Arbeitskämpfe in Polen : Schuften für den grossen Aufschwung

Nr. 25 –

Die polnische Wirtschaft wächst – doch nicht überall: In Gniezno, einer mittelgrossen Stadt im Westen des Landes, geraten Arbeiter:innen unter Druck.

Portraitfoto der beiden Gewerkschafter Dariusz Modrzejewski und Mariusz Piotrowski
«Wie würden wir das psychisch durchstehen, wenn wir allein wären?»: Die beiden Gewerkschafter Dariusz Modrzejewski (links) und Mariusz Piotrowski.

Mariusz Piotrowski ist ein Gewerkschafter, wie er im Buche steht. Der 40-jährige Schweisser redet während der gemeinsamen Autofahrt leidenschaftlich, wenn er von «seinen Leuten» spricht: von den Arbeiter:innen des Industrieunternehmens Jeremias in der westpolnischen Stadt Gniezno. Unter Piotrowskis Führung rief die kleine, aber kämpferische Gewerkschaft Arbeiter:innen-Initiative (Inicjatywa Pracownicza, IP) in dem Betrieb mit rund 300 Beschäftigten im Frühjahr 2025 einen Streik aus. Es ging um eine Lohnerhöhung, eine längere Pause und die monatsweise Abrechnung von Überstunden im Betrieb, der zur deutschen Jeremias Group gehört und unter anderem Schornsteine herstellt. «Der 41-tägige Streik war turbulent», erzählt Piotrowski.

Piotrowski ist auf dem Weg zu seinem ehemaligen Kollegen Dariusz Modrzejewski, der in einer Gemeinde etwas ausserhalb von Gniezno lebt. Jeremias hat den fünzigjährigen Lackierer bereits einige Monate vor dem Streik entlassen. Bei Piotrowski erfolgte die Entlassung erst danach – nachdem er achtzehn Jahre für die Firma gearbeitet hatte.

Während der Streiks sperrte die Firmenleitung die Streikenden in eine kleine Halle ein und liess weder Journalist:innen noch die angereiste Arbeitsministerin auf das Gelände. Der Fall ging landesweit durch die Medien und war Thema im Parlament – denn es war einer von wenigen Betriebsstreiks in den letzten Jahren. Jeremias stellt sich bis heute auf den Standpunkt, dass der Streik illegal gewesen sei: «Nach Ansicht des Vorstands der Gesellschaft war der Arbeitskampf nicht rechtmässig, da eine ganze Reihe formalrechtlicher Voraussetzungen nicht erfüllt war», sagt der Pressesprecher der Firma, Grzegorz Indulski, auf Anfrage der WOZ.

Ein Gericht wies die Firma zwar an, die beiden Arbeiter wieder einzustellen. Doch diese zahlt ihnen nun zwar den Lohn, lässt sie aber nicht mehr auf das Gelände. «Das gefällt natürlich einigen Kollegen nicht, weil wir bezahlt werden, ohne arbeiten zu müssen», sagt Modrzejewski. Und Piotrowski: «Ich will gerne zurück zur Arbeit – auch um zu zeigen: Wir haben gewonnen.»

Die Firma streitet alles ab

Polen ist das wirtschaftliche Schwergewicht Mittelosteuropas. Wohl auch deshalb wählte Ungarns neuer Ministerpräsident Péter Magyar Warschau als Ziel seiner ersten Auslandsreise. In seinem Wahlkampf hatte er immer wieder auf Polen verwiesen: Darauf, dass wirtschaftlicher Aufstieg von einer engen Kooperation mit der EU abhänge.

Tatsächlich sind die polnischen Wirtschaftsdaten imposant. Mit 3,6 Prozent wies Polen 2025 das drittstärkste Wachstum innerhalb der Union aus, flankiert von der EU-weit niedrigsten Arbeitslosenquote (laut Eurostat liegt sie bei 3,2 Prozent, in der EU beträgt sie im Schnitt 6 Prozent). Letztes Jahr hat die polnische Volkswirtschaft beim nominalen BIP erstmals die symbolische Marke von einer Billion US-Dollar überschritten.

Menschen unterwegs beim Fussgängerbereich im Stadtzentrum von Gniezno
Gniezno ist eine von rund 140 polnischen Städten, denen der wirtschaftliche Abstieg droht: Seit 2011 hat sie rund zehn Prozent ihrer Einwohner:innen verloren.

Doch ausgerechnet die Arbeiter:innen im Gewerbe- und Dienstleistungssektor, also diejenigen, die dieses Wachstum erarbeiten, bleiben oftmals auf der Strecke. So wie eben Dariusz Modrzejewski aus dem Umland Gnieznos. Er ist schwer erkrankt, ein Gericht prüft gerade, inwieweit die Arbeit bei Jeremias dazu beitrug. Im Gespräch wirkt er kämpferisch und zugleich zermürbt. «Fast fünfzehn Jahre lang habe ich dort gearbeitet, zuletzt hatte ich als Betriebsrat besseren Kündigungsschutz», sagt er. «Doch die Firma hat mich ständig unter Druck gesetzt und behauptet, dass ich nicht kooperieren würde, dass man nicht mit mir zusammenarbeiten könne.» Man habe ihm zu verstehen gegeben, dass er still sein soll.

