Blockbuster : Wo der Zeitgeist spukt

Nr. 25 –

Der filmgewordene Internetalbtraum «Backrooms» wird seinem Hype insofern gerecht, als es aus ihm kein Aufwachen gibt.

Gerade strömt das Publikum, vor allem das junge, in Scharen ins Kino, um sich das Regiedebüt des kaum zwanzigjährigen Youtubers Kane Parsons anzusehen. In nur zehn Tagen hat «Backrooms» mit einem bescheidenen Budget von zehn Millionen Dollar Blockbuster wie «Marty Supreme» (2025) an die Wand gespielt. Was ist da los?

«Es geht immer weiter und weiter, bis alles keinen Sinn mehr ergibt.» Mit diesen Worten, die sich anhören wie eine schöne Beschreibung der Auswüchse der spätkapitalistischen Weltordnung, versucht Clark (Chiwetel Ejiofor), seiner Psychologin Mary (Renate Reinsve) den Ort zu beschreiben, zu dem er durch eine unsichtbare Tür im Untergeschoss seines Möbelgeschäfts gelangt war. Ein Netzwerk aus fensterlosen Hinterzimmern fand er da vor, spärlich eingerichtet, die blassgelben Tapeten beleuchtet vom Licht unangenehmer Neonröhren, die dann auch die Grundfrequenz der Tonspur von «Backrooms» bereitstellen.

Die Räume samt Ausstattung wirkten, versucht sich Clark in weiteren welthaltigen Metaphern, wie eine unscharfe Erinnerung an die Wirklichkeit, «von einer Gruppe Bauarbeitern auf LSD» gebaut: schräge Perspektiven, sinnlose Wände, unerreichbare Türen und Möbelstücke, die halb im Boden versunken sind. Und als wäre all dies noch nicht unangenehm genug, werden die Backrooms von bedrohlichen Wesen heimgesucht, die längst vergessen haben, wie sie dahin gekommen sind und wo sie einmal hinwollten.

Horrorteigwaren

Tönt irgendwie bekannt? Das Konzept der «Hauntologie» – ein Kofferwort, zusammengesetzt aus «haunt» (heimsuchen, spuken) und «Ontologie» – geht zurück auf Jacques Derrida und wurde später vom Kulturtheoretiker Mark Fisher auf popkulturelle Phänomene übertragen. Es geht dabei darum, dass die Gegenwart des Spätkapitalismus, zu dem sich keine Alternative mehr denken lässt, von Spuren «unaufgelöster Vergangenheiten» infiziert ist sowie von einer Art Nostalgie für all die Zukunft, die man sich einst vorgestellt hat, die nun aber unerreichbar geworden ist. Die «Hauntologie», anders gesagt, benennt ein äusserst gegenwärtiges Gefühl, das einem auch dann vertraut vorkommen dürfte, wenn man sich weder mit poststrukturalistischer Theorie noch mit Fishers luziden Beschreibungen kultureller Phänomene wie Stanley Kubricks ­«Shining» (1980) beschäftigt hat.

Eine ähnliche Form unheimlicher Vertrautheit dürfte es sein, die «Backrooms» gerade zu einem solchen Phänomen (sprich: Hype) macht. Weit mehr als das Werk eines aussergewöhnlichen Regietalents ist der Film ein Produkt, das jener von Irrsal, Wirrsal und Monetarisierungsabsichten bestimmten Sphäre namens Internet entstammt. Da, wo sich in den Tiefen unreglementierter Foren entstandene, semi-realistische Gruselerzählungen ausbreiten und sich via Social Media so lange fortpflanzen, bis niemand mehr weiss, wo eine gewisse Idee ihren Ursprung hat und ob einzelne Teile davon vielleicht einmal wahr gewesen sein könnten.

«Creepypasta» wird solch crowdgesourctes Unbehagen dann genannt – abgeleitet aus «creepy» (gruselig) und «copy-paste». Die «Backrooms» sind Teil dieses Phänomens: Unter dem Namen Kane Pixels wurde Parsons unter anderem mit einer Serie angeblicher Found-Footage-Videos bekannt, die in besagten Hinterzimmern erstellt worden sein sollen. Wobei der Look der Bilder, die scheinbar einem Camcorder aus den neunziger Jahren entstammen, über deren Herkunft aus dem 3-D-Programm hinwegtäuscht.

Im Schema gefangen

In seiner ersten Regiearbeit macht Parsons – unterstützt von Drehbuchautor Will Soodik und einer hochklassigen Besetzung – vieles richtig. Die Hinterzimmer, jetzt tatsächlich im Filmstudio aufgebaut – und zwar so umfassend, dass sich Crewmitglieder immer wieder in ihnen verirrt haben sollen –, sind so vergilbt-surreal-klaustrophobisch wie einst vom Internet ersonnen. Und der Plot lässt bis zuletzt genug Fragen offen, um die alles-durchschaut-habende Abgrenzung zu erschweren.

Das Gruselige an den Backrooms sind weder die Monster, die sie bevölkern, noch ist es die Gefahr, sich in ihnen zu verlieren. Es ist die Tatsache, dass sie vertraut und unheimlich zugleich sind; dass man sich selbst in ihnen vorstellen kann, den trotz aller Therapie nicht überwundenen eigenen Schwächen und Verfehlungen schutzlos ausgesetzt, denselben Schemata folgend, die einen dahin gebracht haben.

Die Nostalgie für Neunziger-Technologie wirkt dabei so authentisch, wie sie jemand, der nach dem Aufstieg des Internets geboren wurde, empfinden mag. Derweil bemüht sich das Drehbuch in bester postmoderner Manier, unzählige Verweise auf die Filmgeschichte wie auch auf die schöne neue Welt der globalen Vernetzung einzubauen. Ist das Kuchen oder echt? Das Unheimliche daran ist, dass man sich nie ganz sicher sein kann. ●

▶ «Backrooms». Regie: Kane Parsons. USA 2026. Jetzt im Kino.