Durch den Monat mit Greis (3) : Würden Sie sagen, Sie sind Feminist?
Nach den Gipfelprotesten damals und heute: Musiker Grégoire Vuilleumier über Status, Männlichkeit und Klaus Schwab.
WOZ: Grégoire Vuilleumier, beim G7-Gipfel in Évian versammelten sich diese Woche einige der mächtigsten Männer der Welt. Das feministische Streikkollektiv trug angesichts dessen die «No G7»-Proteste massgeblich mit.
Grégoire Vuilleumier: Ja, so geil – c’est trop fort! Und so agil! Die Diskussionen sind im Vergleich zu früher bestimmt auch nicht kürzer geworden. Diese Resilienz – wow!
WOZ: 2003 demonstrierten Sie gegen den G8-Gipfel, der ebenfalls in Évian stattfand. Heute betreiben Sie in Bern einen Secondhand- und Vintage-Brillen-Laden. Sind Sie angepasster geworden?
Grégoire Vuilleumier: Ich würde sagen, ich bin jetzt viel mehr in den Trenches, im Schützengraben. Die Sachen, gegen die ich mich engagiere, sind nicht mehr weit weg: Da kann ich nicht Steine schmeissen und wegrennen – ich bin sozusagen selbst Klaus Schwab.
WOZ: Sie, der WEF-Gründer? Ein wilder Vergleich.
Grégoire Vuilleumier: Aber es ist doch so: Ich bin Teil des Problems.
WOZ: Sie meinen, Teil des Patriarchats?
Grégoire Vuilleumier: Ja, genau.
WOZ: Würden Sie eigentlich sagen, Sie sind Feminist?
Grégoire Vuilleumier: Mir scheint, als Cis-Dude ist das sehr schnell Appropriation, also Aneignung. «Feminist» ist für mich ein Badge of Honor, den ich mir erst verdienen muss. Aber ich bin stolz auf meinen Einsatz, auch wenn das, was ich beisteuern kann, im Vergleich viel weniger «unique» ist als früher …
WOZ: Weil Reproduktionsarbeit weniger sichtbar ist?
Grégoire Vuilleumier: Wenn es darum geht, auf einem Demowagen zu rappen, würde ich sagen, bin ich eine «good choice». Aber bei der Haus- und Sorgearbeit, dem Ressourcenmanagement innerhalb eines Haushalts – da steche ich nun wirklich nicht heraus. Eher so Schlusslichtstyle. Es kostet mich also mehr und ich bin in einer weniger komfortablen Situation als früher. Dafür bin ich umso ambitionierter …
WOZ: Es gibt aber auch einen kritischen Diskurs um «performative males» – also Männer, die sich betont progressiv, feministisch und emotional intelligent geben, sich beim Sex aber dennoch übergriffig oder in romantischen Beziehungen patriarchal verhalten.
Grégoire Vuilleumier: Ja, das sollte man noch viel mehr thematisieren! Performativ ist alles, was nichts kostet – und fertig.
WOZ: Vor einem Jahr zitierten Sie im «Republik»-Interview Ihre Frau, die zu Ihnen meinte: «Mach erst mal den Haushalt, bevor du dich wochenlang auf ein Podium gegen sexualisierte Gewalt vorbereitest …»
Grégoire Vuilleumier: … und in der Zeit emotional total abwesend bist. Voll. Das Learning habe ich implementiert.
WOZ: Mit «Tag wird cho» thematisierten Sie 2022 strukturelle Unterdrückung im Rap. Mir blieben besonders die Zeilen, wo es gegen Ende heisst: «Wüu i bi sicher nid besser, Teil vom Problem. Ha dr Shit nid nume gnauso verbreitet u Lüt verletzt, i ha sicher meh als einisch mi Status missbrucht für Sex.»
Grégoire Vuilleumier: Wären diese Zeilen nicht drin, hätte ich keine Legitimität, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es ist keine konkrete Situation, die ich vor Augen habe; vielmehr gehe ich für mich durch, was alles problematisch war: Ich hatte damals einen super Status, und ich hatte viel Sex. Ich war in einer Machtposition, während meine Gegenüber das meist nicht waren. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich sagen musste: «Gell, du willst nicht?» Und die Frau dann meinte: «Nein, ich will nicht.» Das heisst, ich kenne Situationen, in denen sich mein Gegenüber nicht traute, «Nein» zu sagen – und das reicht für mich. Es ist nicht an mir zu entscheiden, ob ich mich immer korrekt verhalten habe. Es ist immer an den Betroffenen, das zu entscheiden. Darum sind mir diese Zeilen mega mega wichtig.
WOZ: Die Strophe ist auch spannend, weil sie eine Seltenheit ist. Damit das Problem der sexualisierten Gewalt überhaupt wahrgenommen wird, müssen meist Frauen und Queers von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Männer, die angeprangert werden, streiten meist alles ab. Und aus eigenem Antrieb sprechen Männer in der Regel nicht selbstkritisch und öffentlich über ihr patriarchales oder übergriffiges Verhalten. Das ist doch ein Manko!
Grégoire Vuilleumier: Ich meinte das auch genau so: Ich beziehungsweise wir haben damals sicher alle mehr als einmal unseren Status für Sex missbraucht. Was mir aber bei der Strophe nicht bewusst war: Sie triggert viele Leute auch. Und das ist völlig verständlich und legitim.
WOZ: Die Reaktionen auf «Tag wird cho» waren also eher kritisch?
Grégoire Vuilleumier: Nein, sie waren eigentlich mega gut. Leila Šurković und Yosina Gio haben mir beim Schreiben geholfen und Big Zis hat mich einmal mehr mentoriert. Zis meinte: «Die letzten vier Zeilen sind wichtig. Der Rest ist Papperlapapp und Pinkwashing, das du dir auch sparen könntest.» Das fand ich gut. Der Satz ganz zum Schluss – «Mir hei aues ghört, u nüt vergässe» –, der stammt von einem queeren Freund. Ich bekomme immer Hühnerhaut dabei. Und dann denke ich: Nein, das kommt schon gut mit den emanzipatorischen Kämpfen. Ich bin da optimistisch. ●
Grégoire Vuilleumier alias Greis (48) ist einer der einflussreichsten Rapper der Schweiz: Ab 1999 stand er als Teil der Rap-Kollaboration Chlyklass und der Hip-Hop-Band PVP auf der Bühne, arbeitete später unter anderem mit Stress und Züri West. Mit dem Basler Gitarristen Benjamin Noti macht Vuilleumier heute Mundartchansons im Duo «Noti Wümié».