Achtsamkeit : Weltvergessen im Bewusstseins­bunker

Nr. 25 –

Ist der Hype um Mindfulness neoliberaler Quark? Nicht nur, wie zwei neue Bücher zum Thema nahelegen.

Illustration von Nando von Arb: im oberen Teil eine meditierende Person daneben zwei Vögel und zwei Personen aus denen Strahlen austreten, im unteren Teil ein zwei abstürzende Flugzeuge und zwei Menschenkörper aus denen Flammen austreten sowie Skelette
Nando von Arb

Nichts, was es nicht auch in achtsamer Variante gäbe: Im Internet finden sich Anleitungen zur achtsamen Schminkroutine, man kann sich darüber informieren, wie sich Kartoffelchips mit geschärftem Bewusstsein futtern lassen, kann achtsame Fruchtsäfte bestellen oder auch Hygieneartikel, damit man auf dem WC stets «im Moment» bleibt. «McMindfulness» ist der Ausdruck für diese Begriffsinflation in kommerzieller Absicht: «mindful» ist die englische Entsprechung von «achtsam».

Sehr wahrscheinlich ist es ein Alarmzeichen, wenn der Zeitgeist derart das Selbstmitgefühl (den Begriff gibt es wirklich) ins Zentrum rückt. Was zeugte auch besser vom wohlstandsbesoffenen Kreisen ums eigene Ich als Instagram-Kacheln in Pastelltönen, die dazu anleiten, Gefühle zuzulassen, ohne sich in diesen festzubeissen?

Andererseits zeigen die Google-Statistiken für die vergangenen fünfzehn Jahre einen enormen Anstieg bei Suchanfragen nach «mindfulness» – und wo etwas derart zur globalen Mode wird, treibt es zwangsläufig kuriose Blüten. Das heisst aber nicht, dass das Achtsamkeitskonzept als solches Blödsinn ist. Wie sieht es also aus, wenn man entsprechende Fachliteratur konsultiert?

Im Hier und Jetzt

Eine kompakte Einführung in die Materie hat kürzlich der Psychotherapeut und Coach Matthias Hammer vorgelegt. Sein in der Reclam-Reihe «100 Seiten» erschienener Band über Achtsamkeit verzichtet auf Erleuchtungsrhetorik, er ist praxisorientiert: ein wohl klassischer Fall von Ratgeberliteratur.

In der Einleitung präsentiert Hammer Achtsamkeit als «Überlebensstrategie im medialen Zeitalter», also für eine Gegenwart, die wir bevorzugt über Screens vermittelt erfahren. Der Autor präsentiert sie als Antidot, um wieder «bewusst zu bemerken, was im Hier und Jetzt geschieht» – eine Mentaltechnik, die dazu dient, «mehr Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen», was ja tatsächlich ab und zu wünschenswert wäre (oder warum schaue ich gerade im Internet nach, wann endlich «Terrifier 4» ins Kino kommt?).

Anschliessend bietet Hammer Handreichungen für gestresste Zeitgenoss:innen: Er ermuntert etwa dazu, im Alltag auf Multitasking zu verzichten (kein Chilbi-Rap bei der Müslizubereitung, nicht mit Smartphone in der Hand und Tablet auf dem Bauch Animeserien am PC streamen), um die bewusste Steuerung des Aufmerksamkeitsfokus einzuüben. Oder er erklärt, wie man seinen Gefühlshaushalt managt, um auch unter Druck Ruhe zu bewahren.

Manches davon hat man vielleicht schon in der Schule gelernt, etwa den Trick, mit dem Stift in der Hand zu lesen und Sätze anzustreichen, gewissermassen als motorische Stütze, um nicht abzuschweifen. In der Summe sind die Empfehlungen gut nachvollziehbar, der Band macht sogar ein bisschen Lust, selbst zum Praktizierenden zu werden. Warum auch nicht, hat doch Achtsamkeit bereits Spitzensportler:innen (Kobe Bryant, Novak Djokovic) zu Grossem beflügelt.

Explizit warnt der Coach aber davor, überzogene Erwartungen zu haben: Es handle sich nicht um ein «magisches Heilmittel für all unsere gesellschaftlichen Probleme». Wobei auch er nicht so ganz von der Idee ablassen will, dass sein Trainingsprogramm durchaus auch politische Effekte haben könnte: Achtsamkeit bleibe «nicht im stillen Kämmerlein», vielmehr befähige sie, «reifer und reflektierter in der Welt zu handeln und zu sein».

