Film : Alles in der Schwebe in dieser Familie

Nr. 25 –

Hlynur Pálmason erfindet in «The Love That Remains» das Scheidungsdrama neu – indem er das Drama weglässt.

Filmstill aus «The Love That Remains»: zwei junge Personen halten je die Hälfte eines grossen Fisches
Ein Leben aus den Angeln, trotzdem geht der Alltag weiter: «The Love That Remains» ist beglückend merkwürdig. Filmcoopi

Cannes macht die falschen Filme gross. Das hat auch sein Gutes, denn so ist vieles von dem, was dort unterm Radar lief, ganz frisch zu entdecken ohne die Last der Erwartungen, die preisgekrönten Werken vorauseilen. Der letztjährige Hype? Ein bürgerliches Familiendrama über einen alternden Regisseur, dem seine Kunst zeitlebens wichtiger war als seine Familie und der dann doch in der Kunst zur Versöhnung mit seiner Tochter finden darf. Grand Prix der Jury in Cannes, am Ende der Oscar, dazwischen auch noch gross abgeräumt beim Europäischen Filmpreis: «Sentimental Value» von Joachim Trier war der sentimentale Wert, auf den sich alle einigen konnten.

In Cannes lief damals noch ein anderes nordisches Drama über Kunst und Familie – aber nicht im Wettbewerb, sondern auf der Resterampe für Filme, die zwar überzählig waren, auf die man aber doch nicht verzichten wollte. Auch «The Love That Remains» von Hlynur Pálmason wurde ausgezeichnet in Cannes, aber nur mit dem Juxpreis für den besten Hund. Dabei ist das der viel eigenwilligere, überraschendere, bessere Film.

Die Frage, was man für die Kunst opfern muss und wieso meist Frau und Kinder dafür bezahlen, stellt sich hier ganz anders: Anna (Saga Garðarsdóttir) hat ihren Mann vor die Tür gestellt; als Künstlerin und dreifache Mutter hat sie auch so genug zu tun. Magnús (Sverrir Guðnason), der Vater ihrer Kinder, als Hochseefischer sowieso oft abwesend, sitzt jetzt nur noch als Gast mit am Tisch. Er ist auch der Einzige in diesem Verbund, der die Trennung nicht so richtig wahrhaben will.

Hinrichtung spielen

Scheidungsdrama? Irgendwie schon, aber eines, das nur wenig Drama braucht. Etwa, als die Buben eine Art Marterpfahl errichten und mit Pfeil und Bogen Hinrichtung spielen (nicht zur Nachahmung empfohlen, auch wenn die Szene in der Notaufnahme dann sehr komisch ist). Oder als Magnús meint, bei einem seiner Besuche doch mal den Erzieher markieren zu müssen. Ansonsten ist das ein Film, der nicht auf Plot und einschlägige Konflikte aus ist, sondern auf Bilder und Vignetten, in denen sich das Paradoxe dieser Konstellation verdichtet: dass der Alltag dieser Familie einfach weitergeht, auch wenn ihr Leben aus den Angeln gehoben wurde. In der ersten Einstellung lupft es einem Haus buchstäblich den Deckel – aber dann bleibt das Dach noch lange in der Schwebe, sachte schaukelnd über dem offenen Raum.

Hlynur Pálmason, in Locarno mit seinem Erstling «Winter Brothers» international bekannt geworden, ist bislang eher mit strengen, grüblerischen Männerfilmen aufgefallen. In «The Love That Remains» ist der Isländer jetzt einiges offener unterwegs, lustiger auch. Einmal führt er einen Galeristen vom Festland ein, der Anna in ihrem Atelier besuchen kommt. Der könnte ihre Karriere und damit die Handlung des Films vorantreiben, aber statt sich für ihre Kunst zu interessieren, monologisiert dieser Schwede bloss selbstgefällig vor sich hin und wird nach einem Sündenfall umgehend wieder aus dem Film komplimentiert (weit hinten im Bild, quasi doppelte Strafe).

Vandalen im Galopp

Es hat etwas beiläufig Impressionistisches, wie Pálmason aus dem Leben dieser Familie erzählt (die Kinder im Film sind seine eigenen). Wachholdersaft und Ritterblut, galoppierende Kunstvandalen und ein Hund namens Panda: So freihändig und spielerisch, wie Pálmason seine Motive streut, fügen sie sich zu einem gelebten Ganzen. Ob das Gewächshaus wirklich als Metapher taugt für das, was eine Familie ausmacht, wie einer mal referiert? «The Love That Remains» ist jedenfalls auch ein Film über Hierarchien zwischen den Geschlechtern, im Hühnerstall und anderswo.

Und Magnús? Der will dann auch noch ein Opfer bringen, macht aber alles falsch. So wird er später gleich doppelt von surrealen Wiedergängern heimgesucht, zuletzt schwimmt er buchstäblich im Selbstmitleid. Oder mit der sehr bodenständigen Metaphysik dieses beglückend merkwürdigen Films gesprochen: Wenn du beim Tauchen dein Messer fallen lässt, musst du dich nicht wundern, wenn später ein Schwert vom Himmel fällt. ●

▶ «The Love That Remains». Regie und Drehbuch: Hlynur Pálmason. Island/Dänemark/Schweden/Frankreich 2025. Jetzt im Kino.