Aus der Küche des Wahnsinns : Im Bordell des Ungeheuers

Nr. 25 –

Karin Hoffsten über sprachliche Hürden

Es gehört zweifellos zu den erfreulicheren Nachrichten, wenn eine Zugkollision gerade noch verhindert werden konnte. Doch auch in solchen Fällen braucht es anschliessend eine Analyse der Ursachen fürs Beinaheunglück.

Über die Untersuchung, was im August letzten Jahres fast zu einem Zusammenstoss geführt hatte, berichtete jetzt die «SonntagsZeitung»: Beim Rangieren war ein Regionalzug auf ein Gleis geraten, auf dem ein Güterzug entgegenkam. Im Regionalzug sassen zum Glück keine Fahrgäste, aber zwei Lokführer, beide deutscher Muttersprache, einer davon in Ausbildung. Aufs falsche Gleis führte kein technischer Defekt, sondern die Sprachbarriere zwischen West- und Deutschschweiz.

Die Lokführer mussten sich über Funk mit dem französischsprachigen Fahrdienstleiter verständigen. Als der ins Mikrofon rief, was sie täten, sei gefährlich, verstanden sie ihn nicht: «Pas compris.» Ob sie mit jemandem reden könnten, der Deutsch spreche? Doch den gabs in der Betriebszentrale nicht, wo man schliesslich entnervt stöhnte: «C’est un bordel de monstre.» Diesem Monsterbordell entkam man schliesslich dank einer herbeigeeilten Person mit Deutschkenntnissen.

Nun liegt gerade mir nichts ferner, als mich über mangelnde Französischkompetenzen anderer Leute zu mokieren. Vor allem ein paar fremdsprachige Sätze aus einem knackenden Funkgerät zu verstehen, halte ich für eine enorme Herausforderung. Wie ich verschiedenen Quellen entnehme, sollten Deutschschweizer SBB-Angestellte Französisch auf «Anfängerniveau A1 mit spezifischem Eisenbahnwortschatz» beherrschen, was in diesem Fall eindeutig nicht ausreichte.

Rätselhaft bleibt, ob es dieser Untersuchungsbericht nur ganz zufällig fast zeitgleich in die Medien geschafft hat wie die Nachricht, dass der Bundesrat eine Gesetzesänderung zum sogenannten Frühfranzösisch plant. Mais honi soit qui mal y pense.

Da vom einen Lokführer die Äusserung «Das glouben i ja nid» überliefert ist, vermute ich, dass er im Kanton Bern aufgewachsen ist, in dessen deutschsprachigem Teil das Frühfranzösisch 2011 flächendeckend eingeführt wurde. Ob er davor oder danach die Primarschule besuchte, bleibt ebenso im Dunkel. Weshalb auch niemand weiss, ob Frühfranzösisch hier einen Beitrag zur Vermeidung des Vorfalls beziehungsweise zum Zusammenhalt des Landes geleistet hätte. Oder eben nicht. ●

Karin Hoffsten hat endlich verstanden, weshalb ein «Durcheinander» in der Deutschschweiz als «Puff» bezeichnet wird, und gesteht, dass ihr das «bordel de monstre» gerade ans Herz wächst.