Wetterleuchten : Heidi und Ikki

Nr. 24 –

Daniel Hackbarth schaut Youtube

Empörungsbewirtschaftung liegt schwer im Trend, was eigentlich ausreichend belegt ist. Nun zeugt davon zusätzlich eine Studie der Uni Zürich und eines auf Datenauswertung spezialisierten Start-ups: Im Auftrag von NZZ und «Le Temps» wurden Parlamentsreden von Politiker:innen auf ihre Emotionalität hin analysiert, was erst mal nach einem eigenwilligen Forschungsfokus klingt. In allen untersuchten Ländern wurde ein deutlicher Anstieg impulsiver Wortmeldungen verzeichnet – ausser in der Schweiz. Das aber überrascht nicht weiter, weil man hier die Dinge generell etwas phlegmatischer angeht.

Die Erklärung für das Resultat: Parlamentarier:innen würden heute nicht mehr in erster Linie zu ihren Kolleg:innen vor Ort sprechen, sondern direkt Wähler:innen adressieren, indem sie auf effekthascherische Auftritte setzten. Diese lassen sich hinterher über Social Media verbreiten, wo sie weitaus mehr Leute erreichen. Zu einem Cicero wird heute nur, wer auch weiss, wie Tiktok funktioniert.

Womit wir bei Heidi Reichinnek wären. Die deutsche Linken-Politikerin ist der wandelnde Beweis dafür, dass nicht nur Rechte Affekte zu mobilisieren verstehen. Sie hatte mit ihrer Onlinekampagne grossen Anteil daran, dass ihre Partei bei den Wahlen Anfang 2025 unerwartet gut abschnitt, wobei eine Bundestagsrede, in der sie wutbebend den heutigen Kanzler Friedrich Merz attackierte, eine wichtige Rolle spielte.

Nun hatte Reichinnek in ihrem Podcast Ikkimel zu Gast, was wie der Grillanzünder auf den Autoreifen passt, ist doch die Berliner Musikerin ebenfalls Polarisierungsexpertin. Ikkimel ist die momentan erfolgreichste Vertreterin eines Subgenres im Rap, das durch die Aneignung eigentlich misogyner Ausdrücke sowie Texte charakterisiert ist, die die Freuden des Geschlechtslebens ausmalen («Ich brauch einen Maxi-King / mit einem Maxi-Ding»).

Tatsächlich verlief das Aufeinandertreffen überaus harmonisch, auch wenn die Redeanteile ungleich verteilt blieben. Oder wie man im Ruhrgebiet sagen würde: Die notorische Schnellsprecherin Reichinnek quatschte der sonst ja auch nicht aufs Maul gefallenen Ikkimel eine Frikadelle ans Ohr.

Zwischendurch war es aber interessant zu hören, wie die Rapperin erklärte, warum sie sich dazu entschieden habe, die Linke zu unterstützen. Ursprünglich wollte sie möglichst unpolitisch daherkommen, weil sie vor allem als Künstlerin wahrgenommen werden wolle. Nur sei eine solche Haltung inzwischen kaum mehr vertretbar. Um zu illustrieren, wie deprimierend die Lage ist, berichtete Ikkimel von einem Festival in der ostdeutschen Pampa, bei dem im Publikum eine Regenbogenfahne abgefackelt wurde.

Trotzdem war das Ganze wohltuend. Solange die Kids auf so Widerborstiges wie das Schaffen der Berlinerin abfahren, dürfte es schwierig werden, die Zeit einfach um achtzig Jahre zurückzudrehen. Pop mag ein politisch ambivalentes Phänomen sein, bestimmt aber kann er die Schwerregierbarkeit der Massen befördern.

Mit heterofatalistisch anmutenden Zeilen wie «Babys sind doch süss, es sei denn, es sind Jungen / Im Notfall treib ich ab, mit Alk und Mephedron» gewinnt man vermutlich keine Lyrikpreise. Sie sind aber bestens dazu geeignet, der Jugend genau die richtigen falschen Ideen zu vermitteln. ●

An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.