Stadtleben : Haus der Träume
Die Zentralwäscherei ist einer der wichtigsten Orte für nichtkommerzielle Kultur und linke Politik in Zürich. Nun stimmt die Stadt über die Zwischennutzung ab.
Betritt man das Areal der Zentralwäscherei im Zürcher Kreis 5 von der Josefstrasse her, warten vor einem Seiteneingang zwei Teslas. Hier beginnt die öffentliche Führung einer Mitarbeiterin der städtischen Raumbörse. Eine Treppe führt hoch zum «Bluelion», auf zwei Stockwerken teilen einfache Holzwände kleine Büros ab. Darin suchen verschiedene Start-ups ihr Glück. An der Kaffeebar sprechen sie Englisch, das Foyer verströmt lässige Businessvibes.
Szenenwechsel zum angrenzenden Gebäudeteil: Der Skatepark ist gerade geschlossen, im Sportzentrum Josef stemmen ein paar Männer an diesem ruhigen Nachmittag unter der Woche Hanteln, Kinder packen ihre Sportsachen. Scheddach, Stahlträger und unverputzte Wände der Halle erinnern eher an einen coolen Boxfilm als an eine Turnhalle. Kabinen oder eine Heizung gibt es nicht, dafür ist alles kostenlos. Bis zu 700 Leute treiben hier manchmal gleichzeitig Sport. Die Fussballplätze sind jeweils sofort ausgebucht, der Ninjaparcours ist bei Schulklassen beliebt, oft trainieren auch Geflüchtete aus dem nahen Bundesasylzentrum.
Doch wer von der Zentralwäscherei spricht, meint oft nur den Kulturbetrieb mit dem Restaurant und der grossen Halle im südlichen Teil des riesigen Gebäudes. Er ist der Dorfplatz des Areals, hier finden die grossen Raves und Konzerte statt, hier monieren bürgerliche Politiker:innen angeblich hetzerische Politveranstaltungen. Zur Differenzierung gibt es zwei Abkürzungen: ZW meint das Kulturlokal, ZWZ mit zusätzlichem Z für Zürich meint die ganze Zwischennutzung auf dem Josef-Areal, die aus ganz vielen Parteien besteht.
Hacken für alle
Der Zusatzkredit von knapp acht Millionen Franken, über den die Zürcher Stimmbevölkerung am 14. Juni entscheidet, stellt den Betrieb der ZWZ für weitere acht Jahre sicher. Danach soll hier ein neuer «Stadtteil» entstehen. Der grösste Posten (3,2 Millionen) ist für die Sporthalle vorgesehen, ein jährlicher Betriebsbeitrag von 150 000 Franken für den Gastro- und Kulturbetrieb. Lächerlich wenig eigentlich, wenn man an die Milliarden von Steuergeldern denkt, die der Bevölkerung an diesem Sonntag zur Abstimmung vorgelegt werden – und an all das kreative und politische Leben auf dem Areal, das mit dem wenigen Geld weiter gedeihen kann.
Im Haus sind Räume entstanden, die es so anderswo kaum geben könnte. Zum Beispiel der «kollektive Hackerspace» Bitwäscherei: eine Werkstatt für Elektrotechnik von Computer bis Synthesizer, Treffpunkt für Szene und Interessierte, angesiedelt zwischen Widerstand, Bildung, Erfindergeist und Kunst. «Bei uns treffen sich Nerds und Geeks, die sich kritisch und kreativ mit Technologie auseinandersetzen», sagt Marc Dusseiller. Er ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Mechatronische Kunst. Mehrere Gruppen betreiben den Raum gemeinsam, darunter der Chaos Computer Club, die Digitale Gesellschaft und das queere Hacker:innenkollektiv UwU-Space.
«In der Gesellschaft herrscht die Meinung vor, wir Hacker:innen würden im Verborgenen arbeiten», sagt Dusseiller. Die Bitwäscherei hingegen wolle möglichst offen und zugänglich sein, drei bis vier Veranstaltungen finden pro Woche statt, einige speziell für Jugendliche. Es geht um Technologie und IT-Sicherheit, die Arbeit an Geräten, letzte Woche hielt jemand einen Vortrag zu Open Source in Westafrika. Möglich sei das nur dank der Beteiligung mehrerer Gruppen und dem ausreichend grossen, erschwinglichen Raum an zentraler Lage. Wenn anderswo im Gebäude ein Rechner abstürzt, leistet die Bitwäscherei Support. Sie passe aber auch gut an diesen politischen Ort, findet Dusseiller: «Wir brauchen Hacker:innen, um die Welt zu verbessern.»
