Herausforderungen der Nachfolgesuche : «Eine Praxis ist ein KMU»
Patrick Tuor berät Ärzt:innen bei rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen rund um die Übergabe ihrer Praxis.
WOZ: Herr Tuor, Sie beraten Ärzt:innen bei betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und administrativen Fragen. Was sind die grössten Herausforderungen bei der Übergabe einer Hausarztpraxis?
Patrick Tuor: Der Markt ist regional sehr unterschiedlich. In der Stadt Zürich findet sich oft innert kürzester Zeit eine Nachfolge, während dies in einem Bündner Bergdorf deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen kann. Hinzu kommen unterschiedliche kantonale Regelungen. So ist es beispielsweise in Kantonen ohne Selbstdispensation, also ohne die Möglichkeit, selbst Medikamente verkaufen zu können, schwieriger, eine Praxis zu verkaufen.
WOZ: 2022 trat die Revision des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung in Kraft. Seither sind die Kantone für die Zulassung von Hausärzt:innen zuständig. Unter anderem verlangt Graubünden seither, dass eine Praxis, die eine:n Ärzt:in anstellen will, die Form einer AG oder GmbH hat. Macht der kantonale Flickenteppich die Nachfolgeregelung schwieriger?
Patrick Tuor: Ja. Graubünden gehört zusammen mit Glarus, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden sowie St. Gallen zu den wenigen Kantonen, die die eidgenössischen Vorgaben in dieser Form auslegen. Graubünden hat diese Regelung zudem gesetzlich verankert und setzt sie entsprechend konsequent um.
WOZ: Weshalb haben so viele Hausärzt:innen auf dem Lande Mühe, eine Nachfolge für ihre Praxis zu finden?
Patrick Tuor: Viele warten zu lange. Die Nachfolge eines KMU aufzugleisen, dauert oft fünf bis zehn Jahre – und eine Arztpraxis ist letztlich ebenfalls ein KMU. Viele wissen zudem nicht, wie sie den Prozess angehen sollen, wo sie ihre Praxis ausschreiben können oder welche Massnahmen ihre Chancen auf eine erfolgreiche Nachfolgelösung erhöhen.
WOZ: Was zum Beispiel?
Patrick Tuor: Ein Beispiel sind Assistenzstellen. Wer Ausbildungsplätze für Assistenzärzt:innen in der eigenen Praxis anbietet, bleibt bei jungen Ärzt:innen präsent. Unter Umständen übernimmt später eine oder einer von ihnen die Praxis.
WOZ: Gibt es denn zu wenig junge Hausärzt:innen, die nachrücken?
Im Gegenteil: Im Moment gibt es eher zu wenige Praxen im Angebot. Wir bei der FMH Consulting Services haben aktuell nur eine Handvoll Praxen im Angebot. Vor einigen Jahren begleiteten wir gleichzeitig noch 20 bis 25 Praxen bei der Nachfolgesuche. Damals fanden sich in der Regel rasch Käufer.
WOZ: Das heisst, es gibt eigentlich gar kein Nachwuchsproblem?
Im Gegenteil: Doch. Wenn die Generation der Babyboomer in den kommenden Jahren in Rente geht, wird eine grosse Herausforderung auf uns zukommen. Wir müssen uns auf deutlich mehr Anfragen vorbereiten. Die Generation, die in Rente geht, wird sich nicht eins zu eins durch junge Ärzt:innen ersetzen lassen. Das liegt auch daran, dass viele Mediziner:innen der jüngeren Generation nicht mehr Vollzeit arbeiten möchten.
WOZ: Was bedeutet es für pensionierte Ärzt:innen, wenn sie ihre Praxis schliessen müssen?
Im Gegenteil: Auf sie kommt ein erheblicher Aufwand zu. Sie müssen die medizinischen Geräte verkaufen, für die sie oft nur noch einen geringen Preis erzielen. Teilweise müssen sie die Praxis auch zurückbauen, wenn es sich ursprünglich um eine Wohnung gehandelt hat. Einer der grössten Kostenpunkte ist jedoch die Einlagerung der Krankengeschichten, die zwanzig Jahre aufbewahrt werden müssen. ●