Erschöpfung ist politisch

Dies wiederum ist das passende Stichwort für Kathrin Fischer, die ebenfalls ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: «Achtsam geht die Welt zugrunde» heisst die Streitschrift der Journalistin. Fischer hatte selbst jahrelang versucht, mittels Meditation einen überfordernden Alltag besser auf die Reihe zu bekommen. Eines Morgens jedoch, während sie einer säuselnden Stimme aus der Meditationsapp lauschte, platzte ihr der Kragen: «Durfte ich nicht mehr wütend oder ängstlich sein? Nicht mal in einer existenzbedrohenden Vielfachkrise, die den Planeten, die Gesellschaft und uns alle als einzelne Menschen betrifft?»

Die Journalistin startete daraufhin einen achtsamkeitskritischen Podcast, das daran anschliessende Buch ist ebenfalls eine Fundamentalkritik. «Die boomenden Praktiken der Achtsamkeit stellen eine neoliberale Praxis dar, weil sie Stress und Erschöpfung entpolitisieren und damit individualisieren», heisst es darin programmatisch.

Fischer macht es sich aber mit ihrer Kritik nicht so leicht, wie man argwöhnen könnte, sie beschäftigt sich umfassend mit dem Konzept der Mindfulness. So rekonstruiert sie die historischen Ursprünge der Achtsamkeit, die keineswegs eine uralte Technik aus dem Buddhismus sei. In dieser Religion bündeln sich vielfältige Strömungen, Meditationstechniken seien nicht in allen wichtig. Erst eine Reformbewegung im 19. Jahrhundert habe «das bisherige Bild des Buddha und seiner Lehre grundlegend» verändert: Sie reinigte die Religion von irrationalen Elementen und stilisierte sie zu einer Lebensphilosophie.

Daran knüpfte später der US-Mediziner Jon Kabat-Zinn an, der Achtsamkeit für therapeutische Zwecke nutzbar machte: als eine Fertigkeit, die Selbststeuerung ermöglichen soll. Kabat-Zinn sah darin «die Quelle für jede Heilung, für jede Problemlösung». Damit hatte er grossen Anteil daran, dass nach der Jahrtausendwende immer neue achtsamkeitsbasierte Therapieansätze aus dem Boden schossen. Es handelt sich um einen lukrativen Markt: 2024 habe der Umsatz von Achtsamkeit bei knapp zehn Milliarden Dollar gelegen, so Fischer, die Wachstumserwartungen sind enorm. Die «Stress Reduction Industry» floriert.

Der Journalistin geht es nun nicht darum, zu widerlegen, dass diese Techniken individuell hilfreich sein können, sie will Achtsamkeit vor allem als Ideologie in den Blick nehmen. So sei es bezeichnend, dass in der Ratgeberliteratur die gegenwärtigen Verhältnisse allenfalls oberflächlich zur Sprache kämen. «Die konkrete Welt bleibt blass und verschwommen», schreibt Fischer. Diese «Weltvergessenheit» sei symptomatisch. Denn: «Alle Formen der Achtsamkeit führen das Leiden auf den Geist oder die Psyche des Einzelnen zurück.»

So deutet sie die Mentaltechnik als individuellen Stabilisierungsversuch in der Ära der eskalierenden Vielfachkrise. Dass aber Problemen wie der Klimaerhitzung oder der gewaltigen Reichtumskonzentration nicht mit Atemübungen beizukommen ist, liegt auf der Hand.

Obsessive Selbsterforschung

Präzise arbeitet die Autorin den antipolitischen Kern des Mindfulness-Trends heraus. Alle Varianten der Achtsamkeitslehre zeichne der «radikale Fokus auf das Hier und Jetzt» aus. Diese Fetischisierung des Augenblicks habe politische Implikationen: «Mit Vergangenheit und Zukunft blendet Achtsamkeit zugleich Geschichte und Gesellschaft aus.» So aber lässt sich kaum sozialer Wandel erstreiten, der den Erschöpften dieser Welt – zumal den Frauen, auf die das Konzept häufig zielt – wirkliche Erleichterung verschaffen würde.

Überzeugend auch, wie Fischer Achtsamkeit als ein Phänomen vor allem der «neuen Mittelklasse» beschreibt, das für diese zugleich die Funktion einnimmt, sich nach unten abzugrenzen. Bei der obsessiven Selbsterforschung sei viel Narzissmus im Spiel, die Journalistin diagnostiziert hier gar eine Art mentales Preppertum: Man «zieht in den inneren Bunker und nennt das Rettung der Welt».

Wie gesagt: Das meint nicht, dass man deswegen das Abo für den Qigongkurs sofort kündigen sollte. Würden aber etwas mehr mentale Energien in die Beantwortung der Frage fliessen, wie wir die Macht von Blackrock brechen können, würde das auch nicht schaden.

▶ Matthias Hammer: «Achtsamkeit. 100 Seiten. Entschleunigung und Gelassenheit als Kompetenz für die Zukunft». Reclam-Verlag. Ditzingen 2026.

▶ Kathrin Fischer: «Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert». hanserblau. München 2026. 279 Seiten.