegen das Patriarchat

Die Gelateria di Berna kann ihren Expansionswahn noch bis ans Ende aller Tage fortsetzen, ich finde mein Lieblingsglace trotzdem – gerade zum feministischen Streiktag am 14. Juni – in der Migros. Denn die Eigenmarke mit den Tierchen drauf schmeckt nach etwas, was die Berner:innen mit den seltsamen neuen Sorten bisher nie im Angebot hatten: nach über Generationen weitergegebenem Wissen, wie man sich im Patriarchat ein klein wenig Seelenfrieden erkämpft – oder dass man zumindest das Recht hat, es zu versuchen.

Meine Mutter hat mich und meinen Bruder alleine grossgezogen. Immer Mitte der Sommerferien ist sie gemeinsam mit einer Freundin, deren Kindsväter sich ebenfalls nicht im erhofften Umfang an der Aufzucht des Nachwuchses beteiligten, und insgesamt sechs kleinen Menschlein im Schlepptau in einen Zug ins Tessin gestiegen. In die vielen Koffer packten die Reiseleiterinnen neben Unmengen an Bettwäsche auch den für alleinerziehende Mütter der nuller Jahre komplett vermessenen Anspruch, tatsächlich entspannende Ferien zu verbringen.

Wir sahen im Alltag Mütter, die viele Stunden am Tag damit beschäftigt waren, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, und trotzdem fast ständig für uns zur Verfügung standen. In den Sommerferien aber wurde uns eine andere Lektion erteilt: Weil Arbeit prinzipiell endlos ist, muss man sie manchmal aktiv verweigern. War das Sitzpolster einmal auf dem Balkonstuhl festgezurrt, die Füsse an die Säulen selbigen Balkons gelegt und der erste Krimi aufgeschlagen, hatten wir nur noch zu stören, wenn ein Vorfall bei einem Kind (oder den benachbarten Rentner:innen) bleibende Schäden zu hinterlassen drohte.

Zur Lektion gehörte auch, dass für effiziente Arbeitsverweigerung situationsspezifische Waffen einzusetzen sind. Die wichtigste in diesem Fall: die Migros-Glaces. Sie waren Nahrungs- wie Machtmittel. Eine 24er-Aktionspackung hatte im Tiefkühler praktischerweise passgenau Platz. Erst noch an normale Zuckermengen gewöhnt, frönten wir bald dem komplett enthemmten Konsum. Nachschub war mehrfach am Tag vonnöten; welches Kind dafür sorgte, war den Müttern egal. Weil der drohende Zuckerentzug uns alle verhandlungsbereit machte, konnten wir uns immer irgendwie einigen. Meistens auf die Jüngsten. Fairness gab es nicht, das hätte Arbeit für die Mütter bedeutet. Wer auch immer sich schliesslich aufs Trottinett schwang, hatte davor am Balkonstuhl vorbeizugehen und sich einen Einkaufszettel diktieren zu lassen. Und auf dem Weg zurück gleich die ersten Glaces wieder dort abzuliefern.

Mittagessen brauchten wir nicht, unsere Bäuche waren immer voll und eiskalt. Erst am Abend warf eine der Mütter einen entspannten Blick in den Kühlschrank, um zu schauen, welche pädagogisch wertvollere Mahlzeit sich aus den Einkäufen, die wir Kinder herangeschafft hatten, würde brutzeln lassen. ●