Jeremias-Pressesprecher Grzegorz Indulski weist den Vorwurf, die Entlassung stünde im Zusammenhang mit gewerkschaftlichen Aktivitäten, später bei einem Telefonat entschieden zurück. Vielmehr sei sie «auf schwerwiegende Probleme im Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis» zurückzuführen. Und weiter: «Aus rechtlichen Gründen und zum Schutz der Privatsphäre wird das Unternehmen keine weiteren Stellungnahmen zu einzelnen Personalangelegenheiten abgeben.»

Doch die Gewerkschafter Modrzejewski und Piotrowski sind sich sicher: Der eigentliche Grund ist, dass sie legitime Rechte einforderten, Kolleg:innen mobilisierten und auch, dass sie etwa mangelnde Sicherheitsstandards in der Produktion monierten. Modrzejewski zeigt einige Schreiben einer Anwaltskanzlei, die von Jeremias mandatiert worden ist. Diese ist laut eigenen Angaben unter anderem «auf die Kündigung von Arbeitsverträgen mit Gewerkschaftsaktivisten» spezialisiert.

Mehr Leistung, gleicher Lohn

«Ohne die Gewerkschaft wären wir verloren», sagt Dariusz Modrzejewski. «Denn wie sollten wir die Anwälte bezahlen, um gegen solche Leute vorzugehen, und wie würden wir das psychisch durchstehen, wenn wir alleine wären?»

Pressesprecher Grzegorz Indulski sagt hingegen: «Die IP hat den Mitarbeiter:innen nicht nur nicht geholfen, sondern ihnen sogar geschadet.» Denn der Streik habe die Position des polnischen Werks innerhalb der Jeremias-Unternehmensgruppe geschwächt. «Ein Teil der Produktion musste deswegen kürzlich eingeschränkt werden, und ein Teil der Maschinen wurde in Fabriken im Ausland verlegt», sagt Indulski. Und deshalb, so der Sprecher weiter, konzentriere man sich heute «auf den Dialog, die Stabilität und den Erhalt eines motivierten und leistungsfähigen Teams für die Zukunft».

Es war vor allem die grosse Solidarność-Gewerkschaft, dank der Polen 1980 europäische Geschichte schrieb – mit dem friedlichen Versuch, das realsozialistische System zu reformieren. Doch seit der Wende 1989 sind die Gewerkschaften geschwächt. In den meisten kleinen und mittleren Unternehmen sind sie gar nicht präsent. Es gibt in Polen keine branchenweit geltenden Gesamtarbeitsverträge (GAVs), und das Streikrecht ist restriktiver geregelt als in vielen anderen Ländern. Daher sind Streiks in Polen selten, und sie werden von Firmen heftig bekämpft. «Der polnische Staat hält den Mythos der Solidarność am Leben, betreibt aber Union Busting», heisst es in einem Positionspapier der IP.

Dennoch hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten der Lebensstandard auch von Geringverdiener:innen und Arbeiter:innen im Grossen und Ganzen verbessert. Ein Teil ist auf die aktive Sozialpolitik der rechtskonservativen PiS-Regierung 2015–2023 zurückzuführen. Während dieser Zeit haben sich die Einkommensunterschiede verringert. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen ist zwischen 2004 und 2024 real, also inflationsbereinigt, um 91 Prozent gewachsen, freilich von einem tiefen Niveau aus – und parallel zur gestiegenen Produktivität. Davon erzählt auch Modrzejewski. «Ich wurde in der Lackiererei angehalten, im Gegenzug für eine monatliche Prämie die Leistung zu erhöhen. Die Prämie wurde irgendwann nicht mehr bezahlt. Die neuen Leistungsvorgaben blieben in Kraft.» Der Fall Jeremias steht exemplarisch für die Situation von Millionen Beschäftigten im Land.

Gniezno ist eine Stadt, die ökonomisch eher schlecht dasteht: eine von rund 140 der insgesamt gut 1000 polnischen Städte, denen laut einem aktuellen Regierungspapier der wirtschaftliche Abstieg droht. Zu wenig Investitionen, zu schlechtes Bildungssystem – die mittelgrosse Stadt hat seit 2011 rund zehn Prozent ihrer Einwohner:innen verloren, heute sind es noch 63 000.

Im April dieses Jahres erhielt Gniezno die Zusage für umgerechnet rund siebzehn Millionen Franken aus dem Schweizer Kohäsionsbeitrag, der Ausgleichszahlung für den Zugang von Schweizer Unternehmen zum EU-Markt. Die Gelder fliessen in ökonomisch schwache Regionen und Kommunen in mittel- und osteuropäischen EU-Staaten. Gniezno will sie in den Klimaschutz investieren.

Gewerkschafter Mateusz Piotrowski würde sich indes neue Unternehmensansiedlungen wünschen. Denn es gebe zu wenige Betriebe in Stadt und Umgebung, auch deshalb seien die Arbeiter:innen in einer schwächeren Position als anderswo in Polen. «Aufmüpfige Arbeiter:innen hören das auch in anderen Firmen immer wieder: Auf deinen Posten kann ich fünf Ukrainer:innen einstellen. So hetzt man die Leute gegeneinander auf», sagt er.

Aber die beiden Gewerkschafter sind trotz ihrer unklaren beruflichen Zukunft voller Tatendrang. Am Ende des Gesprächs wollen sie unbedingt noch ein grosses Banner zeigen. Sie unterstützen aktuell nämlich Gewerkschafter:innen ausserhalb ihres Betriebs: Kolleg:innen der polnischen Discounterkette Dino, die vor allem in kleineren Städten präsent ist. Auf dem Banner prangt in riesigen Lettern: «Wir werden siegen.» ●