Um die Eröffnung 2021 gehörte es in der radikalen Linken zum guten Ton, über die von der Stadt angestossene und mitfinanzierte Zwischennutzung zu schnöden. Der Stadtrat machte keinen Hehl daraus, dass damit auch eine Besetzung des attraktiven Areals verhindert und eine kontrollierte Alternative fürs 2023 geräumte Koch-Areal bereitgestellt werden sollte. Doch die Skepsis ist längst verflogen, als Ort für nichtkommerzielle Kultur ist die ZW aus der Stadt kaum mehr wegzudenken. Vor allem aber hat es der Verein ZW, der für das Kultur- und Politprogramm verantwortlich ist, geschafft, auch eine politische Haltung zu markieren. Das begann 2022, als die ZW auf Aussagen des Stadtrats zum Koch-Areal mit einem Statement reagierte: «Zwischennutzungen können nie Ersatz für Besetzungen sein!»
Einfach mal vorbeischauen
Zana Selimi, Paavo Schweizer und Nico Balmer sind offiziell zu höchstens fünfzig Prozent vom Verein angestellt. Sie machen Programm, Grafik und Finanzen und leisten tatsächlich je locker die Arbeit einer Vollzeitstelle. «Man sollte darauf nicht stolz sein, eigentlich ist es hart prekär», sagt Schweizer. Balmer erinnert sich an den Besuch eines FDP-Politikers im Restaurant, der sich über den funktionierenden Betrieb wunderte. «Wir haben 35 Angestellte», sagt Balmer, «auch wenn ich den Begriff hasse, eigentlich sind wir ein KMU.»
Balmer meint, wichtig für die Wahrnehmung in der Linken sei gewesen, wie die ZW auf die Kritik an Palästinaveranstaltungen reagiert habe. Zu reden gaben unter den weit über tausend Veranstaltungen, die in der ZW stattgefunden haben, deren drei: eine mit dem als antisemitisch kritisierten Gefangenenhilfswerk Samidoun, ein Auftritt von Francesca Albanese, der Uno-Sonderberichterstatterin für Palästina, und eine Veranstaltung, bei der Artikel mit problematischen Botschaften verkauft worden seien. «Wir hätten uns einfach entschuldigen und dem Druck der Stadt beugen können», sagt Balmer. «Stattdessen haben wir auf unsere Prozesse vertraut, die wir eh ständig reflektieren, und die Vorfälle intern beleuchtet.» Dass FDP und NZZ die Vorfälle nun wieder vorschieben, um die ZW zu delegitimieren, findet Selimi peinlich: «Von denen kommt ja dann keine Vision, was für eine Kultur sie wollen oder wo ihre Kids in den Ausgang gehen sollen.»
Das Geld der Stadt ermögliche vor allem, dass die ZW weiterhin vielen Nachwuchsprojekten, nichtsubventionierten Theatern oder Performances eine Bühne bieten könne, sagt Selimi. «Wären wir nur ein Restaurant mit gelegentlichen Raves, wären wir locker selbsttragend.» Überhaupt sei die Zugänglichkeit der wichtigste Wert der ZW, betont Schweizer: «Wir versuchen, diesen Space an möglichst vielen Tagen für möglichst viele Menschen offen zu halten. Viele kommen einfach mal in die ZW, ohne bestimmten Plan.»
Zusammenhalt und Zuversicht
Etwas zu tun gibt es hier immer. In den Stockwerken über dem Restaurant gibt es etwa eine offene Reparaturwerkstatt, Bandräume und Gemeinschaftsateliers für Textil, Keramik oder Grafik. Wer die Treppe hoch bis in den fünften Stock geht, gelangt zu einem Raum, in dem sich der Klimastreik Zürich zu seinen Sitzungen trifft. Von der Terrasse davor geht der Blick über die ganze Stadt.
Für ihn sei die ZWZ viel mehr als ein bezahlbares Büro mit guter Aussicht, sagt Klimaaktivist Emil Russo. «Wir setzen uns für eine andere Gesellschaft ein, und hier sehen wir, was entstehen könnte: ein Ort ausserhalb der in Zürich vorherrschenden Profitlogik, wo sich Menschen gegenseitig unterstützen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach weil sie eine politische Vision teilen.» Die letzten Jahre seien aber nicht immer einfach gewesen. «Umso wichtiger war es, einen Ort zu haben, der uns Zusammenhalt, Kontinuität und auch Zuversicht gegeben hat.»
Als der Klimastreik vor ein paar Jahren seine letzte Bleibe verlassen musste, trafen sich zeitweise dreissig Aktivist:innen in einem Park. «Nicht ganz leicht, dass so eine produktive Sitzung entsteht», sagt Russo. In der ZWZ erleben die Klimaaktivist:innen Anerkennung für ihre politische Arbeit, haben Zugang zu Werkstätten, um Objekte für Demos zu bauen, werden beim Organisieren von Solipartys unterstützt. «Würden wir diesen Raum verlieren, hätten wir ein fundamentales Problem. Solche Orte sind für viele politische, soziale und kulturelle Begegnungen unverzichtbar.» ●