Best Western : George Washingtons Zähne

Nr. 25 –

Dorothee Elmiger zum 250. Geburtstag der USA

In seiner «Traumdeutung» schrieb Freud, zu den typischsten Träumen gehörten jene «vom Herabfallen von einer Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, dass man nackt oder schlecht bekleidet ist». Entsprechend oft tauchen in der Schrift Zähne auf: Während Zahnreizträume als Onanieträume gedeutet werden, steht der Zahnverlust für den Penisverlust: «Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient der Traumarbeit: die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen.»

1799, hundert Jahre vor dem Erscheinen der «Traumdeutung», wurde George Washington, erster Präsident der Vereinigten Staaten, auf seinem Anwesen in Virginia in die Familiengruft gelegt. Über die genaue Todesursache wurde weit über seinen Tod hinaus spekuliert, ausser Zweifel stand aber die Tatsache, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt ganz zahnlos war. Schon mit 24 wurde ihm ein erster Zahn gezogen. Damals hatte er bereits Teile Virginias kartografiert, Land erworben, Land geerbt, auch Sklav:innen, und die einzige Auslandsreise seines Lebens unternommen: Mit dem tuberkulösen Halbbruder war er über den «fickle & Merciliss Ocean» nach Barbados gesegelt, um dort den Winter zu verbringen; er speiste mit britischen Kolonialbeamten und Zuckerplantagenbesitzern und brachte als Souvenir ein Stück Steinkoralle und eine fächerartige Hornkoralle zurück.

Als Washington 1789 mit 57 Jahren sein Präsidentschaftsamt antrat, hatte er nur noch einen einzigen Zahn. Die neu gegründete Republik verlangte allerdings einen vitalen Präsidenten: Im Moment seiner Wahl sei Washingtons Körper, so die Historikerin Jennifer Van Horn, «zum Vorbild für alle neuen republikanischen Körper» geworden. Washington habe gewusst, dass jede «Deformität seines eigenen Körpers als Schwäche oder Mangel des republikanischen Experiments angesehen werden könnte. Einfach gesagt: Washington war die Nation.» Um über sein Zahnproblem hinwegzutäuschen, trug Washington deshalb Gebisse aus Blei, Silber oder Gold; die Zähne wurden aus Nilpferd-, Kuh- und Pferdezähnen zurechtgefeilt, mehrere Prothesen enthielten auch menschliche Zähne.

In Washingtons eigener Buchhaltung findet sich im Mai 1784 ein Eintrag seines Plantagenverwalters, der eine Ausgabe von 6 Pfund und 2 Schilling für den Erwerb von neun Zähnen von namenlosen «negroes» ausweist. Ob die Zähne seiner eigenen Sklav:innen für Washingtons Prothesen verwendet wurden, ist unklar. Sicher ist aber, dass zu jener Zeit ein Zahnhandel existierte: Arme und versklavte Menschen gaben ihre Zähne her, die Zahnärzte korrigierten damit die Gebisse jener, die es sich leisten konnten.

Am 4. Juli dieses Jahres jährt sich die Unterzeichnung der «Declaration of Independence», der Gründungsurkunde der Vereinigten Staaten, durch die sogenannten Founding Fathers, zu denen auch Washington gehörte, zum 250. Mal. Angesprochen auf die Bedeutung des Jubiläums, winken die Freund:innen ab, verweisen auf die Doppelmoral der Gründerväter, auf Washingtons Gebiss. All men are not created equal. Das Bild ist vampirisch: Der Mund des Präsidenten, die Nation spricht durch die Zähne der Versklavten. Der republikanische Körper ist von Beginn weg angewiesen auf die Körper jener, die er von der Teilhabe ausschliessen will.

Lange hiess es im Volksmund, Washingtons Prothese sei aus Holz gewesen. Diese kollektive Fehlerinnerung hätte bestimmt auch Freud interessiert. ●

Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.